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Der Pavillon im Schlossgarten Aschaffenburg: Hier fand der Parkwächter am 19. Dezember 1979 Christiane J.s Sachen.

Cold Case

Alte Wunden

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40 Jahre nach dem gewaltsamen Tod einer 15-Jährigen in Aschaffenburg steht nun ein Mann vor Gericht, der schon 1979 als Beschuldigter galt. Für die Ermittler, die den Fall neu aufgerollt haben, wäre es der zweite spektakuläre Altfall, den sie aufklären.

Er hatte sie nach einem Discobesuch abgefangen, er hatte die 22-Jährige stundenlang im Auto vergewaltigt, mit einem Schraubenschlüssel auf sie eingestochen und sie dann lebensgefährlich verletzt im Wald zurückgelassen. Doch die Frau überlebte. 30 Jahre später sitzt das einstige Opfer dem Täter gegenüber, bei einem Prozess vor dem Landgericht Aschaffenburg, an den wohl niemand mehr geglaubt hatte.

„Es ist auch ein bisschen befreiend, jetzt hier sein zu können“, sagt die zierliche Frau an jenem Verhandlungstag im Mai 2018, als sie dem Schwurgericht ihr Martyrium noch einmal in allen Einzelheiten schildert. Ihr Auftreten, ihre Stärke, ihr Mut beeindruckt die Lokalreporter, die dabei waren, bis heute. Der Fall Hasenkopf – benannt nach dem Tatort am Hasenkopf-Hügel in der Nähe der unterfränkischen Stadt – habe sie ewig verfolgt, erzählen Kollegen auf den Fluren des Landgerichts, vor dem in diesen Tagen ein weiterer, spektakulärer Kriminalfall aufgerollt wird.

In diesem Fall aber ist es anders: Das Opfer hier kann nicht mehr aussagen. Es wurde ermordet, am Abend des 18. Dezember 1979 in Aschaffenburg. Die 15 Jahre alte Bürohelferin Christiane J. besuchte einen Stenografiekurs in der Stadt, zehn Gehminuten entfernt von ihrem Elternhaus. Eine Freundin begleitete sie für gewöhnlich, an diesem Abend aber war die Freundin verhindert. Christiane J. ging allein zu dem Kurs – von dem sie nie nach Hause kam. Die Grausamkeit offenbarte sich am nächsten Morgen an einem der schönsten Orte der Stadt: Im Schlossgarten oben am weißen Pavillon, den einst König Ludwig I. bauen ließ, fand der Parkwächter eine Bluejeans, einen Slip und eine Handtasche. Am Fuße des Steilhangs, unten am Main, fand er ihre Leiche, mit einem Holzbrett bedeckt, untenherum entkleidet.

„Wer hat Christiane J. am Dienstagabend gesehen?“, „15-Jährige wurde vergewaltigt und danach 15 Meter hinab in die Tiefe gestürzt“, „Noch immer keine Spur vom Täter“ – titelte der Lokalteil des „Main-Echo“ Tage danach. Das immer gleiche Schwarz-Weiß-Foto des Mädchens wurde abgedruckt, ihr vermuteter Weg auf einer Karte nachgezeichnet. Eine Belohnung für Hinweise auf den „Schlossgartenmörder“ wurde ausgesetzt, zunächst 3000 D-Mark, später 10 000, schließlich 20 000. Die Aschaffenburger waren geschockt und auch in Angst, je länger sie den Täter noch unter sich wähnten. Eine 25-köpfige Sonderkommission ging mehr als 500 Hinweisen nach, befragte rund 1500 Personen. Was an jenem Abend zwischen 19.40 und 21 Uhr mit Christiane J. geschah, konnte nie geklärt werden. Bis jetzt.

