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Der Markusplatz von Venedig am Sonntagmittag, der Pegel stieg auf 1,50 Meter über dem normalen Meeresspiegel.

Venedig

Untergang mit Ansage

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Flutwelle folgt auf Flutwelle, Hunderte Häuser sind unbewohnbar: Massentourismus und Klimawandel zerstören Venedig.

Die Venezianer sind an Hochwasser so gewöhnt wie an Touristenmassen. Wohl jeder der 50 000 Bewohner der Lagunenstadt hat Gummistiefel im Haus, die im Spätherbst und Winter regelmäßig zum Einsatz kommen. In der Unesco-Weltkulturerbe-Stadt werden dann die „Passerelle“ aufgebaut, hölzerne Laufstege, auf denen sich Einheimische und Touristen im Gänsemarsch halbwegs trockenen Fußes durch knöchel- bis wadenhoch überflutete Gassen schieben. Meist ist nur ein kleiner Teil der Altstadt betroffen, das Wasser fließt nach wenigen Stunden ab. Das „Acqua Alta“ kann dann in Venedig ein fast vergnüglicher Zustand sein.

Dieses Mal jedoch bekommen die Venezianer mit aller Wucht die Folgen des Klimawandels und der Eingriffe des Menschen in das fragile System der Lagune zu spüren, in der ihre Stadt auf Pfählen errichtet wurde. Seit einer Woche folgt eine verheerende Flut auf die andere, das Alltagsleben ist schwierig geworden. Bewohner von Erdgeschoss-Wohnungen und Ladeninhaber haben schon vier Mal innerhalb weniger Tage mit Eimern und Lappen gegen die überall eindringende bräunliche Brühe aus Salz- und Abwasser gekämpft. Doch es ist eine Sisyphos-Arbeit. Nach dem Rekord-Hochwasser von 1,87 Meter in der Nacht zu Mittwoch, dem schwersten seit mehr als 50 Jahren, stieg der Wasserpegel am Samstag bis auf 1,54 Meter, bevor er absank, am Sonntagmittag dann auf 1,50 Meter. Wieder waren stundenlang mehr als 70 Prozent der Altstadt überschwemmt, erneut ließ Bürgermeister Luigi Brugnaro den Markusplatz sperren. Dazu peitschten Regen und Scirocco-Winde durch die „Calli“ genannten Gassen. Noch bis Dienstag will die Stadtverwaltung keine Entwarnung geben.

Venedig: Vergleich mit Notre-Dame

Viele Geschäfte, Bars, Trattorien und Cafés wie das historische „Florian“ an der Piazza San Marco sind wegen der Hochwasser-Schäden geschlossen, ebenso Schulen und Kindergärten. Hunderte Wohnungen sind unbewohnbar. Nur wenige Wasserbusse, „Vaporetti“, verkehren noch. Auch die meisten Bankautomaten funktionieren nicht mehr. „Seit Tagen bin ich ohne Geld unterwegs“, erzählte eine Bewohnerin der Insel Giudecca einer italienischen Zeitung. Die Leute hielten in der Not zusammen. Die Metzgerei lasse anschreiben, wer ein eigenes kleines Boot habe, bringe Nachbarn zum Arzt.

Am Sonntag waren 70 Prozent der Altstadt von Venedig überschwemmt.

Viele Touristen reisen ab oder haben ihren Venedig-Trip storniert. Hotels lassen Gäste samt Koffern bei Flut von Angestellten in Schubkarren zum Bahnhof bringen. Auch die unzähligen kleinen Pensionen beklagen Absagen. Die Stadt, die von ihren jährlich 35 Millionen Besuchern lebt, fürchtet starke wirtschaftliche Einbußen.

Als erste Nothilfe für die Schäden in Milliardenhöhe, die das Hochwasser angerichtet hat, stellt die Regierung in Rom 20 Millionen Euro bereit. Privatleute bekommen 5000, Geschäftsleute bis zu 20 000 Euro. Wer eine Ersatz-Wohnung braucht, erhält 400 bis 900 Euro Mietzuschuss. Der Staat muss einspringen, weil Venezianer sich nicht gegen Hochwasser-Schäden absichern können. Das Risiko ist den Versicherungen einfach zu hoch.

Venedig: Basilica San Marco bedroht

Noch sehr viel mehr Geld wird nötig sein, um die enormen Schäden an Venedigs einzigartigem Kulturerbe zu beheben. Nach der Rekordflut standen 60 bis 70 der 120 Kirchen unter Wasser, wie die Denkmalschutzbeauftragte Emanuela Carpani sagte. Auch in der Basilica San Marco droht das Salz die Bausubstanz zu zersetzen. Der Kulturbeauftragte des Vatikans, Kardinal Gianfranco Ravasi, verglich die Zerstörungen mit dem Brand von Notre-Dame in Paris.

Kulturminister Dario Franceschini hat zu Spenden für Venedig aufgerufen. Italiener können per SMS zwei Euro beisteuern. Auch an Unternehmen und Kreuzfahrtgesellschaften wurde appelliert. Dass die Zugänge der Lagune zum Adriatischen Meer hin für Kreuzfahrtriesen und Öltanker vertieft und verbreitert wurden, sehen viele Experten als eine der Hauptursachen für die immer häufigeren und heftigeren Hochwasser.

Der Patriarch von Venedig, Bischof Francesco Moraglia, forderte angesichts der Katastrophe, Venedig brauche eine neue Politik und ein neues Entwicklungsmodell. Die Stadt dürfe nicht mehr an den Massentourismus verschleudert und von ihm erstickt werden.

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