+
„Wollter rüberfaahn?“ – Die Fähre verbindet Lütkenwisch und Schnackenburg.

Elbe

Ein Streifzug durch Wendland, Elbtalaue und Prignitz

  • schließen

Entlang der Elbe verlief einst der deutsch-deutsche Todesstreifen – nach der Wiedervereinigung wurde daraus das „Grüne Band“.

Aus der Prignitz ins Wendland rübermachen? Das war lange lebensgefährlich. Im August 1974, spätabends, versuchte ein junger Mann, die Elbe gen Bundesrepublik zu durchschwimmen. Die Besatzung eines DDR-Patrouillenbootes entdeckte ihn – und fuhr über den Flüchtenden. Heute erinnert eine Gedenktafel bei Elbkilometer 474 an den Getöteten, nicht weit davon entfernt die Anlegestelle der Fähre, die das mecklenburgische Lütkenwisch mit Schnackenburg in Niedersachsen verbindet. „Wollter rüberfaahn?“, ruft der Fährmann mit rauer Stimme. Wollnwer.

Wir steuern unser Auto auf die Fähre, die Ilka heißt. Der Fährmann, Kippe im Mundwinkel, wirft die Maschine an. Mit Dieselmotortuckern im Ohr gleiten wir über die Wasserfläche, in der sich grau der Himmel spiegelt. Vorbei an einer Biberburg. Dem wendländischen Gestade entgegen, wo Graugänse grasen.

Morbide Deko, aber sonst ist die Stimmung gut hier.

Das Wendland lag über Jahrzehnte im toten Winkel Westdeutschlands: im fernöstlichen Zipfel Niedersachsens, eingerahmt von den heutigen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. In drei Himmelsrichtungen endeten die Wege am „Todesstreifen“. Auch auf DDR-Seite versetzte der Kalte Krieg das Grenzgebiet in eine Schockstarre. In den 50er und 60er Jahren wurden ganze Dörfer geräumt – die Aktion, in deren Verlauf auch die als unzuverlässig eingestuften Menschen des Sperrgebiets verwiesen wurden, trug den Namen „Aktion Ungeziefer“.

In ökologischer Hinsicht jedoch war die Abgeschiedenheit dies- wie jenseits des Eisernen Vorhangs ein Glücksfall. Die Elbtalaue, flankiert vom Wendland im „Westen“, der geografisch genau genommen Süden ist, und der Prignitz im „Osten“ (eigentlich Norden) – sie zählen heute zu den schönsten Naturschätzen im wiedervereinten Deutschland.

Es wirkt, als sei die Zeit um dieses „Wendeland“ herum geflossen. Dörfchen und Städtchen mit Klinker- und Fachwerkhäuschen, dazwischen Wald oder Weite, wo Wolf und Seeadler, Fischotter und Eisvogel ihre Nischen gefunden haben. Die Prignitz gilt als der deutsche Landkreis mit der höchsten Bevölkerungsdichte – was Weißstörche betrifft. Die Elbe ist der einzige große Fluss Europas, der überwiegend, auf mehr als 600 seiner rund 1100 Kilometer, ungestaut fließen darf. Seit 1997 ist die Flusslandschaft der mittleren Elbe Unesco-Biosphärenreservat. Der „Todesstreifen“ wurde noch im Wendejahr 1989 zum „Grünen Band“ umgewidmet, einem Refugium für selten gewordene Flora und Fauna. Die frühere deutsch-deutsche Grenze ist heute, dank der Initiative des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), der größte Biotopverbund Deutschlands, vom Vogtland bis zur Ostsee.

Hamburg ist ja in der Nähe: Rita Lassen (li) und Eva Drexler.

Nach nicht mal fünf Autominuten auf niedersächsischer Seite passieren wir die nächste ehemals innerdeutsche Grenze. Sachsen-Anhalt. Weiter zur Hohen Garbe, einer von der Elbe umflossenen Landzunge. Hier steht der bedeutendste noch erhaltene Auenwald der Gegend. „Zur Hälfte Eiche, zur Hälfte Flatterulme, circa 150 Jahre alt“, sagt Dieter Leupold vom BUND, der uns zu diesem Kleinod gelotst hat. Über eine Stiftung versucht die Naturschutzorganisation, die Halbinsel aufzukaufen – einige Teile, die derzeit Wiese sind, sollen auch wieder Auenwald werden.

Ein zweiter Schwerpunkt der Auenwaldrenaturierung liegt nur ein paar Kilometer flussabwärts, am anderen Ufer unweit des Burgstädtchens Lenzen: der „Böse Ort“, zu seinem Namen gekommen, weil der Strom hier eine fast rechtwinklige Kurve macht. Heikel zu navigieren für die Schiffskapitäne. Und was den Deich betrifft, eine regelrechte Sollbruchstelle, so Leupold: „Beim Jahrhunderthochwasser 2002 konnte ein Deichbruch nur knapp und mit viel Aufwand verhindert werden.“ Eine Million Sandsäcke stabilisierten den Wall.

