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Rashida Nalukenge (links) und Catherine Nantume lernen, wie sie sich wiederverwertbare Binden nähen können.

Feminismus

An allen Tagen in die Schule

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Während ihrer Periode verpassen junge Mädchen in Uganda tagelang die Schule. Sie können sich keine Binden leisten und schämen sich. Die Feministin Stella Nyanzi versucht, mit schrägen Aktionen, das Tabuthema publik zu machen.

Ausgerechnet die Themen Menstruation und Damenbinden haben in Uganda eine hitzige Debatte um die Einschränkung der Meinungsfreiheit entfacht. Ugandas führende Feministin Stella Nyanzi wurde verhaftet und angeklagt – wegen mutmaßlicher „Cyber-Belästigung“. Sie hatte das Präsidentenehepaar im Januar in einem Facebook-Post als „ein Paar Arschbacken“ bezeichnet.

In dem kleinen ostafrikanischen Land Uganda sind öffentliche Diskussionen um die Periode ein Tabu, die ugandische Gesellschaft ist mehrheitlich christlich und erzkonservativ. Dennoch hat ausgerechnet der 72-jährige Präsident Yoweri Museveni sich das Thema im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben. Als er auf seiner Wahlkampftour 2016 zum Stimmenfang durch die Dörfer zog, versprach er, die Regierung werde bei seiner Wiederwahl kostenlose Damenbinden an Mädchen in den Schulen verteilen. Eine landesweite Evaluation des Schulsystems hatte zuvor gezeigt: Mädchen von armen Familien auf dem Land schneiden bei den Schulexamina bei weitem schlechter ab. Der Grund: Sie verpassen regelmäßig einmal im Monat für mehrere Tage den Unterricht.

So auch die 14-jährige Catherine Nantume, die in einem Armenviertel von Ugandas Hauptstadt Kampala auf die Care-Grundschule geht. „Ich habe während meiner Periode die Schule geschwänzt, weil meine Mutter mir keine Binden kaufen kann, sie sind schlicht zu teuer“, sagt sie. Das Mädchen in der schneeweißen Schuluniform sitzt nach Unterrichtsende in einem der kleinen Klassenzimmer an einer Nähmaschine. Im Bastelworkshop lernen die Mädchen hier, wie sie wiederverwertbare Binden selbst herstellen können: aus Frotteestoff und Baumwolle, was sich waschen lässt.

„Früher habe ich alte Stofffetzen benutzt, die ich mir in die Unterhose klemmte, doch die bluteten oft durch – ich habe mich nicht in die Schule getraut, weil ich Angst hatte, die anderen Kinder würden mich dann auslachen“, sagt sie und bedient gekonnt das Pedal an der manuellen Nähmaschine. Im Supermarkt kosten herkömmliche Binden in Uganda umgerechnet rund einen Euro pro Stück, die wiederverwertbaren knapp fünf Euro. Viele Familien, die täglich mit rund einem Euro überleben müssen, können sich dies schier nicht leisten.

Kein Wunder also, dass Präsident Museveni sich mit seinem Versprechen erhofft hatte, vor allem die weiblichen Wählerstimmen auf seiner Seite zu wissen. Nach der gewonnenen Wahl hat der Präsident, der bereits seit 30 Jahren an der Macht ist, seine Frau Janet Museveni zur Bildungsministerin ernannt. „Wir hatten wirklich viel Hoffnung, dass sie sein Versprechen wahrmachen wird“, sagt Sarah Nakabira, Direktorin der Care-Grundschule. Doch nach einem Blick in den Staatshaushalt musste die Ministerin rasch feststellen: Für Millionen von Binden reicht das Geld nicht aus. Die Enttäuschung war groß.

