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Interview

Allein im Kampf gegen die Mafia

  • Kordula Doerfler
    VonKordula Doerfler
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Gianrico Carofiglio war ein bekannter Staatsanwalt. Erst spät hat er mit dem Schreiben begonnen. Ein Gespräch über seine Bücher, die Mafia, den Zustand Italiens und die bremsende Angst vor dem Scheitern.

Er empfängt in seinem Büro in der Römer Innenstadt, einem eher schlichten Raum in einem Palazzo in der Nähe des Parlaments mit Büros für die Senatoren. Gianrico Carofiglio, groß, schlank, im dunklen, perfekt sitzenden Anzug, ist auf die Minute pünktlich. Unpünktlichkeit, sagt er, halte er für eine Form der Unhöflichkeit, die unzumutbar sei.

Wie wird ein erfolgreicher Anti-Mafia-Staatsanwalt zum Schriftsteller?

Nun, das ist ja so ungewöhnlich nicht, es gibt andere Beispiele dafür, hier in Italien, aber auch in Deutschland, denken Sie nur an Bernhard Schlink. Ich würde die Frage anders stellen: Wie konnte es passieren, dass ein Junge, der davon träumte, Schriftsteller zu werden, viele Jahre lang als Jurist gearbeitet hat, ohne einen einzigen Satz zu schreiben?

Und wie lautet Ihre Antwort?

Es gibt nicht nur eine Antwort, sondern viele verschiedene. Die wichtigste ist wohl: Er hatte Angst. Wir Menschen haben oft Angst davor, das zu tun, was wir uns ganz stark wünschen, denn das ist immer mit der Angst vor dem Scheitern verbunden.

Und so war es auch bei Ihnen?

Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich unbedingt Schriftsteller werden wollte, und ich ließ sie verstreichen und wurde Jurist. Doch irgendwann kam diese Phase wieder, und ich wusste einfach: Jetzt muss ich es versuchen. Und so begann ich, meinen ersten Roman zu schreiben.

Wann war das genau?

Im Jahr 2000. Zu diesem Zeitpunkt war es für mich unvorstellbar, noch länger nicht zu schreiben, und die Angst zu scheitern war dann kleiner als dieser Wunsch.

Nun kann ja von einem Scheitern wahrlich keine Rede sein, Sie gehören heute zu den erfolgreichsten Schriftstellern Italiens, und Ihre Romane werden in viele Sprachen übersetzt.

Ich würde lieber nicht von Erfolg reden, sondern davon, dass es bisher ganz gut gegangen ist.

Was bedeutet es für Sie, zu schreiben?

Nadine Gordimer hat es einmal so formuliert: Schreiben heißt, da zu sein. Das finde ich sehr zutreffend, und ich will das wenigstens versuchen.

Wenn der Wunsch zu schreiben bei Ihnen schon so lange stark war, wann haben Sie zum allerersten Mal etwas Literarisches geschrieben?

Im Alter von acht Jahren, in ein Schulheft. Es war eine Geschichte, die inspiriert war durch die Lektüre von Jack London. Dann schrieb ich weiter bis etwa 12, 13 – und dann kam eine Pause von 26 Jahren.

Welche Rolle spielte Literatur in Ihrer Familie?

Eine sehr große. Meine Mutter …

Die Schriftstellerin Enza Buono ...

… schrieb und schreibt immer noch, und auch mein Bruder schreibt. Das heißt, in einer Familie aus vier Personen schrieben bzw. schreiben drei Romane. Aber abgesehen davon, hat auch die Atmosphäre in unserer Familie eine große Rolle gespielt. Ein Buch war dort gewissermaßen eine unvermeidliche Größe im Leben, etwas, das in jeder Form einen sehr großen Stellenwert hatte.

Nächste Seite: Über die Mafia wird in Italien nicht mehr viel gesprochen

Sie sind nicht nur Jurist und Schriftsteller, sondern ganz nebenbei auch noch Senator für die Demokratische Partei hier in Rom und sitzen in dieser Funktion auch in der Anti-Mafia-Kommission des Senats. Auf den ersten Blick scheinen das drei Dinge zu sein, die sich gegenseitig ausschließen.

Ja, aber nur auf den ersten Blick. Denn alle drei Dinge, die ich im Leben getan habe, verbindet etwas: Es geht um den Umgang mit Sprache und um den Respekt vor der Sprache. Das gilt für den Schriftsteller genauso wie für den Juristen, der oft eine völlig unverständliche Sprache verwendet, für den Bürger, der in einem Gerichtsverfahren steckt und dieser Sprache ausgeliefert ist, und natürlich auch für Politiker.

