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Werbung für sein Parfum und lustvoll inszenierter Skandal: 1971 ließ sich der damals 32-jährige Yves Saint Laurent nackt ablichten.

Yves Saint Laurent

Der Alleskönner

Smokings für Frauen, Gemälde als Kleider, Comics für Kinder - Yves Saint Laurent war mehr als ein Modedesigner. Jetzt würdigt eine Retrospektive in Paris sein Gesamtwerk. Von Grete Götze

Von Grete Götze

In riesigen Lettern prangen die Buchstaben Y,S und L auf dem Plakat über dem Eingang des Petit Palais in Paris. Dahinter eine Armee aus Kleiderpuppen. 307 sind es genau. Jede trägt einen Entwurf des Mannes, dessen Initialen ausreichen, um die Besucher herzulocken: YSL - Yves Saint Laurent. Die Ausstellung im Petit Palais ist die bisher größte Retrospektive des Werkes des 2008 verstorbenen Designers. 40 Jahre haben Laurents Lebenspartner Pierre Bergé und die YSL-Stiftung alles archiviert, was der Künstler geschaffen und für seine Arbeit genutzt hat: Fotos, Filme, Interviews, Entwürfe. Eine Mammutaufgabe, denn für den 2008 verstorbenen Laurent ist Mode nicht einfach nur Kleidung gewesen, sondern Revolution, Emanzipation, Kulturvermittlung.

Eine Haltung, die den Unterschied ausmacht, zwischen dem Mode-Genie YSL und schneidernden Prominenten wie Victoria Beckham, die zwischen zwei Projekten mal schnell ihren Namen für eine eigene Kollektion hergibt. Der Franzose war ebenso umfassend interessiert wie gebildet. Malerei, andere Kulturen, Filme, Comics: in allem fand der modische Pantheist Inspiration, alles setzte er um in Mode. Die Ideen hinter den Kollektionen erheben die Kleider des Yves Saint Laurent zur Kunst. Dass sich YSL selbst als Künstler sah, daran besteht kein Zweifel. Fast klischeehaft changierte der Modemacher zeitlebens zwischen Drogensucht, Genialität, Depression und Größenwahn. Schon mit neun Jahren beschließt er: "Eines Tages wird mein Name in Feuerbuchstaben auf den Champs-Élysées zu lesen sein."

Man kann also davon ausgehen, dass YSL die riesige Retrospektive an einem so prominenten Ort gefallen haben dürfte. Zumal die Ausstellung nicht nur Klassiker wie die Trapèze-Kollektion von 1958 zeigt - sie ersetzte die Wespentaille durch die A-Linie -, sondern in 15 Räumen die verschiedenen Aspekte seines Künstlerdaseins würdigt.

Zum Beispiel mit einen Raum, der seiner eigenen Kunstbegeisterung gewidmet ist. Ein Hochzeitskleid, auf dem zwei sich küssende Tauben montiert sind, steht dort - die Hommage des Modemachers an den französischen Kubisten Georges Braque. Weitere Kleider rekurrieren auf Picasso, Van Gogh und Mondrian. Yves Saint Laurent - der Kunstkenner.

Immer wieder probiert sich der Modeschöpfer auch auf neuen Gebieten aus. So zeichnet und schreibt er 1967 das Comic "La Vilaine Lulu", dessen Bilder in der Ausstellung zu sehen sind. Hauptfigur ist ein unartiges Mädchen mit dicken, kurzen Beinen, einem roten Rock und einem Hut. Es gilt als Alter Ego des Künstlers. In einem naiven, fast kindlichen Stil macht sich Laurent über die Sitten der Zeit lustig. Yves Saint Laurent - der Zeichner.

Als er Europa erobert hat, wendet er sich anderen Ländern zu. Die Entwürfe des im algerischen Oran geborenen Modeschöpfers sind inspiriert von Reisen nach China, Afrika, Indien, Russland, Spanien. So entsteht ein Raum voller Farben und Muster, russischer Trachten, Torerokleider. Ein Kleid besteht nur aus bunten Fasanenfedern, die afrikanisch inspirierten Kleider sind aus Bast gewebt. Yves Saint Laurent - der Kulturvermittler.

Der Modeschöpfer will alles sein. Einerseits stehen im Ballsaal des Petit Palais Puppen in Hollywood-Roben. Filmdiven in aller Welt trugen begeistert YSL: Veruschka, Lauren Bacall, Charlotte Rampling und allen voran Catherine Deneuve, der ein ganzer Ausstellungsraum gewidmet ist. Yves Saint Laurent - der Glamouröse.

Doch andererseits gibt es auch die maskulinen Rocker-Jacken aus den frühen Jahren, aus der "Beatnik"-Kollektion. Inspiriert von den wilden Straßengangs der 60er Jahre transformiert Laurent damals Männerklamotten und Arbeiterkluften in Frauen-Haute Couture. Die Seemannsjacke bekommt Goldknöpfe, der Schnitt bleibt unprätentiös. In derselben Logik entstehen Trenchcoat, Hosenanzug und Smoking für Frauen. Yves Saint Laurent - der Revoluzzer.

Und immer wieder bricht er mit den Erwartungen, provoziert, lebt seine Eitelkeit in der Öffentlichkeit aus. 1971 entsteht das berühmte Foto von Jeanloup Sieff, auf dem Laurent nackt für sein erstes Parfum wirbt. Ein kalkulierter Skandal. Im selben Jahr entwirft er eine betont konservative Kollektion, stellt den knabenhaften Twiggys und Seabergs der 60er Jahre etwas entgegen. Die Kritiker sind empört, die Kollektion floppt. Yves Saint Laurent - der Unberechenbare.

Am Ausgang läuft dann ein Video von Laurents letztem großem Abschiedsdefilee von 2002. Models stolzieren in dem Film durch die Flure des Centre Pompidou. Allen voran Naomi Campbell und Carla Bruni, Frankreichs und Englands erste Diven. Eine pompöse Modenschau. So pompös wie die Ausstellung selbst. Der Pomp der Modenschau verrät etwas über Yves Saint Laurent. Der Pomp der Ausstellung darüber, dass hier auch ein Mythos konserviert werden soll, eine Marke. Der Künstler mag tot sein, das Produkt lebt weiter. Yves Saint Laurents Lebensgefährte Pierre Bergé - der Marketingexperte.

Die Yves Saint Laurent-Retrospektive ist bis zum 29. August im Petit Palais in Paris zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung kostet 40 Euro.

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