Kriminaloberrat Markus Schlemmer sitzt in der Verhandlung am Landgericht Aschaffenburg. Dass hier gerade ein Mordprozess mit 40 Jahren Zeitverzögerung begonnen hat, ist vor allem ihm und seiner Ermittlungskommission Altfälle zu verdanken. Sie versucht, sogenannte Cold Cases zu lösen, Fälle, die noch nach Jahren, manchmal Jahrzehnten nicht aufgeklärt sind. Einer seiner Mitarbeiter, der zum Tatzeitpunkt selbst noch ein Kleinkind war, ist als Zeuge geladen. Vier Stunden lang und mit mehr als 200 Folien einer Powerpoint-Präsentation erläutert er dem Schwurgericht, wie die Ermittlungen der Kollegen 1979 abliefen, warum es aus damaliger Sicht keine heiße Spur gab und wie sie selbst den Fall angegangen sind. Kurzum: Wie sie jetzt den tatverdächtigen Norbert B. dingfest machen konnten.

Die Schlagzeile im Main-Echo, kurz nach der Tat im Dezember 1979.

Schlemmers Kollege hat das schon einmal getan, im Prozess zum Fall Hasenkopf. Als Zeuge erklärte er 2018 dem Gericht, wie er und seine Kollegen aus der Ermittlungskommission die an der Autorückbank gesicherte Täter-DNA knapp 30 Jahre später noch einmal ins Labor schickten. Dank neuester Technik und eines Datenbankeintrags, den der Mann wegen einer weiteren Vergewaltigung inzwischen hatte, gab es einen Treffer. Der heute 56-Jährige wurde wegen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wie das Gericht letztlich entscheidet, ist für Markus Schlemmer aber gar nicht maßgebend. „Es geht uns darum, die Wahrheit herauszufinden, zu ermitteln, was wirklich passiert ist.“ Zweimal hat seine 13-köpfige Kommission das schon geschafft; zweimal in Fällen, die über Jahrzehnte ungeklärt blieben. Dazu gehöre ein absolut ehrgeiziges Team, sagt Schlemmer, der Verdienst gebühre aber der gesamten Polizeiinspektion. Schließlich laste das Alltagsgeschäft auf den Schultern der anderen, es gebe keine zusätzliche Cold-Cases-Einheit, die sich mit unaufgeklärten Fällen beschäftigt.

Aufgekommen war die Idee mit den Altfällen 2016 als Nebenaufgabe für ruhige Zeiten. Jeder Dienstgruppe gab Schlemmer einen Fall. „Die Motivation war groß, die Zeit knapp“, sagt er. Im Fall Hasenkopf kam dann der Durchbruch: Durch den DNA-Treffer bestätigt, untersuchten die Kollegen etliche ähnliche Sexualverbrechen aus der Region, tauschten sich sogar länderübergreifend aus, vermuteten einen Serientäter. Der Verdacht bestätigte sich am Ende nicht, aber die anderen Fälle waren angekratzt – auch der Mord an Christiane J. Die Kollegen wollten weitermachen.

Wenn eine andere Ermittlergeneration einen alten Fall neu betrachtet, gibt es zwei Möglichkeiten: Ihnen hilft ihr unvoreingenommener Blick, ein ungewöhnlicher Ansatz, eine kluge Idee – oder die moderne Technik. Die Möglichkeiten der Kriminaltechnik verbessern sich stetig. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist heute weniger als ein Zehntel der Spurenmenge erforderlich, um ein verwertbares DNA-Muster zu erhalten. Eine verwertbare Spur kann alles sein: Blut, Muskelgewebe, Haut, Knochen, Haare, Sperma, Speichel oder Schweiß. Auch die Aussagekraft der Analysen ist inzwischen viel besser: Wo früher Substanzen wie etwa Tabak die Untersuchung erschwerten, kann DNA heutzutage deutlich sauberer aufgearbeitet und zugeordnet werden. Und das noch nach Jahrzehnten. Die Zeit arbeitet für und gleichzeitig gegen Cold-Case-Ermittler. Denn mit jedem Jahr sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Zeugen, Angehörige und Täter noch leben.