Dieser Wall wurde ab 2005 aufgegeben, aufgeschlitzt. Ein neuer Deich entstand im Hinterland. Das brachte 420 Hektar Überflutungsfläche. Sie reduzieren den lokalen Wasserspiegel bei der nächsten Jahrhundertflut um bis zu 35 Zentimeter. Und bringen einen Lebensraum zurück, der in Deutschland fast völlig von der Landkarte verschwunden ist. Ein Pionierprojekt. Aber: Auenwald aufforsten? „Gar nicht so einfach“, sagt Leupold. Erfahrungswerte fehlen. „Und bei Winterhochwasser rasieren Eisschollen die Jungbäume regelrecht ab.“

Naturschutz ist Herausforderung

Naturschutz ist hier im Vierländereck, wo die Wellen der Elbe binnen weniger Flusskilometer ans Ufer von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen schwappen, eine besondere Herausforderung. „Es gibt immer gleich drei, vier Ansprechpartner“, seufzt Leupolds BUND-Kollegin Meike Kleinwächter. „Und viele unterschiedliche Verfahren der Biotopkartierung.“ So ganz ist die Region ihre Grenzprobleme noch nicht losgeworden.

Teil der bunten Truppe auf dem Ferienhof: ein Schwalbenbäuchiges Wollschwein.

Auch demografische Probleme bleiben. Der Kalte Krieg, der „Strukturwandel“ der Nachwendezeit, die Provinzflucht der Jungen – Bevölkerungsrückgang hat Tradition. „Wir haben damit zu kämpfen, dass es immer weniger Schüler gibt“, sagt Sabine Forberg, Führerin an der Burg Lenzen, die der BUND nach der Wende geschenkt bekam. Doch in Lenzen haben sie das Beste daraus gemacht. Vom Burgturm fällt der Blick auf das Gästehaus des Burghotels, roter Klinker, 30 Betten: das ehemalige Schulgebäude. Neben dem Hotel beherbergt die Burg heute unter anderem ein Naturkundemuseum, eine Besucherinformation und das Auenökologische Zentrum des BUND. Die Schule wiederum kam im Ex-Bahnhof unter. Der letzte Zug, von Berlin kommend, 7,50 Reichsmark in der dritten Klasse, ist am 25. September 1947 in Lenzen eingefahren.

Etwa 65 Kilometer elbabwärts, im westlichen Zonenrandgebiet des Biosphärenreservats Niedersächsische Elbtalaue, steht die zweite zentrale Anlaufstelle für naturinteressierte Gäste des Wendelandes: das Biosphaerium im Schloss Bleckede. Hier kann man sehen, was in der Flusslandschaft so alles kreucht und fleucht – in einer interaktiven Ausstellung, in Aquarien und in einer Biberanlage. Rund 100 verschiedene Fischarten tummeln sich in der Elbe, von der Quelle bis zur Mündung. „Hier in der Region sind es etwa 50“, sagt Geschäftsführerin Andrea Schmidt. „Und die Hälfte davon haben wir im Aquarium. Das ist also ganz repräsentativ.“ Von der Kessler-Grundel über Stör und Karpfen bis hin zum Wels.

Neben dem Aquarienhaus: ein großer Teich mit Biberburg, drumrum ein Gartengehege, 1000 Quadratmeter alles in allem. Nicht wenig. Aber, was die Geschwindigkeit des natürlichen Holzwuchses angeht, viel zu klein für das Biberpaar, das hier lebt. „Deswegen wachsen bei uns die Bäume innerhalb eines Tages“, erklärt Schmidt. Tagsüber werden frische Äste in bereitstehende Röhren gesteckt. Die können die Biber dann nachts niedernagen und in ihrem Bau verarbeiten.

Einst war der Elbe-Biber fast ausgerottet, bis auf eine Restpopulation in Sachsen-Anhalt. So kam es, dass er eine Zeit lang zu einem der wenigen Exportschlager der DDR avancierte. Heute, schätzt Schmidt, dürfte im niedersächsischen Teil des Biosphärengebiets wieder alle vier, fünf Kilometer eine Biberfamilie heimisch sein.

Ebenfalls Teil der niedersächsischen Elbtalaue ist die Stixer Wanderdüne – obwohl sie rechtselbisch gelegen ist: auf dem Gebiet von Amt Neuhaus. Die Gemeinde machte 1993 aus Mecklenburg-Vorpommern rüber nach Niedersachsen. Sie schloss sich dem Landkreis Lüneburg an, zu dem sie bis 1945 gehört hatte (und mit dem sie heute allein durch eine Fähre verbunden ist). Die Düne, 30 Meter hoch, ist eines der markantesten Überbleibsel der letzten Eiszeit, deren Gletscher vor mehr als 10 000 Jahren die hiesige Landschaft formten und einen Haufen Sand im Elbe-Urstromtal zurückließen.

