Plage in Ostafrika

Kenia kämpft gegen die Heuschrecken: Alternative zum Nervengift in Aussicht

  • Johannes Dieterich
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Kenia hat die Heuschreckenplage eingedämmt, mit Hilfe bedenklicher Chemikalien. Nun wollen Forscher eine neue Methode im Kampf gegen die Tiere gefunden haben.

  • Kenia und weitere Länder in Ostafrika werden von einer Heuschreckenplage heimgesucht
  • Eine Hungersnot in Kenia kann wohl abgewendet werden
  • Wissenschaftler forschen zur Eindämmung der Heuschreckenplage an einer Alternative zum Nervengift

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) meldet Erfolge. Im ostafrikanischen Staat Kenia, der seit Anfang 2020 von der schlimmsten Heuschreckenplage seit 70 Jahren heimgesucht wird, sei die Gefahr einer Hungersnot weitgehend gebannt, heißt es in Rom. Die noch verbliebenen Heuschreckenschwärme seien auf den wenig fruchtbaren Norden des Landes begrenzt worden. Dieser Erfolg sei einem umfangreichen Sprühprogramm mit Insektenvernichtungsmittel zu verdanken, das rund eine halbe Billion Heuschrecken getötet habe. Eine Fünf mit elf Nullen.

Seit Monaten sind über Kenia acht Flugzeuge unterwegs, die von Heuschrecken-Scouts vor Ort über Mobilfunk angefordert werden. Die Flugzeuge sind mit Chemikalien beladen, die gefährlich klingende Namen wie Fenitrothion, Chlorpyrifos, Fipronil oder Diflubenzuron tragen, die für Heuschrecken bereits in geringsten Mengen tödlich sind. Sie legen ihr Nervensystem lahm. Der Haken an den Nervengiften: Sie bringen auch alle andere Insekten um, einschließlich jener Tiere, die sich von den getöteten Insekten ernähren. Auch Bienen überleben einen Fenitrothion-Regen nicht.

Heuschreckenplage in Kenia: Vernichtungsmittel im Einsatz

Die schlimmste Plage seit 70 Jahren: Eine Hungersnot in Kenia konnte wohl abgewendet werden.

Schädliche Auswirkungen auf die Menschen hätten die Insektenvernichtungsmittel nicht, sagt Mehari Tesfayohannes Ghebre von der Heuschrecken-Kontrollorganisation in Ostafrika (DLCO-EA): „Es sei denn, man trinkt einen Liter davon.“ Die Chemikalien würden jedoch in großer Verdünnung gespritzt, für einen Hektar werde etwa ein Liter gebraucht. „Und nach 24 Stunden ist alles verdunstet.“ Ibrahim Macharia, Agro-Ökonom an der Kenyatta Universität ist sich da nicht so sicher: Manche der in Kenia zum Einsatz kommenden Chemikalien seien in Europa längst verboten, mit Pestiziden behandeltes Gemüse weise oft eine dermaßen hohe Giftbelastung auf, dass dessen Einfuhr in EU-Länder immer wieder gestoppt werde.

Schon seit Jahren gibt es allerdings auch biologische Schädlingsvernichtungsmittel. Im Fall der Heuschrecken bestehen sie aus dem Fungus Metarhizium, der die Insekten von innen zersetzt. Allerdings wird der Pilz auch andere Insekten wie Mistkäfer oder Termiten zum Verhängnis. Vor allem aber kann Metarhizium nur bei bestimmten Wetterverhältnissen versprüht werden und ist gegen bereits schwärmende Heuschrecken, die sich zu Hunderte von Millionen Exemplare zählenden Wolken zusammenrotten, unbrauchbar. Hätte die kenianische Regierung zu Beginn der Plage schneller reagiert, wäre die Methode noch möglich gewesen.

Heuschreckenplage in Kenia: Mögliche Alternative zum Nervengift

Ein chinesisches Forscherteam will nun allerdings eine ganz neue Waffe im Kampf gegen die Heuschrecken gefunden haben. In ihrem Beitrag im US-Wissenschaftsmagazin „Nature“ berichten die Wissenschaftler des Zoologischen Instituts in Peking, sie hätten den chemischen Stoff entdeckt, der für das Schwärmen der Heuschrecken verantwortlich ist. Dabei handele es sich um einen Sexuallockstoff, dem die Forscher den Namen „4-Vinylanisole“ oder kurz 4VA verliehen, und den die normalerweise einzelgängerischen Insekten abgeben, bevor sie sich zusammenrotten.

Heuschreckenschwarm in Kenia.

Die Wissenschaftler wollen außerdem das Gen der Heuschrecke gefunden haben, das für die Aufnahme des Lockstoffs an den Fühlern verantwortlich ist: Werde dieses Gen deaktiviert, würden die Tiere erst gar nicht Ausschwärmen, die Gefahr wäre gebannt. Die Insekten müssten nicht einmal genmanipuliert werden, heißt es in dem Beitrag weiter: Man könne die gefräßigen Insekten mit 4A4 auch in Fallen locken.

Heuschreckenplage in Kenia: Noch keine Entwarnung für andere Länder

Der Haken dieser Entdeckung: Sie ist noch zu jung zur Anwendung. Weil die chinesischen Wissenschaftler mit einer anderen Heuschreckenart forschten, ist noch nicht einmal bekannt, ob auch die in Ostafrika schwärmenden Wüstenheuschrecken den Sexuallockstoff 4A4 abgeben.

Also noch keine Entwarnung für die insgesamt zehn von der Plage heimgesuchten ostafrikanischen Staaten. Scheinen die Schwärme in Kenia auch unter Kontrolle zu sein, hält die Plage in Äthiopien und Somalia an, wo wegen des Bürgerkriegs keine Sprühflüge stattfinden können. Mehrere Schwärme haben sich inzwischen auch von Kenia in nördliche Richtung in den Südsudan und den Sudan auf den Weg gemacht. Nun fürchten Experten, dass die Insekten bis in die politisch und sozial höchst instabile Sahelzone vordringen könnten. Wenn das passiert, so heißt es bei der FAO in Rom, sei die Katastrophe perfekt.

Rubriklistenbild: © TONY KARUMBA/AFP

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