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Eine UKS-Beschäftigte hat gekündigt, um nicht mit Bernhard S. zusammenarbeiten zu müssen.
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Eine UKS-Beschäftigte hat gekündigt, um nicht mit Bernhard S. zusammenarbeiten zu müssen.

Kindesmissbrauch

Als wäre nichts geschehen

  • vonPeter F. Müller
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  • Klaus Martens
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Das Uniklinikum des Saarlandes machte erstmals Schlagzeilen, als dort im Juni 2019 mehrere Fälle mutmaßlichen Kindesmissbrauchs bekannt wurden. Ein Jahr später kam heraus, dass ein Professor Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben soll. Der Mann wurde suspendiert, die Klinikleitung versprach Aufklärung. Nun soll der Mediziner wieder dort arbeiten – obwohl inzwischen auch dessen fachliche Eignung angezweifelt wird.

Das Gerücht kursiert seit Wochen. Am heutigen Donnerstag dürfte daraus eine offizielle Mitteilung werden. Und es ist zu vermuten, dass das, was Wolfgang Reith, der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) heute den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der HNO-Klinik zu sagen hat, auf einiges Unverständnis stoßen, wenn nicht gar Entsetzen auslösen wird. Denn Reith wird darüber informieren, dass der im Mai suspendierte Leiter der HNO-Klinik, Professor Bernhard S., wieder ihr Chef sein wird. So hat es die saarländische Regierung in Absprache mit UKS-Chef Reith entschieden.

Sandra Pauls (Name geändert) arbeitet nicht mehr am UKS. Sie hat längst gekündigt, um nicht mehr mit Prof. S. zusammenarbeiten zu müssen. Die Ärztin ist eine von zahlreichen Betroffenen und Zeug:innen, die mit den Autoren dieses Textes Gespräche über die Geschehnisse in der HNO geführt haben. Sandra Pauls hat auch der Polizei beschrieben, wie ihr Chef sie mehrfach sexuell belästigte. So habe er während der Visite in einem Krankenzimmer seine Hand langsam an ihrem Rücken herunter gleiten lassen. „Dann fasste er mir an den Po.“ Oder, nachdem er bei einem Patienten die Polypen entfernt hatte, habe S. seine Hände auf ihren Busen gedrückt und gesagt: „So stark muss der Druck auf die Wunde sein, wenn man bei dem Patienten die Blutung zum Stillstand bringen will.“

„Da war es plötzlich mucksmäuschenstill im OP“, erinnert sich Sandra Pauls. Unter den Kolleginnen, die das mitbekommen hatten, herrschte Fassungslosigkeit. Eine von ihnen, Martina Böhm (Name geändert) bestätigt im vetraulichen Gespräch: „Alle waren peinlich berührt.“ Und die Anästhesistin und eine OP-Schwester hatten Sandra Pauls später angeboten: „Wenn Du Hilfe brauchst, stehen wir als Zeuginnen zur Verfügung,“ Das war im Juni 2017. Es sollte noch einige Zeit dauern, bis auch andere Frauen nicht mehr zu den sexuellen Belästigungen ihres Chefs schweigen wollten.

Genau dieser Tatbestand führte jetzt zur offiziellen Begründung der Staatskanzlei, warum Professor S. seinen Dienst wieder aufnehmen darf. Da heißt es, dass mehrere betroffene Frauen bei der Polizei Aussagen zu den Übergriffen ihres Chefs gemacht haben. Und weil das so ist, bestünde also „keine Gefahr einer unlauteren Einflussnahme des Beamten auf die Ermittlungen in dem Sinne, dass er auf Zeugen einwirken wird“.