In allen drei Bereichen mangelt es oft an Respekt vor der Sprache. Und es geht in allen drei Bereichen auch um Ethik. Dass ich auch im Parlament sitze, war übrigens etwas, das ich nicht aktiv betrieben habe, sondern was an mich herangetragen wurde. Und es ist mir wichtig, dass das erst geschah, als ich schon Schriftsteller war, vor den letzten Wahlen im Jahr 2008.

Sicher hat dabei Ihre Erfahrung als Staatsanwalt eine Rolle gespielt.

Ja, obwohl ich mich stets bemüht habe, diesen Beruf sehr diskret auszuüben.

Das ist in Italien kaum möglich und eher ungewöhnlich, erst recht, wenn man sich wie Sie dem Kampf gegen die Mafia verschrieben hat.

Das stimmt. Trotzdem habe ich versucht, große öffentliche Auftritte zu vermeiden.

Warum haben Sie dann zugestimmt, für das Parlament – wenn auch als Parteiloser – zu kandidieren?

Nun, es war auch eine gewisse Neugierde, das muss ich zugeben. Es bot mir die Chance, einmal zu sehen, wie es auf der anderen Seite zugeht, das hat mich sehr gereizt.

Als Staatsanwalt in Bari waren Sie so gefährdet, dass Sie zeitweise unter Polizeischutz leben mussten. Das muss eine enorme Belastung, auch für die Familie, gewesen sein.

Na ja, das liegt ja nun alles schon eine Weile zurück. Manchmal war das nicht ganz einfach, aber ich schätze es nicht, wenn darüber öffentlich lamentiert wird. Jeder hat im Leben Wahlmöglichkeiten bei seinem Beruf, auch wenn er bestimmte negative Aspekte mit sich bringt.

Über die Mafia wird derzeit nicht mehr viel gesprochen in Italien, das Land hat andere, dringendere Probleme.

Das heißt aber nicht, dass sich das Problem einfach erledigt hat, im Gegenteil. Das Phänomen besteht nach wie vor und ist ja auch mitnichten ein rein italienisches. Dennoch bewegt es sich heute auf einem anderen Niveau als in der Vergangenheit. Wie Sie wissen, gibt es verschiedene Mafia-Organisationen in verschiedenen Regionen. Die mächtigste war einst die Cosa Nostra in Sizilien, die aber heute längst nicht mehr das ist, was sie mal war. Ein viel größeres Problem sind heute die Camorra in Kampanien und die ’Ndrangheta in Kalabrien.

Die immer stärker in einem globalen Markt arbeiten und international bestens vernetzt sind.

Das ist richtig, und das ist auch einer der Schwerpunkte unserer Arbeit, es geht um internationale Geldströme, Geldwäsche, Drogenhandel und Prostitution. Dennoch, unsere Justiz und Sicherheitskräfte leisten hervorragende Arbeit auf diesem Feld, viele von ihnen sind hoch spezialisiert und äußerst professionell.

Besiegen aber ließ sich die Mafia bis heute nicht, und sie breitet sich auch immer mehr nach Norditalien aus, vor allem in die Lombardei. Haben Sie die Hoffnung, dass es sie eines Tages tatsächlich nicht mehr geben könnte?

Sicher, die Hoffnung gibt es! Es ist zwar naiv zu glauben, dass es einmal eine hoch entwickelte Gesellschaft ohne kriminelle Kräfte geben könnte, aber diese italienische Anomalie, ja Pathologie, ist heute doch weit weniger ausgeprägt als früher.

Ein überraschender Befund!

Das Ausmaß an Gewalt, das von Kräften der Mafia verübt wird und auch die soziale Gewalt, die von ihr ausgeht, sind heute weitaus geringer als in der Vergangenheit. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang Giovanni Falcone zitieren, einen der berühmtesten sizilianischen Mafiajäger, der 1992 schließlich brutal umgebracht wurde. Falcone sagte einmal: Die Mafia ist ein menschliches Phänomen, sie hat einen Anfang, und sie wird ein Ende haben. Davon bin auch ich fest überzeugt.

Auch in Ihre Arbeit als Schriftsteller fließt Ihre Erfahrung als Jurist ein. Als Sie angefangen haben zu schreiben, wussten Sie da bereits, dass Sie Kriminalromane schreiben würden?