Der Parkwächter, der Christiane J. fand, ist inzwischen tot. Ihr Vater ist ein Jahr nach dem Mord tödlich verunglückt. Ihrer Mutter, heute 75 Jahre alt, soll es gesundheitlich schlecht gehen. Die beiden Geschwister von Christiane J. sind Nebenkläger vor Gericht. Sie haben nie mit Journalisten sprechen wollen. Manfred Röllinghoff war 1979 Polizeireporter des „Main-Echo“. Er ist seit knapp zehn Jahren in Rente und nie weggezogen. Die Familie habe man damals in Ruhe gelassen, sagt er, „das war für sie alles schlimm genug“. Er erinnert sich, wie er am Morgen nach der Tat in den Schlosspark geschickt wurde. „Ich habe noch die Schleifspuren der Leiche gesehen“, sagt Röllinghoff. 40 Jahre später steht er wieder am Tatort, zeigt auf das Gebüsch, wo das Mädchen wohl erwürgt worden ist, geht die paar Schritte zum Geländer am Abhang, wo sie leblos 15 Meter in die Tiefe gestoßen wurde. „Es gab so einige Kriminalfälle in meiner Karriere“, sagt der 76-Jährige. „Aber der Fall Hasenkopf und der Fall Christiane haben mich immer begleitet.“

Den Prozess zum Fall Hasenkopf hat Röllinghoff als Zuschauer verfolgt, auch im aktuellen Fall hätte er das gern getan: dem Angeklagten einmal in die Augen sehen. Aber die Verhandlung ist nicht öffentlich, so will es das Jugendgerichtsgesetz, denn Norbert B. war zur Tatzeit erst 17 Jahre alt. Viel weiß man über den Mann nicht, der in der Nachbarschaft des Mädchens lebte, angeblich direkt schräg gegenüber. Nur dass er geheiratet hat, mit seiner Frau zwei Kinder bekam und ein Tabakgeschäft geführt haben soll. Aus der Gegend weggezogen ist er bis heute nicht. Die Tat von damals bestreitet er vor Gericht. Er habe Christiane J. zwar gekannt und ihr – wie viele Jungen aus der Nachbarschaft – Liebesbotschaften geschrieben, mehr aber nicht. Sie habe alle abgewiesen.

Von vielen Jungen aber galt Norbert B. bei den Ermittlungen 1979 als „Beschuldigter Nummer eins“, sagt der Cold-Case-Ermittler vor Gericht. Ein ominöser Aktenvermerk habe dazu geführt, dass man seine Spur nicht verfolgte: Ein Streifenpolizist vermerkte, den Jungen kurz vor der Tatzeit noch an der Ohmbachsgasse in der Stadt bemerkt zu haben – zehn Gehminuten vom Schlosspark entfernt, 15 Gehminuten entfernt von der Ecke, wo Christiane das letzte Mal nach ihrem Kurs gesehen wurde. Ob es tatsächlich der Junge war, den der Polizist sah, und wie schnell er hätte am Tatort sein können – all das wurde nicht geprüft.

Erst das Team von Markus Schlemmer tat, was es bei Altfällen immer tut: jede Spur zu Ende gehen, jede noch so absurde Theorie zu Ende denken, jedes Puzzleteil neu ansetzen, bis wenigstens einige Teilchen zusammenpassen und irgendwann ein Bild entsteht. Sie stellten fest, dass der Polizist, der Norbert B. gesehen haben wollte, derselbe war, der die Vermisstenanzeige von Christianes Eltern aufnahm – und dass er sich beim Tatzeitraum um eine halbe Stunde vertan haben muss. Die Spur Norbert B. wurde wieder heiß. Sie erwirkten einen Beschluss für einen zahnmedizinischen Abdruck, um diesen mit der Bissspur an dem Mädchen abzugleichen. Und: Treffer. Wieder half die Technik auch bei diesem Abgleich, dazu wird am 15. Januar eine Gutachterin vernommen.

Acht Verhandlungstage sind noch angesetzt, ein Urteil könnte am 6. Februar fallen. Vor der Jugendkammer lautet die Höchststrafe: zehn Jahre Haft. Ermittlerchef Schlemmer geht es um etwas anderes: „Mörder sollen wissen, es gibt Menschen, die ihnen auf der Spur sind. Sie sollen mit der Angst leben, dass es jeden Tag an ihrer Tür klingeln könnte und es die Polizei ist. Auch Jahrzehnte später.“

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