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Blut auf einer Straße in San Salvador: Seit die Regierung ihre Antiterrorgesetze erließ, hat die Polizei freie Hand – sagen die Kritiker des Polizeistaats.

El Salvador

Alltag in Angst

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In El Salvador bestimmen kriminelle Gangs und staatlich gesteuerte Todesschwadronen das öffentliche Leben. Viele Menschen entscheiden sich für die Flucht.

Er solle eben ein paar Tortillas holen, hat Juliana ihrem Sohn zugerufen. Das Mittagessen sei gleich fertig. Zum Mittagessen war Juan nicht wieder da. Zum Abendessen auch nicht. Juliana ist schließlich zum Polizeirevier in ihrem Stadtteil gegangen.

Dort fand sie ihren 17 Jahre alten Sohn – blutüberströmt. Gerade schickte ein Beamter sich an, ihm einen Bleistift in den Handrücken zu rammen. Juan solle endlich sagen, was er über die Jugendbande wisse, die Zacamil beherrscht, einen Stadtteil von San Salvador. Der entsetzten Mutter hielt der Polizist seine Pistole an den Kopf und brüllte: „Hau ab, du Schlampe!“ Nur die zufällige Gegenwart von Nachbarn bewahrten Mutter und Sohn vor einem ungewissen Schicksal.

Carlos Martinez kennt unzählige solcher Geschichten. Der Journalist arbeitet für „El Faro“ (der Leuchtturm). Die Mitarbeiter des investigativen Online-Magazins gehören zu den meistgehassten Journalisten im Lande. Der 39-Jährige gilt als Kenner dessen, was man den Staat im Staate El Salvador nennen muss: die Jugendbanden, die „Maras“. Der Name kommt von der Armeeameise Marabunta, einer aggressiven Spezies aus dem Amazonasbecken, die auch weit größere Lebewesen attackiert, Schlangen zum Beispiel.

Zwischen 60 000 und 100 000 Gangmitglieder gibt es. Sie vor allem, diese mörderischen Banden, sind es, die El Salvadors Ruf als brandgefährlich begründen – mit 64 Morden pro 100 000 Einwohner im Jahr 2018 ist das kleine mittelamerikanische Land als eines der gewalttätigsten Länder der Welt eingestuft worden. Elf Morde am Tag. Und das ist schon ein Fortschritt: 2016 hatte El Salvador mit einer Tötungsrate von 82,8 auf 100 000 Menschen sogar den Spitzenplatz in der Welt.

Die Menschen leben wie in Käfigen, um die Häuser Hunderte Gitterstäbe

Juliana weiß das alles. Sie lebt mittendrin. Später, als ihr Sohn längst wieder sicher zu Hause ist, wird sich die Mutter vorwerfen, leichtsinnig gehandelt zu haben. Denn in der Hauptstadt San Salvador birgt bereits der Gang zum Lebensmittelhändler am helllichten Tag tödliche Risiken. Die „Maras“ beherrschen ganze Stadtviertel und weite Regionen des Landes, das gerade mal so groß ist wie Hessen. Jeden Tag fliehen 300 bis 400 der rund 6,5 Millionen Einwohner vor der Gewalt, der Armut und der Hoffnungslosigkeit.

Die Opfer der Mörderbanden? In ihrer überwiegenden Mehrzahl junge Männer aus den Armutsvierteln. Und Polizisten. Die „MS 13“ ist die bei weitem größte und mächtigste Bande in El Salvador. „Barrio 18“ heißt die zweite, etwas kleinere Verbrecherorganisation. Die Banden und ihre Untergruppen liefern sich blutige Revierkämpfe. Doch in der Hauptsache ringen sie mit dem Staat um die Macht im Land.