Rückblick: Am 19. Mai 2020 hatte Oberstaatsanwalt Michael Görlinger vor dem Justizausschuss des saarländischen Landtags erklärt, dass gegen den Direktor der HNO-Klinik wegen Vorwürfen sexueller Belästigung strafrechtlich ermittelt werde. Er berief sich auf eine anonyme Anzeige vom Dezember 2019 und auf polizeiliche Vernehmungen. Er berichtete den Abgeordneten über eine ganze Reihe strafrechtlich relevanter Ereignisse, die in der HNO-Klinik stattgefunden haben sollen. Einer Mitarbeiterin habe der Direktor von hinten in die Haare gefasst und sich dicht an sie geschmiegt, „wobei sie das Geschlechtsteil des Arztes durch die Kleidung gespürt habe“. Einmal habe er einer OP-Schwester, während sie ihm den OP-Kittel anzog, medizinische Anweisungen gegeben und ihr dabei an die Brüste gefasst, ein anderes Mal über den Kopf eines Kindes hinweg die Mitarbeiterin begrapscht. Annette Groh, in der Staatskanzlei zuständig für das Universitätsklinikum, hatte hinzugefügt, Professor S. sei am 7. Mai 2020 über seine vorläufige Suspendierung informiert worden.

Über die Staatskanzlei soll Bernhard S. eine Frau kontaktiert haben, die gegen ihn ausgesagt hat. Diese empfand das als Versuch, sie „nachträglich zu beeinflussen“.

Neben den Vorwürfen sexueller Übergriffe gibt es aber auch noch einen anderen: Es fehle dem Klinikchef angeblich auch an fachlicher Eignung als Arzt und Operateur. Das jedenfalls wird in einem Schreiben an Stephan Kolling, den Staatssekretär im Sozialministerium, behauptet. Kolling, zuständig für die Fachaufsicht über das Universitätsklinikum, ist seit 2014 Aufsichtsratsmitglied des UKS. Wieder ist es ein anonymes Schreiben: „Ich habe Angst, dass Herr S. versuchen könnte, mir zu schaden (...). Ich habe mit mir gerungen, ob ich Sie über diese Vorgänge informieren soll. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich verhindern möchte, dass anderen Patienten Ähnliches widerfährt.“

Was folgt, sind präzise Beschreibungen von Behandlungen und Operationen, die der HNO-Chef an zwei erwachsenen und einem jugendlichen Patienten durchgeführt hat. In einem Fall soll es im März 2017 in Folge einer Nasennebenhöhlenoperation zur Erblindung der Patientin gekommen sein. Ein zweiter Fall beschreibt den Krankenhausaufenthalt eines Patienten, der wegen einer Engstelle der Luftröhre in die HNO überwiesen worden war. Es sei fahrlässig gewesen, den Patienten nicht zur Überwachung „auf die Intermediate-Care-Station der HNO-Klinik im selben Gebäude gelegt“ zu haben, so der Vorwurf. Der Patient sei mutmaßlich erstickt, „weil auf der Normalstation die Atemwege nicht gesichert worden“ seien.

Bei dem Jugendlichen ging es um einen Tumor im Nasenrachenraum, den Professor S. entfernen wollte. Genau das aber war ihm angeblich nicht gelungen, wie in der postoperativen MRT-Kontrolle zu sehen war. Es hätten sich „noch große Anteile eines Resttumors“ gezeigt. Es soll zu starken Nachblutungen gekommen sein, so dass der Patient mit Bluttransfusionen versorgt werden musste. Und weil der Chef die Eltern nicht über den Resttumor informierte, habe ein Stationsarzt „im Entlassbrief vorsichtig vermerkt, dass ein Verdacht auf einen Resttumor bestehe. Dies habe er für eine wichtige Information für den weiterbehandelnden Arzt und die Eltern gehalten.“ Als er nach der Entlassung des Patienten das Dokument nochmal am Computer durchgelesen habe, stellte er aber fest, „dass diese Passage aus dem Brief entfernt gewesen sei“.

