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Alles auf Herz

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Von: Tania Kibermanis

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„Denk an das, was dich innerlich bewegt – und zieh zwölf Karten.“
„Denk an das, was dich innerlich bewegt – und zieh zwölf Karten.“ © Tania Kibermanis

Was hält das Schicksal des Lebens bereit? Die Hamburger Wahrsagerin Baby Rosenberg weiß es ganz genau. Tania Kibermanis lässt sich von ihr die Karten legen.

Ich weiß, was Sie jetzt denken. Kartenlegen. Hmhm. Soso. Aber ich wette, Sie haben auch keine Wahrsagerin als Freundin. Vor vielen Jahren sind Esmeralda Rosenberg und ich uns mal zugelaufen und haben uns gegenseitig sofort ins Herz geschlossen. Meine Freundin, die zu Hause „Baby“ genannt wird (was ich inzwischen auch darf, aber ansonsten besteht sie aus gutem Grund auf „Esmeralda“), weil sie die Jüngste unter den Rosenberg-Kindern ist, stammt aus einer bekannten Hamburger Sinti-Familie, ihre Brüder sind allesamt Musiker und Konzertveranstalter, und ihre Mutter Mama Blume, die die KZ der Nazis überlebt hatte, war ein Ereignis, ein Kraftwerk mit der Wärme eines Bolleröfchens – und die berühmteste Wahrsagerin in Hamburg und weit darüber hinaus.

Ich habe die beiden oft besucht, wenn sie in ihrem geradezu royal beplüschten Wagen auf dem Hamburger Dom Menschen die Karten legten. Es gab nichts, was ihnen nicht schon mal begegnet wäre: Verzweifelte und Verhuschte, Prominenz und Spinner und alles dazwischen. Ich habe oft genug gehört, wie Mama Blume einem vorher noch selbstsicher und breitbeinig eintretenden Kunden gehörig den Kopf gewaschen hat: „Hör auf zu saufen, sonst wird dich deine Frau verlassen!“ Und habe heimlich bewundert, wie viel Geduld und echte Zuwendung die beiden jedem einzelnen Menschen entgegenbrachten. Auch jemanden, der nicht bezahlen konnte, hätten sie nie abgewiesen, und mehr als einmal hat Mama Blume, statt Geld zu nehmen, einem armen Schlucker noch einen Zehner zugesteckt.

Man muss sich auf die märchenhaften Bilder und die orakelhafte Sprache einlassen - mir fällt das nicht schwer

Ich kenne keinen geduldigeren Menschen als Baby Rosenberg. Wenn ich sie daheim besuche, mir ihre winzigen Fluffhunde um die Beine wuseln und wir gerade mal ein paar Worte gewechselt haben, klingelt ständig ihr Telefon, und es kommt eher selten vor, dass mal jemand fragt, wie es ihr eigentlich geht. Trotzdem habe ich es noch nicht erlebt, dass sie jemals gesagt hätte: Passt grade nicht. Sie ist nie zu müde oder zu beschäftigt, wenn jemand zu ihr kommt, der ihre Hilfe braucht. „Das ist nicht mein Beruf – das ist mein Leben und meine Leidenschaft. Ich hab das von meiner Mutter geerbt.“

Baby Rosenberg.
Baby Rosenberg. © Esmeralda Rosenberg

Bei Baby könnte man auch mitten in der Nacht auf der Matte stehen, sie würde einem garantiert irgendwas in Sahnesoße Schwimmendes kochen und zuhören – egal, wie viel man zu erzählen hat. Sie hat die Gabe, jedem Menschen ihre volle Zuwendung wie eine warme Decke umzuhängen, als gäbe es gerade nichts Wichtigeres auf der Welt. Und sei es auch nur für ein paar Minuten. Dabei hielt Baby am Anfang nicht mal besonders viel vom Wahrsagen: „Früher habe ich daran überhaupt nicht geglaubt. Ich habe gedacht, das ist der allergrößte Quatsch. Das kann jede Sintizza, und die machen das nur zum Geldverdienen. Ich habe auch meine Mutter dabei gesehen, wie sie Menschen in unserer Stube die Karten gelegt hat. Aber ich dachte damals, es geht dabei nur ums Geld.“