Im Radio und Fernsehen wurde das Thema heiß diskutiert. Das brachte auch die Feministin Nyanzi auf die Barrikaden. Die Doktorandin lehrt an Ugandas staatlicher Universität Genderstudien und hat zum Thema Sexualität in Afrika promoviert. Dass sie der Opposition nahesteht und gern provokativ sämtliche Tabus bricht – dafür ist sie bekannt. Bei einem Unistreik vergangenes Jahr streckte sie ihre nackten Brüste in die TV-Kameras, um Aufmerksamkeit zu erregen. In einem erzkonservativen Land, in dem Röcke per Gesetz bis über das Knie reichen müssen und ein Ministerium für Ethik und Anstand stetig dafür sorgt, dass keine Pornografie in Umlauf gerät, ist das ein Tabubruch.

Auf Facebook und Twitter rief sie schließlich unter dem Hashtag #Pads4GirlsUg eine Crowdfunding-Kampagne aus. Per mobilen Geldtransfers über das Handy sammelte sie Geld, um damit die versprochenen Damenbinden an den Schulen verteilen zu können. Dabei kritisierte sie in ihren Posts die Präsidentenfamilie mit vulgären Sprüchen. Ihre grundsätzliche Kritik richtete sich gegen die Präsidentengattin und andere Politikerinnen in der Regierung.

Uganda ist für afrikanische Verhältnisse in Sachen Gleichstellung von Frauen gar nicht schlecht aufgestellt. Die Verfassung sieht seit der gewaltsamen Machtergreifung Musevenis 1986 eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent im Parlament vor. Dennoch würden sich diese Frauen in der Politik nicht für die Interessen von Mädchen und Frauen einsetzen. „Jetzt haben wir so viele Vaginas im Parlament sitzen – doch sie müssen uns auch beweisen, dass sie ein Gehirn dazu haben“, sagte Nyanzi im Interview kurz vor ihrer Verhaftung im April.

Die vulgären Sprüche haben die religiöse Präsidentengattin erzürnt. In einem TV-Interview gab sich Janet Museveni jedoch von ihrer christlichen Seite. „Ich vergebe ihr“, sagte sie großzügig, merkte aber an, dass sie Nyanzi für verrückt hält. Die Antwort von Nyanzi folgte direkt. „Ich werde ihr nicht die Füße küssen, eher küsse ich ihre Klitoris“, schrieb sie auf Facebook. Das ging dann doch zu weit. In einem Staat wie Uganda, in dem zahlreiche Familienmitglieder Musevenis in Regierungskreisen vertreten sind und Armee und Geheimdienste kontrollieren, grenzen solche Sprüche an Majestätsbeleidigung.

Nach einem öffentlichen Vortrag zum Thema Damenbinden verschwand Stella Nyanzi im April spurlos für mehrere Tage. Ihre Familie suchte nach ihr. Erst nach drei Tagen bestätigte die Polizei, man habe sie verhaftet. Vor Gericht wurde sie wegen „Cyber-Belästigung“ angeklagt. Der Staatsanwalt argumentierte mit einem alten Paragrafen aus der Kolonialzeit, sie sei nicht zurechnungsfähig und eine Gefahr für die Gesellschaft. In der staatlichen Psychiatrie müsse ein Gutachten über sie erstellt werden.

Über drei Wochen verbrachte Nyanzi in Ugandas größtem Gefängnis. Dort infizierte sie sich mit Malaria. Als sie bei ihrer letzten Anhörung vor Gericht erschien, war sie schwach und musste von zwei Gefängniswärterinnen gestützt in den Gerichtssaal geführt werden. Aus gesundheitlichen Gründen ließ der Richter sie letztlich auf Kaution nach Hause gehen. Die Anklage bleibe jedoch bestehen, die Verhandlung würde weitergehen, sobald sie wieder gesund sei.

Kaum zu Hause, postet sie auf Facebook: „Es wäre so einfach, den Präsidenten zu töten und damit eine jahrzehntelange Diktatur zu beenden.“ Solche Androhungen stehen in Uganda unter hoher Strafe. Das ganze Land diskutiert derzeit in den Medien, in Kneipen und auf der Straße nicht nur über den Grad der Meinungsfreiheit, sondern auch über Tabuthemen wie Monatsblutung.

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