Ärzte und Ärztinnen berichten den Autoren, dass der Chefarzt in weiteren Fällen erhebliche Fehler begangen haben soll, selbst dann, wenn seine Mitarbeiter versuchten, ihn auf mögliche Fehler hinzuweisen. Auf einem Ultraschallbild soll er das Ausmaß eines Tumors an der Ohrspeicheldrüse eines Patienten nicht erkannt haben. Und obwohl er auf das Detail aufmerksam gemacht worden sei, soll er den Befund mit einem beiläufigen „Da ist nichts“ kommentiert haben. „Am Ende hatte er nur einen Teil des Tumors entfernt,“ berichtet eine Zeugin. Das fünfseitige Schreiben an Staatssekretär Kolling, das den Autoren aus dem Kreis der Betroffenen und Zeugen zugespielt worden ist, schließt mit der Bitte „um Überprüfung der dargestellten Sachverhalte im Sinne der Patienten und Mitarbeiter am UKS“. Ob dieser Bitte jemals nachgekommen wurde, ist nicht bekannt. Bekannt ist eine der Begründungen, den suspendierten HNO-Chef wiedereinzustellen. Ein Sprecher der Staatskanzlei formuliert es auf Anfrage so: Professor S. sei „auf den Erhalt seiner Fähigkeiten als Operateur angewiesen. Dies sei nur durch eine entsprechende Operationspraxis möglich“.

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen charakterisieren ihren klinischen Direktor als Chef, „der sich schlicht für allmächtig und unangreifbar hält. Frauen akzeptiert er nur, wenn sie jung und kinderlos sind. Sobald eine Kollegin schwanger wird, hört man von ihm nur verächtliche Kommentare wie der, der noch zu den harmlosen gehört: ‚Hätte ich das gewusst, wäre sie von mir nicht eingestellt worden‘.“

Am 26. November 2020, sechs Monate nach der Suspendierung von Professor S., erhält die Rechtsanwältin einer betroffenen Zeugin einen Anruf aus der Staatskanzlei. Zu diesem Zeitpunkt ist von einer Aufhebung der Suspendierung von Prof. S. noch nicht die Rede. Der Anrufer ist Felix Brocher, der von der Landesregierung eingesetzte Ermittlungsführer im Disziplinarverfahren gegen den Klinikleiter. Er rufe „quasi als Bote des Rechtsanwalts von Professor S. an“. S. wolle mit der Ärztin sprechen, um sich mit ihr zu verständigen. In einem zweiten Telefonat vier Tage später wird Brocher konkreter: Das Thema des Gesprächs soll die zukünftige Zusammenarbeit sein, vor der sich die Zeugin nicht zu fürchten brauche. Auch die Facharztausbildung könne sie bei ihrem Chef fortsetzen. Es ginge aber auf keinen Fall um eine Entschuldigung oder gar um ein Eingeständnis. „Ich war regelrecht geschockt“, sagt die Zeugin den Autoren später. „Keine Entschuldigung, kein Schuldeingeständnis.“ Das Gesprächsangebot habe sie „als Drohung empfunden“, einen „forschen Eingriff“, der sie ängstige. Sie fragt, warum ausgerechnet der Ermittlungsführer des Disziplinarverfahrens das Gesprächsangebot vermittelt.

Die betroffene Ärztin und die Anwältin lehnen das Angebot ab. Auf die Frage, inwieweit ein suspendierter Beamter solche Angebote und Zusicherungen überhaupt machen kann, hat die Rechtsanwältin keine schlüssige Antwort. Erst als ihr klar wird, dass die Staatskanzlei zu diesem Zeitpunkt offensichtlich schon die Aufhebung der Suspendierung des Arztes beabsichtigt, ahnt sie die mögliche Absicht des Anrufers. „Auf mich wirkte das wie ein Versuch, meine Zeugenaussagen nachträglich zu beeinflussen“, sagt die Zeugin.

Die Vorwürfe gegen den Klinikchef sind massiv und erfüllen mutmaßlich den Straftatbestand der sexuellen Belästigung nach §184i Strafgesetzbuch: „Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft...“ Die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen. In saarländischen Justizkreisen hält man eine Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Professor S. für sehr wahrscheinlich. Dass die Staatskanzlei als Rechtsaufsicht in dieser Situation trotzdem die Suspendierung des Arztes aufhebt, ist kaum nachzuvollziehen.