„Ich konnte es plötzlich und wusste gar nicht woher.“

Baby Rosenberg

Als Baby 18 war, schuldete sie einem Freund mal 30 Mark. Sie bat ihre Mutter, ihm dafür die Karten zu legen. „Mama hat zu ihm gesagt: ,Du hast Angst vor Feuer.‘ Und ich habe nur gedacht: ,So ein Quatsch, jeder Mensch hat doch Angst davor, sich zu verbrennen.‘ Mama guckte ihn an und sagte: ,Als kleines Kind hast du dich ganz schlimm verbrannt.‘ Dann zog er sein Hosenbein hoch und zeigte eine riesige Verbrennungsnarbe. Ich konnte nicht zeigen, wie schockiert ich war. Erst nachdem er gegangen war, fragte ich Mama: ,Wie hast du das gesehen?‘ Und ihre Antwort war: ,Ich habe es eben gesehen.‘“

Kurz darauf rief André Heller bei Babys Bruder an, der große Konzerte veranstaltete – ob er denn eine Wahrsagerin kenne, es gäbe auch eine gute Gage. Baby grinst: „Ich konnte zwar nicht Kartenlegen, aber ich hatte richtig Lust dazu. Ich bin dann hingegangen, da stand ein kleiner Wohnwagen, innen schwarz mit Neonsternen, und ich dachte nur: Iiih, wie hässlich! Ich habe mich hingesetzt – und war sofort voll in meinem Element. Ich konnte es plötzlich und wusste gar nicht, woher.“

Von da an waren Baby und ihre Mutter gemeinsam unterwegs – auf Volksfesten, Mittelalter- und Weihnachtsmärkten quer durch die Republik. Auf ihrer Visitenkarte steht bis heute: „Wahrsagen mit Herz“. Mama Blume lebt leider nicht mehr, aber in Babys zauberhaftem Wagen gibt es bis heute zwei wuchtige Samtsessel und zwei kleine Tische, an denen die beiden früher gleichzeitig kichernden Freundinnen oder kriselnden Paaren die Karten legten. „Was Mama mir beigebracht hat: Sie hat mir den Schliff gegeben. Selbstbeherrschung. Beim Handlesen habe ich immer Hemmungen gehabt – erst recht, wenn ein schöner Mann kam. Aber ich habe von Anfang an gemerkt: Das bin ich. Als meine Kinder auf die Welt kamen, konnte ich sie die ganze Zeit bei mir haben – schöner geht es doch nicht.“

„Du sollst mir vorher nichts erzählen. Ich zeige dir erst die Vergangenheit und die Gegenwart und dann deine Zukunft“

Baby Rosenberg

Wenn ich will, dass Baby mir die Karten legt, dann gehe ich zu ihr nach Hause. Natürlich weiß sie eine Menge von mir, aber sie hat mir auch schon dringend von Dingen abgeraten, von denen sie wusste, dass sie mir viel bedeuten – weil sie es in den Karten gesehen hat. Nunja, höre ich die skeptischen Geister raunen: Kibermanis ist also auch so eine Eso-Tante? Weit entfernt. Dafür kenne ich Baby viel zu gut, um zu wissen, dass sie niemandem so einen windelweichen Du-hattest-eine-schwierige-Kindheit-Quatsch erzählen würde. Ich glaube allerdings durchaus daran, dass man etwas sichtbar machen kann, was sowieso schon in der Luft liegt. Wobei ich weit davon entfernt bin zu kapieren, wie Baby zu all den frappierend treffenden Aussagen kommt – aber das muss ich ja auch nicht. Heutzutage wird sowieso viel zu selten gestaunt. Ich mag’s eigentlich ganz gerne, mich hin und wieder mal in eine Situation zu begeben, die ich mir nicht vollumfänglich erklären kann. Und wenn ich mich – so ich denn eine Erkenntnis gewinnen will – nicht öffne und stattdessen mit verschränkten Armen und Steuerprüferblick darauf lauere, diese Scharlatanin endlich des Betrugs zu überführen, dann bin ich vielleicht auch nicht an der richtigen Adresse. „Ich werde oft gefragt, ob ich mich denn schon mal geirrt hätte? Und ich denke viel darüber nach, aber – nein. Nie. Ich sage auch zu den Menschen, dass sie sich zu hundert Prozent darauf verlassen können, dass es eintrifft“, sagt Baby.

Mein Sohn ist übrigens so ein argusäugiger Typ – ein Rationalist bis auf die Knochen. Er kennt Baby auch schon lange, aber bei ihr zum Kartenlegen war er zum ersten Mal im vergangenen Jahr. Ich habe keine Ahnung, was Baby ihm alles erzählt hat, sie ist da sehr diskret. Als er aus ihrem Wagen stolperte, war er sichtlich verwirrt – ein Zustand, in dem ich ihn so gut wie nie erlebe. „Hm“, sagte er. „Hm. Erstaunlich. Sehr erstaunlich.“ Mehr wollte er nicht rausrücken. Baby hatte es also geschafft, sein Weltbild ordentlich ins Wanken zu bringen.