Ich würde meine Bücher nicht Kriminalromane nennen. In Kriminalromanen oder Detektivgeschichten gibt es eine klare Struktur: Ein Verbrechen und einen Ermittler, der es aufklären soll und das in der Regel auch tut. In meinen Büchern geht es zwar um Rechtsfälle um den Anwalt Guido Guerrieri, aber für mich ist das nur ein Instrument. Mich interessieren viel mehr seine Person und seine Entwicklung. Er hat es mit Justizfällen zu tun – insofern spielt meine Erfahrung als Jurist auch eine wichtige Rolle beim Schreiben –, und er macht dabei eine innere Entwicklung, einen Wandel durch.

Nächste Seite: "Das Ende habe ich von Anfang an im Kopf."

Ein Entwicklungsroman in mehreren Folgen?

Ja, die Idee der Entwicklung fasziniert mich, insofern kann man von Entwicklungsromanen sprechen, aber es handelt sich ganz sicher nicht um eine Serie. Eine Serie variiert allenfalls die Handlung, besteht aber sonst aus sich wiederholenden Elementen, und das ist in meinen Büchern nicht der Fall. Ich betrachte sie vielmehr als Makrokapitel eines Makroromans. Ein italienischer Kritiker hat einmal gesagt, es handele sich um einen moralischen Helden, und diese Definition gefällt mir sehr gut.

Dieser Held ist aber auch ein Antiheld, einer, der in vielem gescheitert ist, seine Ehe ist zerbrochen, beruflich weiß er nicht so recht, wie es weitergehen soll und warum er überhaupt Anwalt geworden ist. Er ist von Selbstzweifeln geplagt und ziemlich einsam.

Das stimmt, er ist aus einer ganzen Reihe von Gründen gescheitert, und das interessiert mich an dieser Person. Sie muss erst einen völligen Zusammenbruch erleiden, um sich das eingestehen zu können. Das heißt aber nicht, dass dieser Held sich nicht ändern kann, er muss nur bereit dazu sein. Und bei aller Einsamkeit ist es sehr wichtig, dass er die Fähigkeit hat, über sich selbst zu lachen. Irgendwann gelangt er immer zu der Einsicht, dass diese Einsamkeit auch etwas Lächerliches hat. Gewiss neigt er zu einer gewissen Melancholie, aber er ist in der Lage, sie immer wieder ironisch zu brechen und sogar zu überwinden. Das gleiche gilt für die Angst, die er oft hat, sei es vor dem Leben oder vor konkreten Fällen. Am Ende eines jeden Buches ist er ein Stück weit ein anderer geworden, hat durchaus auch Mut bewiesen.

Die Frage ist unvermeidlich: Guerrieri liebt Jazz und Literatur, Filme und gutes Essen, gibt es da auch autobiografische Elemente?

Aber sicher, mehr aber auch nicht.

Ihr Held ist ein Single um die 40, hat keinen sonderlichen Erfolg bei Frauen, auch wenn er davon träumt, er klopft große Sprüche und verkehrt nicht gerade in den besten Kreisen. Er lebt ein nicht sehr glamouröses Leben in einer Provinzstadt fern von Rom. In gewissem Sinn ist dieser „Held“ sehr italienisch – und zugleich universal. Erklärt das Ihren Erfolg in anderen europäischen Ländern?

Er ist sicher eine Figur, in der sich auch Leser außerhalb Italiens wiedererkennen können. Theoretisch könnte er in jeder mittelgroßen Stadt in Europa oder auch den USA leben. In diesem Sinne steht er für eine globale Urbanität.

Sehr italienisch ist das Ambiente, Ihre Heimatstadt Bari, das Leben in einer sehr alten Stadt am Mittelmeer, die geprägt ist von vielen Kulturen. Ist es denkbar, dass Guerrieri eines Tages Bari auch verlässt?

Ich weiß es nicht, aber möglich ist es. Ich denke darüber nach, mehr kann ich dazu im Augenblick nicht sagen.

In Ihren Romanen spielen soziale Konflikte eine Rolle, in einem geht es um illegale Einwanderung, in Ihrem letzten Buch um Prostitution und Drogenhandel. Nehmen Sie sich das Thema so konkret vor, ehe Sie beginnen zu schreiben?

Nein, ganz und gar nicht. Die Idee, dass ich ein bestimmtes soziales Thema quasi zur These mache, gefällt mir überhaupt nicht. Und auch mein „Held“ hat keinen Symbolcharakter, auch wenn sich viele Leser in ihm vielleicht wiedererkannt haben. Aber die kulturelle, moralische und politische Sensibilität eines Autors hört selbstverständlich beim Schreiben nicht auf.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen neuen Roman schreiben wollen?