Abgesehen vom Fall Professor S. sind auch noch andere Vorfälle in der HNO-Klinik aufzuklären, mit denen sich ein Untersuchungsausschuss des saarländischen Landtags erstmalig am 18. August 2020 beschäftigt. Dabei geht es um mehrere Verdachtsfälle von Kindesmissbrauch, zu denen die Staatsanwaltschaft Saarbrücken verschiedene Ermittlungsverfahren gegen unbekannt eingeleitet hatte.

Der erste Fall ist datiert auf den 27. Juli 2012. An diesem Tag ruft ein Arzt aus dem Operationssaal der HNO-Klinik die Kinderschutzgruppe des Uniklinikums an. Man habe bei der Verabreichung eines Schmerzzäpfchens nach erfolgter Operation am Nasenrachenraum „eine blutende Wunde im Genitalbereich sowie eine klaffende am Anus“ festgestellt. Das sechsjährige Mädchen könnte „fraglich vergewaltigt worden sein“. Die Kinderschutzgruppe besteht aus drei Ärzten, darunter ein Rechtsmediziner. Sie untersuchen das Mädchen und beurteilen die Verletzung „als verdächtig auf eine äußere Gewalt“. Und weil die Unterhose bei Einweisung der jungen Patientin „keine Blutantragungen zeigt“, kann die Verletzung nur erfolgt sein, nachdem die Mutter ihr Kind vor dem Operationsraum in die Obhut des Personals gegeben hatte.

Der Direktor der HNO, Professor S. entscheidet, die Mutter nicht zu informieren, „um“, so formuliert er es, „Schaden von der Institution abzuwenden“. Im August 2012 versucht er dem Vorgang ein Ende zu bereiten, indem er seine Sicht der Dinge vorträgt: „Es bestehen,“ so der Direktor, „nach intensiven Gesprächen von meiner Seite keine Hinweise auf eine Missbrauchssituation in der Zeitspanne des Aufenthaltes der jungen Patientin in der Klinik für HNO-Heilkunde am Universitätsklinikum des Saarlandes.“ Damit ist für ihn und die gesamte HNO-Klinik der Fall erledigt.

Sieben Jahre später, im Sommer 2019, hat die Mutter den Autoren die Patientenakte ihrer Tochter gezeigt. Nach dem Vorfall habe man sie mit Ausflüchten beruhigen wollen. Klipp und klar sei ihr gesagt worden, dass eine Anzeige nur ihrer Tochter schaden würde. Und die Wunden seien ja nicht so schlimm gewesen. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Bis heute haben sich die Verdachtsfälle auf Missbrauch in der HNO auf sieben erhöht. Anfang 2020 beauftragt die Staatsanwaltschaft das Institut für Rechtsmedizin an der Universität Mainz mit der Erstellung eines Gutachtens zum Fall des Mädchens. Und das kommt zu der Einschätzung, dass „der Befund als Hinweis auf einen solchen Missbrauch gesehen“ wird.

Als die Mutter jetzt im Gespräch mit den Autoren erfährt, dass die Suspendierung des HNO-Chefs aufgehoben werde, reagiert sie wie versteinert. Sieben Jahre lang hatte sie an der Version der Klinikleitung gezweifelt, deswegen auch die Krankenakte ihrer Tochter aufbewahrt. Aber wegen der Einschüchterung durch die Klinik habe sie nichts unternommen. Jetzt hatte die Staatsanwaltschaft weitere Fälle aufgedeckt, so dass sie hoffen durfte, dass der Fall ihrer Tochter endlich aufgeklärt würde. „Und jetzt die Rückkehr des Direktors, als wäre nie etwas geschehen.“

Zur den Verdachtsfällen gehört auch der damals achtjährige Samuel (Name geändert). Als er nach einer Operation im Rachenraum und an den Ohren aus dem OP zurück auf die Kinderstation kam, stellten die Krankenschwestern und die Eltern schwere Verletzungen an den Genitalien des Jungen fest. Samuels Eltern sind erschüttert, als sie von den Autoren erfahren, dass die Rücknahme der Suspendierung von Professor S. von der Landesregierung mit dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz erklärt wird. Und dass es zur Fürsorgepflicht für den Professor gehört, ihn wieder in seiner alten Position arbeiten zu lassen. „Und was ist mit der Fürsorgepflicht gegenüber den Patienten?“ fragen sie.