„Das ist mein Leben.“
„Das ist mein Leben.“ © Esmeralda Rosenberg.

„Zu mir kommen auch Leute, die eine sehr hohe Position haben“, erzählt sie. „Aber ich sehe ja nicht den Beruf – ich sehe nur das Herz. Und die Karten sind für mich eine Bestätigung für das, was ich in deinen Augen sehe. Wenn ich in deine Augen gucke, gucke ich in dein Herz.“ – „Eigentlich bräuchtest du also gar keine Karten?“ Baby nickt.

Oft fließen beim Kartenlegen die Tränen

Manchmal kommen Menschen mit einem akuten Problem jeden Tag zu ihr. Einige reisen sogar extra aus Süddeutschland oder aus dem Ausland nach Hamburg. „Hast du schon mal jemanden rausgeschmissen, weil du so schreckliche Sachen gesehen hast?“, frage ich. Baby schaut mich ernst an. „Nie. Du kannst auch als Nazi zu mir kommen.“ Dieser Satz hallt eine Weile nach. Babys Großeltern wurden im KZ umgebracht. Es ist jetzt ganz bestimmt nicht an mir, hier zu protestieren.

„Ich sehe auch manchmal ganz schlimme Sachen, aber die sage ich dann auch ganz ehrlich. Ich weiß, wie ich es sagen muss. Und ich frage vorher immer, ob ich alles sagen kann, auch wenn ich etwas Schlechtes sehe.“ Oft fließen beim Kartenlegen die Tränen, und die meisten Menschen wollen Baby danach umarmen „Wenn ich sehe, was ich bei einem Menschen bewirken kann, dann bereichert mich das. Ich kann von mir sagen, dass ich in dem, was ich mache, wirklich gut bin. Und das kann ich nur behaupten, weil ich täglich die Bestätigung und Wertschätzung dafür bekomme. Das ist mein Leben. Gerade in dieser harten Zeit kann ich Menschen dazu bringen, ihr Leben wieder mehr zu schätzen und sie auf den richtigen Weg zu bringen.“

Jetzt geht’s los. Baby mischt die Karten „Du sollst mir vorher nichts erzählen und auch keine Fragen stellen, das kommt danach. Ich zeige dir erst die Vergangenheit und die Gegenwart und dann deine Zukunft. Konzentrier dich auf die Frage: Was erwartet mich in nächster Zeit? Und zieh sieben Karten. Nicht aufdecken. Dann denk an alles, was dich innerlich bewegt – und zieh zwölf Karten.“

Die erste Karte zeigt den Sarg

In den allermeisten Momenten meines Lebens weiß ich, was zu tun ist. Aber manchmal brauche ich einen anderen Blick auf die Dinge oder einfach nur die Bestätigung, dass ich mit meinem Gefühl nicht ganz daneben liege. Heute bin ich zum Glück nicht akut besorgt, ein bisschen Knirschen hier und dort, aber grundsätzlich ist alles soweit in der Spur. „Dieses Blatt habe ich von meiner Mutter gelernt“, erzählt Baby. „Das konnten nur Mama und ich. Und ich sage auch immer, dass das Blatt, das ich dir lege, dass das sehr direkt ist, denn es berührt wirklich jeden Punkt Und wenn ich sehe, dass du ein schlechter Mensch bist, dann reiße ich dir den Kopf runter.“ Daran habe ich keine Zweifel.

„Ich sehe auch manchmal schlimme Sachen, aber die sage ich dann auch ganz ehrlich.“
„Ich sehe auch manchmal schlimme Sachen, aber die sage ich dann auch ganz ehrlich.“ © Esmeralda Rosenberg.

Die erste Karte zeigt den Sarg. „Schatzilein, kannst du mir bitte sagen, warum du dich so viel mit dem Tod beschäftigst? Wühl nicht so viel, damit tust du dir nichts Gutes – lass bitte auch mal den Tod einfach den Tod sein!“ Ich bin gerade aus Lettland zurückgekommen, wo ich genau das getan habe: Wühlen. Im Leben meines längst verstorbenen Großvaters. Und ich hatte dort tatsächlich einen beträchtlichen Teil meiner Zeit auf Friedhöfen verbracht. Aber ich war noch nicht dazu gekommen, Baby davon zu erzählen.