„Die Verbindungen der Gangster reichen schon lange bis tief in die Gesellschaft“, sagt Carlos Martinez. Sie verfügen über Rechtsanwälte und gewiefte Verhandlungsführer, schmieren Politiker. Martinez fällt es zunehmend schwer, in diesem Kampf zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, denn: „Wir haben keine Regierung, die ihre Bürger beschützt. Dies ist ein Polizeistaat. Er beleidigt und bedroht Mütter, misshandelt ihre Kinder und behandelt jeden Jugendlichen wie einen Kriminellen.“ Irgendwann habe auch der Staat begonnen, die eigene Bevölkerung zu terrorisieren. Tatsächlich hat der ehemalige Guerilla-Kommandant Salvador Sánchez Cerén – noch bis zum 1. Juni Präsident des Landes – in der Polizei Todesschwadrone organisieren lassen, die so weit gehen, Verdächtige gezielt zu erschießen. Sein Vizepräsident hat ihnen versichert, beim Schießen „braucht euch die Hand nicht zu zittern“.

Carlos Martinez ist Journalist.

Gefangen zwischen diesen Fronten sind Menschen wie Juliana und ihr Sohn. Ihr „Verbrechen“ besteht einzig darin, in einem vom „Barrio 18“ kontrollierten Viertel zu leben. Eine große, ornamental geschwungene „18“, auf Hauswände gesprüht, markiert das Territorium. San Salvador ist voll von mehr oder weniger geheimen Zeichen – über Stromleitungen geworfene Turnschuhe etwa oder hastig auf Hauswände gesprühte Symbole.

Der Plan Piloto ist eine kleine Mustersiedlung aus Steinhäusern, die ein wenig Sicherheit vor den häufigen Erdrutschen und vor Erdbeben versprechen. Ihre Bewohner haben sie selbst gebaut, jeder kennt hier jeden. Die Häuser sind bunt und verziert, Topfpflanzen und Girlanden sollen Heiterkeit verbreiten.

Doch die Menschen leben wie in Käfigen: Rundherum um die Häuschen sind Gitterstäbe gezogen, dazwischen Maschendraht, die Fenster sind auch noch einmal vergittert. Mauern, Zäune und Toreinfahrten sind mit rasiermesserscharfem Stacheldraht versehen. Hinter fast jedem Gitter kläfft ein Hund. Und fast jedes Gespräch mit den Bewohnern dreht sich um die düstere Wirklichkeit.

Ihr Sohn sei in Italien, illegal, sagt Guadalupe. Er sollte entführt werden und sei geflohen. „Komm nicht zurück“, habe sie ihrem Kind geraten. Die Tochter sei besser dran. Die gelernte Anwältin arbeitet als Lehrerin in Thailand.

Blanca ist 48 Jahre alt und hat acht Kinder. Sie habe immer Angst um sie, klagt die alleinerziehende Mutter, so viele Menschen würden einfach verschwinden. Unsicherheit und Gefahr seien ständige Begleiter.

Seit die Regierung neue Terrorgesetze erließ, hat die Polizei freie Hand – aber das hat die Gewalt nicht gebremst. Im Gegenteil, sie eskaliert. Auch Unschuldige sind von der Polizei erschossen worden. Und Bandenmitglieder nehmen grausam Rache an den Familien von Polizisten. Um unerkannt zu bleiben, tragen Polizisten und Soldaten Gesichtsmasken. Vertrauen zwischen einfachen Bürgern und Gesetzeshütern? Unmöglich.

Auch auf der Straße vor dem Plan Piloto ist ein Trupp mit schweren automatischen Waffen wie aus dem Nichts aufgetaucht. Ihm gegenüber stehen Bandenmitglieder; die Älteren sind umfangreich tätowiert und daher leicht zu erkennen. Die jüngeren Gangster sind diskreter, ein Tattoo auf der Innenseite der Unterlippe genügt als Ausweis der Zugehörigkeit.

Als Bürgermeister hat Bukele das Gespräch mit den Banden eröffnet

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum sich täglich Hunderte auf den Weg machen, um dieser Wirklichkeit zu entfliehen. Sie ziehen Richtung Norden, Ziel USA.