Seitdem die Ärztinnen und Pflegerinnen in der HNO wissen, dass der Chef bald wieder da sein wird, fragen auch sie sich: „Und was ist mit der Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeiterinnen?“ Immerhin weiß Professor S., wer ihn mit den Aussagen bei der Polizei belastet hat. Und auch, wer nicht, weil sie sich – obwohl betroffen – nicht getraut haben.

Was für die HNO gilt, trifft auch für die Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKS zu. Mancher fragt sich, ob die zugesagte Aufarbeitung der schon im Juni 2019 aufgedeckten Vorkommnisse in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) des UKS jemals erfolgen wird. Und ob das überhaupt gewollt ist. Dort hatte ein Assistenzarzt über Jahre seine jungen Patienten sexuell missbraucht. Und das, obwohl nicht nur dem dortigen Klinikdirektor, sondern auch ärztlichen Kolleginnen und Kollegen bekannt war, dass der Assistenzarzt unter Verdacht stand, Kindern gegenüber übergriffig gewesen zu sein. Und selbst als die jungen Patienten schon in den Polizeiakten als „sexuell missbraucht“ geführt wurden, sah der Klinikdirektor keine Veranlassung, die Eltern über das zu informieren, was der angehende Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie ihren Kindern mutmaßlich angetan hatte.

Auch dieser Direktor wurde suspendiert. Den Eltern betroffener Kinder versprach man Hilfe. Bis heute, so berichten die Eltern eines Patienten, seien ein paar Gespräche geführt worden. „Außer schönen Worten ist nichts passiert. Nicht einmal entschuldigen wollte sich der leitende Oberstaatsanwalt“ empören sich die Eltern. „Fehler seitens der Behörde seien keine gemacht worden“, hieß es.

Viele der Eltern, mit denen die Autoren gesprochen haben, sind zudem über das Verhalten der UKS-Leitung verärgert. Unvollständige oder manipulierte Patientenakten scheinen am UKS üblich, der sorgfältige Umgang mit den sensiblen Daten eher unüblich. Samuels Eltern empören sich, dass die Klinik die Patientenakte des Sohnes ohne ihre Zustimmung an andere Institutionen weitergegeben habe. „Deswegen haben wir zusammen mit anderen Eltern Anzeige gegen die Klinik wegen Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht erstattet.“

Das Schicksal der Betroffenen scheint am UKS niemanden wirklich zu berühren. Hingegen scheint das, was das ärztliche und das Pflegepersonal vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages erzählen könnte, von großem Interesse für die UKS-Leitung gewesen zu sein. Offenbar getreu der Losung: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sollten alle Mitarbeiter:innen, die vor dem Ausschuss Rede und Antwort standen, dort mit einem anwaltlichen Zeugenbeistand erscheinen, den das Klinikum bezahlte.

Heute also informiert UKS-Chef Reith das HNO-Team über die Rückkehr von Professor S. an die Klinik. Manche im Raum werden sich dabei vielleicht an Reiths Weihnachtsbotschaft erinnern: dass es keinen Platz gäbe „für jede Form von Gewalt, Belästigung oder Übergriffen“. Reith hatte die Belegschaft aufgefordert, „genau hinzuschauen und Missstände offen anzusprechen“. Wie ernst es die Klinikleitung mit der Aufarbeitung meint, zeigt die Probe aufs Exempel: Will man die Beschwerdestelle auf der offiziellen Website der UKS erreichen und klickt auf den dafür vorgesehenen gendergerechten Button, erfährt man: „Die von Ihnen angeforderte Seite existiert nicht!“

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