Sie deckt die nächste Karte auf. „Auf der einen Seite willst du gerade eine Entscheidung treffen, auf der anderen auch wieder nicht. Du wirst jetzt aber keine Entscheidung treffen, denn wenn du sie triffst, bereust du sie!“ Bäm. Treffer. „Du triffst sie bitte erst dann, wenn du mit deinem Herzen zu hundert Prozent dahinterstehst.“

Manche Karten ziehe ich jedes Mal

Als nächste Karte liegt da der Blumenstrauß. „Man kann dir mit einer Kleinigkeit eine Riesenfreude bereiten – und Mama hat immer gesagt: Begieße dich von innen wie ein Blumenstrauß. Achtest du bitte mehr auf deine Gesundheit, und ziehst du mal bitte die Bremse an? Sonst kommst du nämlich unters Messer!“ Nochmal: Bäm. Eines der wenigen Dinge, die Baby nicht wissen kann, weil ich meine Innereien grundsätzlich nicht zum Thema mache. Jetzt deckt sie eine Karte nach der anderen auf: „Worauf du dich zubewegst – eigentlich machst du deinen Weg alleine, was deinen Beruf betrifft. Und das ist genau richtig. Dir steht viel Freude ins Haus. Mach dich auch nicht kaputt, was das Finanzielle betrifft, du kommst schon wieder zu Geld. Und schmeiß die Zweifel weg!“

Manche Karten ziehe ich jedes Mal, sie sind mir so vertraut wie alte Bekannte. Und ich würde wetten, gleich treffe ich sie wieder. Da sind sie schon – die Schlangen! „Man gönnt dir deine Wege nicht. Aber damit kannst du leben. Da ist eine Person, die nicht ehrlich zu dir ist. Leiste keine Unterschrift, auch nicht für jemanden aus deiner eigenen Familie.“ Das ist mal eine klare Ansage. Baby schaut mich eindringlich an. „Nimm das bitte ernst, das ist eine Warnung.“

Für ihr großes FR7-Dossier über die  Familie Rosenberg hat Tania Kibermanis 2020 den Alternativen Medienpreis  bekommen. Dieser wird seit dem Jahr 2000 für kritischen Journalismus und ungewöhnliche Formate verliehen.  Lesen Sie die Multimedia-Reportage  unter www.frstory.de/rosenberg
Für ihr großes FR7-Dossier über die Familie Rosenberg hat Tania Kibermanis 2020 den Alternativen Medienpreis bekommen. Dieser wird seit dem Jahr 2000 für kritischen Journalismus und ungewöhnliche Formate verliehen. Lesen Sie die Multimedia-Reportage unter www.frstory.de/rosenberg © Heike Ollertz

Das, was in den Karten nicht auftaucht, ist auch im Leben unproblematisch. Mein Sohn ist beispielsweise nie ein Thema. Und auch ansonsten bleiben mir die richtig dicken Krisen schon erfreulich lange vom Leib. Irgendwann liegt auch wieder der Fuchs auf dem Tisch, meine Lieblingskarte: Sei nicht so vertrauensselig, halte bei manchen Menschen besser die Klappe. „Sei ein Fuchs“, mahnt Baby. „Denn wenn du kein Fuchs bist, wartet auf dich ein riesengroßes Problem. Wenn du aber ein Fuchs bist, passiert dir gar nichts.“

Man muss sich auf die märchenhaften Bilder und Babys orakelhafte Sprache einlassen – was mir nicht schwerfällt, denn es sind so wunderbar universelle Sätze, die man nicht so schnell vergisst. Und dabei so weit entfernt von jeglichem durchgecoachten Sebstoptimierer-Sprech. Baby tippt mit einem perfekt maikürten Fingernagel auf die Karte mit den Kleeblättern. „Das Schönste, was du gezogen hast – das Glück ist auf deiner Seite.“

Auch heute verstehe ich nicht alles, was Baby mir sagt. Aber ich weiß, dass ich mich im richtigen Moment daran erinnern werde. Wir packen die Karten zusammen und plaudern noch ein bisschen. Baby wird plötzlich ganz ernst. „Ich sage jeden Tag, wirklich jeden Tag: Danke, Mama. Weil ich das von meiner Mutter geerbt habe. Mama ist bei mir. Immer.“ Und ich weiß, dass sie wie immer Recht hat.

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