Wenn ich beginne, habe ich eine erzählerische Ausgangssituation vor mir: zwei, drei Personen, die sich begegnen – und den Schluss. Dazwischen muss ich mich als Autor dem Weg öffnen, der durch den Wald führt.

Das Ende haben Sie immer schon vorher im Kopf?

Ja, das halte ich für wichtig, um eine Geschichte zu erzählen, die auch Plausibilität hat. Eine der größten Gefahren beim Erzählen ist, dass man anfangs Versprechen macht, die dann nicht eingehalten werden können. Wenn ich aber schon weiß, wie die Geschichte endet, ist die Gefahr geringer, dass das passiert. Das versuche ich in meinen Seminaren auch meinen Studenten beizubringen.

Als Ihr Buch „In ihrer dunkelsten Stunde“ vor gut zwei Jahren in Italien erschien, gab es nicht wenige, die darin sehr direkte Bezüge zur Situation Italiens erkannten: Es geht um Drogenhandel und Prostitution, sogar ein Escort-Ring aus Bari spielt eine Rolle. Alles Zufall oder eine Anspielung auf den damaligen Regierungschef Silvio Berlusconi und seine nächtlichen Orgien?

Den Plot für die Geschichte hatte ich Monate vorher abgeschlossen, ehe die Ermittlungen gegen Berlusconi bekannt wurden. Anspielungen auf die Regierung sind also weder gewollt noch geplant gewesen, und Politik interessiert mich in dem Zusammenhang auch nicht. Die Figur der Prostituierten Nadja gab es ja schon viel früher, in meinem zweiten Roman.

Alles nur Zufall?

Ja, sicher, allenfalls lag das Thema vielleicht in der Luft.

Nächste Seite: Wie steht es um ein politisches Comeback?

Unterdessen musste Silvio Berlusconi unter dem Druck der Eurokrise aus dem Amt gehen. Halten Sie es für möglich, dass er bei den nächsten Wahlen im Frühjahr 2013 doch noch ein politisches Comeback versucht?

Ich halte das für sehr unwahrscheinlich, und zwar deshalb, weil er dabei ein bestimmtes Konzept im Kopf hätte, und das wäre, erneut der Chef zu sein. Berlusconi ist eine Kämpfernatur, egal, was man sonst von ihm hält. Dennoch, selbst für seine Partei war er am Ende zu einer schweren Belastung geworden. Bliebe also nur die Möglichkeit, dass er eine Funktion in der zweiten oder dritten Reihe übernimmt, und das passt überhaupt nicht zu seiner Persönlichkeit.

Auch wenn er nicht mehr im Amt ist, er hat ein schweres Erbe in Italien hinterlassen. Er stand für ein unmoralisches System, war geradezu der Inbegriff dessen, vielleicht sogar ein Modell für viele Italiener, wie man es unter Missachtung von Regeln sehr weit bringen kann.

Für manche mediokre Persönlichkeiten, und das gilt vor allem für Leute in seiner Umgebung, mag er ein Modell gewesen sein. Und ja, er hat ein schweres Erbe hinterlassen, das zu überwinden Zeit braucht. Aber man darf nicht vergessen, dass es ja auch immer Menschen in Italien gab, die die Regeln trotzdem beachtet haben. Wir müssen dem Berlusconismo nun die Idee von Solidarität und Gemeinwohl entgegensetzen.

Viele Italiener haben in seiner Ära das ohnehin nicht sehr verbreitete Vertrauen in den Staat gänzlich verloren.

Oberflächlich betrachtet ja. Andererseits haben viele nun großes Vertrauen in die Regierung von Mario Monti. In der Realität sind viele Dinge, auch wenn sie so erscheinen, dann doch nicht irreversibel!

Unter Montis Expertenregierung hat in Italien ein geradezu atemberaubender Wandel eingesetzt – so nimmt es zumindest das europäische Ausland wahr.

Selbstverständlich verkörpert Monti einen vollkommen anderen Stil, er bringt Kompetenz, Seriosität und Ernsthaftigkeit mit, und auch wenn er nicht gewählt ist, sind genau das die Gründe, warum die Wahl auf ihn fiel. Ganz wichtig finde ich auch, dass er über eine Portion Ironie verfügt. Monti hat bereits Außergewöhnliches geleistet, das steht außer Frage, auch daher rührt sein enormes Ansehen im Ausland. Innerhalb Italien sieht das natürlich anders aus, wenn es die Menschen direkt betrifft. Aber auch hier ist er populär.

