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Die Exponate: Schmutz, hier hübsch in Wachs eingeschmolzen, sammelt er überall – nur das Weiße Haus und der Kreml fehlen noch

Staubkunst

Alles so schön dreckig hier!

Einfach wegwischen? Für Wolfgang Stöcker keine Option: Der Staubkünstler sammelt Wollmäuse und Flusen und stellt sie aus. 

Die Wartburg ist für ihn nichts weiter als ein schöner Haufen Dreck. Der Pariser Louvre? Ein Ort für richtig tolle Flusen. Der Künstler Wolfgang Stöcker hat einen besonderen Zugang zu bedeutenden Orten der Kulturgeschichte. Denn er interessiert sich vor allem für den Staub, der dort zu finden ist.

Wolfgang Stöcker ist 49 Jahre alt und Staubkünstler. Am Sonntag eröffnete er sogar eine eigene Ausstellung auf Burg Posterstein in Ostthüringen. Dort können die Besucher Staub in verschiedenen Ausformungen sehen: eingeschmolzen in Wachs, vermengt mit Leimfarbe, als abstraktes Gemälde auf Papier gebracht. In kleinen Plastikbeuteln sortiert.

In der Regel ist Staub eine Sache, die Menschen eher schnell loswerden wollen. Nicht so Stöcker, der lange über die philosophische Bedeutung des Staubs räsonieren kann: „Der Staub ist letztendlich die totale Motivation zur Zivilisation“, erklärt er etwa. „Der Staub sagt uns: Mensch, pass auf, alles, was du machst, ist morgen früh passé, wenn du es nicht in Ordnung hältst.“

Das deutsche Staubarchiv in Köln zur Staub aua aller Welt

Bei sich zuhause in Köln hat Stöcker das Deutsche Staubarchiv gegründet. Ungefähr 600 verschiedene Staubproben hat er seit 2004 gesammelt. Von der Chinesischen Mauer, aus dem Opernhaus in Sydney, aus den Pyramiden in Ägypten. Manches habe er selbst gesammelt, anderes sei ihm zugeschickt worden, erzählt er. Unmengen von Museen, Politikern oder Kirchen habe er angeschrieben und um Staubproben gebeten. Ein Großteil sei seiner Bitte nachgekommen.

Das Werkzeug: Stöcker legt interessante Fusel mit dem Pinsel frei.

„Staub ist die Kraftmaterie schlechthin“, erklärt Stöcker programmatisch. „Er ist zuständig für die Düngung der Meere, im Staub reflektiert sich das Licht, Sonnenuntergänge wären ohne ihn nicht möglich. Wenn man in die Details geht, ist im Staub auch die DNA der Museumsbesucher enthalten.“ Nicht zu vergessen der ästhetische Wert der feinen Partikel: „Wenn man sich so eine vollendete Wollmaus mal betrachtet, ist das ein ganz fantastisches kleines Denkmal, eine Skulptur, sehr filigran“, sagt der Künstler.

Den Staub für seine neue Ausstellung hat Stöcker auf Expeditionen durch die Burg gesammelt – auch an Orten, die für normale Besucher nicht zugänglich sind: im Keller zum Beispiel oder in der Turmstube. „Uns reizt, dass Wolfgang Stöcker das Sammeln und Bewahren - Kernaufgaben eines Museums – künstlerisch überspitzt und kritisch hinterfragt“, sagt die Sprecherin von Burg Posterstein.

Seit das Staubarchiv bekannter ist, kommen immer mehr Einsendungen, wie Stöcker erzählt. Er habe seine Sammlung daher vor kurzem in Internationales Staubarchiv umbenannt. Nur der Kreml und das Weiße Haus fehlen noch. Mit deutschen Diplomaten aus Washington sei er in Kontakt gewesen – ergebnislos. Mehr Erfolg hatte er in China: Eine kleine Fluse aus der Großen Halle des Volkes in Peking zählt zu seinen wertvollsten Besitztümern. (dpa)

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