„Ausgerechnet die Vereinigten Staaten!“ Martha Zechmeister, Professorin an der jesuitischen UCA-Universität in San Salvador, geht hart mit den USA ins Gericht. „Die ‚Mara‘-Banden, die El Salvador heute terrorisieren, sind in den USA entstanden und quasi exportiert worden.“

Tatsächlich sind rund 40 000 Kinder von Kriegs- und Erdbebenflüchtlingen, schlecht integriert und ohne Ausbildung, seit den frühen Neunzigerjahren bereits nach geringfügigen Vergehen aus den USA ausgewiesen und nach El Salvador zurückgebracht worden. Viele, die hier keine Familienstruktur hatten, oft nicht einmal Spanisch sprachen, taten sich zu Banden zusammen – oder brachten ihre Gang-Identität schon aus Los Angeles mit. Die Namen, die sie sich gaben, entstammten den Stadtplänen kalifornischer Städte: Hollywood, Fulton Boulevard oder Normandie. El Salvador war noch voller Waffen aus dem Bürgerkrieg. Die Gangs rüsteten schnell auf und legten den Grundstein für ihre heutige Macht. „Eigentlich“, sagt die gebürtige Österreicherin Zechmeister, „müssten nicht die USA vor Zentralamerika, sondern Zentralamerika vor den USA geschützt werden.“

Der Konflikt hat sich wie ein engmaschiges Netz aus Regeln und Verboten über die Gesellschaft gelegt. Kinder, die auf dem Schulweg die Grenzen zwischen verfeindeten Banden überqueren müssen, riskieren ihr Leben. Wer für den Unterricht lernt, gilt als schwul, wer in eine Gang eintreten möchte, muss grausame Aufnahmerituale bestehen. Das kann sogar der Mord an einem Schulfreund sein. Wer mit der Polizei spricht, ist ein toter Mann. Zur Warnung hängen lebensgroße Judas-Puppen wie Gehenkte in den Bäumen. Martha Zechmeister berichtet von einer Küchenhilfe, deren Nichte jeden Abend von Gangs „ausgeliehen“ wird. Die Frau wehre sich nicht dagegen. Sie habe die Mörder eines ihrer Söhne angezeigt. Das habe auch den zweiten Sohn das Leben gekostet.

Wie eine Wolke liege die Gewalt über dem Land, sagt Miguel. Der 24-Jährige lernt Konditor, und wenn es bei der Arbeit abends spät wird, schläft er lieber in der Backstube. Der nächtliche Heimweg ist zu gefährlich. Er arbeitet im Projekt „Mein Lebensplan“ der Caritas mit, das von Misereor aus Deutschland unterstützt wird. In Gruppenübungen versucht man, Interessen und Kompetenzen junger Menschen zu entwickeln – eigene Schwächen zu erkennen, sich vor allem aber auch seiner Stärken bewusst zu werden, um für die eigene Zukunft zu planen. Drei Viertel aller Kursteilnehmer finden eine Anstellung.

Die Aktion „Lebensplan“ kann die Verhältnisse im ganzen Land natürlich nicht verändern. Ein anderer aber will das nun in Angriff nehmen: der im Februar zum Präsidenten gewählte Konservative Nayib Bukele – bis zu seiner Präsidentschaftskandidatur drei Jahre lang Bürgermeister in San Salvador. Als 34-Jähriger hat er – so vorsichtig wie mutig – damit begonnen, die Stadt ihren Bürgern zurückzugeben: Er hat innerhalb von drei Jahren dafür gesorgt, dass etwa das historische Stadtzentrum rund um die alte Kathedrale von der No-go-Area, die fest in der Hand der „Mara“-Banden war, zum sicheren Ort für Flaneure geworden ist – nicht nur mit Polizeigewalt, sondern vor allem mit Straßenbeleuchtung, Begrünung und Sanierung. Er hat ernsthaft die Korruption in Angriff genommen, und er hat eine erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik betrieben.

Als Bürgermeister hat Bukele das Gespräch mit den Banden in seiner Stadt eröffnet, die Mordrate entschieden gesenkt. Und er hat das Nachdenken über die soziale Ungleichheit, die das Bandenwesen füttert, angeregt. Der heute 37-Jährige glaubt: „Wenn Zehntausende von Jugendlichen in die Jugendbanden strömen, dann haben wir es nicht mehr mit Soziopathen zu tun, sondern mit einem sozialen Phänomen.“

Als Präsident wird er womöglich die Politik gegenüber den „Mara“-Banden entscheidend verändern. Vom 1. Juni an wird er mit seinem Innenminister derjenige sein, der die Polizeitaktik gegenüber der maßlosen Gewalt überdenkt. Denn die bisherige hat bislang nur neue Gewalt geschaffen.

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