Italiens Parteien sind in einem trostlosen Zustand. Dabei hätten sie doch gerade jetzt, in dieser Zwangspause, die Chance, sich zu erneuern, programmatisch wie personell. Zu sehen ist davon nichts.

Nein, das stimmt nicht, die Erneuerung hat bereits begonnen! Und das fängt eben mit der derzeitigen Regierung an. Wer sagt, sie sei eine technische Regierung ohne demokratische Legitimation, trifft den Punkt nicht. Sie ist eine Regierung, die außerhalb der Politik steht – und damit genau die angemessene Antwort auf das, was Berlusconi hinterlassen hat, für eine Zeit des Übergangs. Das grundsätzlich Neue an dieser Situation ist, dass die Politik jetzt nicht mehr dort gemacht wird, wo sie früher gemacht wurde, von den alten Parteien im Parlament. Das heißt aber nicht, dass keine politischen Entscheidungen mehr getroffen werden, und das haben die Parteien begriffen.

Es gibt viele Leute, die sich wünschen, dass Monti bei den Wahlen im Jahr 2013 kandidiert. Halten Sie das für wahrscheinlich?

Das ist im Augenblick sehr schwer zu sagen, warten wir es ab.

Glauben Sie, dass Italien ein anderes Land sein wird, das dann über seine Zukunft entscheidet?

Ja, das glaube ich wirklich – wir sehen doch jetzt schon ein anderes Land. Nehmen Sie als Beispiel nur den Kampf gegen Steuerhinterziehung, den die jetzige Regierung führt. Das geht weit über spektakuläre Razzien hinaus, dahinter steht eine Strategie. Die Botschaft ist, dass es sehr viel schwieriger wird, Steuern zu hinterziehen. Hier geht es um einen moralischen Wandel, der gar nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Ähnliches gilt für andere Reformen, die die Regierung plant oder bereits verabschiedet hat.

Der erste wirklich große Konflikt ist der Streit um eine Reform des Arbeitsmarktes und die damit verbundene Lockerung des Kündigungsschutzes. Sehen Sie die Gefahr, dass die Regierung darüber stürzen könnte?

Nein, das glaube ich nicht. Das ist eine hochgradig symbolische Frage für die Gewerkschaften, an der auch ein Machtkampf ausgetragen wird, insbesondere am sogenannten Artikel 18. Niemand kann wollen, dass Arbeitnehmer keinen Schutz mehr genießen, und wir wollen auch keine schwachen Gewerkschaften. Aber ich bin überzeugt davon, dass es am Ende zu einer Einigung kommen wird. Niemand kann ein Interesse daran haben, dass die Regierung ausgerechnet darüber stürzt.

Wo wird Italien in zehn Jahren stehen?

Eine Möglichkeit der Entwicklung, die ich sehe, ist, dass wir uns auf unsere Stärken und die Bereiche konzentrieren, in denen wir exzellent sind, also im Bereich der Fertigung und der Kreativität. So wie in den 60er-Jahren, als italienische Produkte und Ideen einen Siegeszug um die ganze Welt antraten. Daran müssen wir anknüpfen, aber auch neue Ideen entwickeln. Es kann doch gar kein Zweifel daran bestehen, dass wir wieder dahin kommen können. Als Land verfügen wir über einen großen Reichtum, nicht zuletzt an Kulturgütern, darin steckt ein enormes Potenzial.

Aber es gibt kein Geld mehr, um sie zu unterhalten oder gar zu restaurieren.

Ich bin überzeugt davon, dass auch auf diesem Feld ganz neue Wege beschritten werden können, indem man beispielsweise intelligent und kontrolliert private Investoren heranholt.

Im Augenblick wirkt Italien eher ängstlich und zaudernd, viele Menschen plagt die Angst vor Rezession und Wirtschaftskrise, vor neuen harten Sparmaßnahmen und sozialem Abstieg. Vor allem junge Leute sehen derzeit hier kaum eine Zukunft.

Es ist nicht überraschend, dass sehr viele junge Leute das Land verlassen oder verlassen wollen. Italien ist derzeit ein mental veraltetes und halb gelähmtes Land. Neue Ideen brauchen wir – auch darüber, welche Rolle Italien künftig in Europa spielen will. Aber ich bin optimistisch. Die Italiener haben ein großes Talent, schwierige und unsichere Situationen zu meistern.

Das Gespräch führte Kordula Doerfler.

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