Ein Ort für einen Neubeginn

Vom Ferienhof Mayer in Stixe sind es nur ein paar Gehminuten hinein in die Kiefern, die die Wanderdüne abbremsen – und sie von außerhalb des Waldes unsichtbar machen. „Manche Leute, die ihr ganzes Leben in der Gegend verbrachten, haben noch nie von der Düne gehört“, sagt Nicolette Tuinman, die für den Hof Dünenwanderungen anbietet. Tuinman selbst ist eine Zugezogene. Mit ihrem Mann kam sie 2010 aus Amsterdam, ein Neubeginn nach einem halben Jahrhundert. Sie hatten dort früher selbst auch einen Hof, am Stadtrand.

Auch Johann Mayer, der zusammen mit seiner Frau Anna den Ferienhof führt, ist ein Zugezogener aus der Steiermark. Nach einer Weltenbummelei zur See ist er Anfang der 90er Jahre im Wendeland gestrandet. Hier haben die Mayers einen Hof aufgebaut, der einer Arche gleicht: Thüringer und Harzer Waldziegen, Schwalbenbäuchige Wollschweine, Westfälisches und Rheinisches Kaltblut. Kaninchen, Puten, Gänse. Hühner, 15 verschiedene Rassen. Schafe haben sie auch. Mal mehr, mal weniger – „wir haben hier irrsinnig viele Wolfsangriffe“, sagt Johann Mayer.

Das Ex-Grenzgebiet ist vom Flucht- zum Zufluchtsort geworden. Eine Arche auch für all die Zugezogenen. Denen begegnet man hier so zahlreich, dass man sich bald in der Flachlandversion von Berlin-Prenzlauer Berg wähnt.

Kam von der Steiermark ins Wendland: Johann Mayer.

Das Image ihres Landstriches als eine Art Refugium für Freiheitsliebende haben sich die Wendländer über Jahre erkämpft. Auch da hat die Abgeschiedenheit eine wichtige Rolle gespielt. Sie war der Hauptgrund dafür, dass ein Salzstock unweit des Örtchens Gorleben 1977 als Atommülllager auserkoren wurde – was den Widerstandsgeist der Wendländer weckte. 1980 riefen sie, nur halb im Ernst, die „Republik Freies Wendland“ aus, in einem Hüttendorf, das nach einem Monat von einem vieltausendköpfigen Aufgebot der Polizei geräumt wurde. Auch viele Großstädter schlossen sich der Protestbewegung an, nicht wenige zogen gar dauerhaft in diesen Winkel der Widerständigen. Das Wendland wurde zum Synonym einer Öko-Alternativkultur. Zu einer Art Punk-Provinz.

Die Abgeschiedenheit des Wendlandes hatte teils geografische Gründe; es war eine sumpfige Gegend, in der oft wochenlang das Elbe-Hochwasser stand. Noch prägender aber waren Kultur- und Sprachbarrieren. Die Wenden, wie die im deutschen Sprachraum siedelnden Slawen genannt wurden, galten ihren Nachbarn als barbarisches, feierwütiges Volk. Sie sprachen Drawänopolabisch, eine Sprache, die Mitte des 18. Jahrhunderts ausstarb – nicht zuletzt, weil sich keiner mehr gern als Wende outen mochte.

Der Geist von Gorleben, der Aussteiger und Weltverbesserer anlockte, lebt im Wendland weiter. Zu besichtigen ist das vielleicht am besten am Rand des 4900-Seelen-Städtchens Hitzacker – dort, wo es noch gar nichts zu sehen gibt. Außer viel Sand und Matsch und einem einsamen Rohbau. Hier soll ein Dorf für 300 Menschen entstehen, wie es politisch korrekter kaum sein könnte. Ein ökologisches, interkulturelles Mehrgenerationen-Dorf. Getragen von einer Genossenschaft. Keiner soll die Immobilien besitzen, aber jeder, der möchte, hier wohnen können. „Wir streben an: ein Drittel Familien, ein Drittel Generation 50 plus, ein Drittel Geflüchtete“, sagt Rita Lassen, die im Vorstand der Genossenschaft sitzt und gemeinsam mit Genossin Eva Drexler auf die Baustelle gekommen ist. Beide sind in Rente, beide voller Tatendrang. Drexler zieht es aus dem Rheinland ins Hitzacker-Dorf. Lassen aus Hamburg.

Von dort stammt die Hälfte der derzeit rund 190 Genossenschaftsmitglieder. Was daran liegen mag, dass es in Hitzacker noch einen Bahnhof gibt. Der ist von Hamburg, via Lüneburg, in anderthalb Bummelzugstunden erreichbar, erklärt Lassen. „Auch für uns beide war die Nähe zu Hamburg ein wichtiger Punkt.“ Sie sagt das tatsächlich so, Nähe. Alles ist eben relativ. Auch Abgeschiedenheit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion