Südafrika

Alles nur „Armutsporno“?

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Eine tragische Geschichte aus Südafrika.

Die folgende Geschichte sagt mehr über Südafrika aus als zehn soziologische Dissertationen – mit ihren Drehungen und Wendungen könnte sie sich nirgendwo anders als am Kap der Guten Hoffnung abspielen. Eine (weiße) Südafrikanerin fährt mit ihrer Limousine in eine Tankstelle bei Kapstadt und stellt fest, dass sie ihre Geldbörse vergessen hat. Kurz entschlossen greift der (schwarze) Tankwart in seine Tasche und gibt der Dame hundert Rand, was für ihn einem Tageslohn entspricht. Er lässt sich weder die Adresse noch die Telefonnummer der 21-Jährigen geben: Sie könne das Geld ja bei Gelegenheit zurückzahlen, meint der Tankwart lapidar.

Monet van Deventer ist dermaßen verblüfft, dass sie – zu Hause angekommen – einen Facebook-Eintrag schreibt und ein Crowdfunding-Konto einrichtet. Ergriffene Südafrikaner zahlen innerhalb von vier Tagen mehr als 430 000 Rand ein, fast 30 000 Euro. Der 28-jährige Tankwart zeigt sich überwältigt: „Dies ist zu viel für meinen Kopf“, sagt Nkosikho Mbele. Als er wieder klar denken kann, bittet der Tankwart seine „Gönnerin“, das Geld nicht auf sein Konto zu überweisen, weil das zu gefährlich sei: Schließlich wisse nun jeder, dass er ein halber Rand-Millionär sei.

Die Zuwendungen sollten lieber von der Crowdfunding-Seite verwaltet werden, vereinbaren die beiden Hauptakteure: Aus dem Fonds solle die Schule und Universität bezahlt werden, auf die Mbele mal seine Kinder schicken will. Als sich die Vereinbarung herumspricht, bricht in den sozialen Medien ein Shitstorm aus. „Sie wollen ihm nur deshalb das Geld nicht geben, weil er schwarz und deshalb ‚unverantwortlich‘ ist“, ereifert sich Thulani Thlapi (schwarz): „Stattdessen haben wieder einmal weiße Institutionen das Sagen.“ Manche Spender verlangen ihr Geld zurück: Daran ändert auch eine Klarstellung von Mbele, van Deventer und dem Crowdfunding-Dienst nichts.

Die Konfusion ist damit noch lange nicht vorbei. Als Shell von dem Vorfall in seiner Tankstelle erfährt, kündigt der Kraftstoff-Riese an, denselben Betrag, der über das Crowdfunding zusammen gekommen war, an eine von Mbele bestimmte wohltätige Organisation zu spenden. Außerdem soll der Tankwart im Juli zu einem Regionalgipfel der Shell-Familie nach Sansibar geflogen werden: Dort werde Mbele noch einen Preis erhalten.

Auch diese Ankündigung löst auf Facebook und Twitter einen Shitstorm aus: „Shell stiftet das Geld ja nur, um kostenlose PR zu machen und Steuern zu sparen“, schimpft eine: „Es ist zum Kotzen.“ In anderen Kommentaren ist von „unglaublicher Respektlosigkeit“ und von „Armutsporno“ die Rede. Selbst die Forderung nach einem Shell-Boykott wird erhoben. Die Südafrikaner hätten ihm „die Augen für all das Gute geöffnet, von dem wir umgeben sind“, sagte Tankwart Mbele zu Beginn der Geschichte. Was er inzwischen sagt, ist nicht überliefert.

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