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Kitschig kommt an: Auf dem Höhepunkt der Blüte wähnen sich die unzähligen Gäste aus aller Welt unter einem rosa Himmel.

Instagram

Alle Wege führen nach Bonn

Zumindest für Menschen mit Smartphone in den nächsten paar Wochen. Das liegt an der Kirschblüte. Und an Instagram.

Vor einiger Zeit stand eine Koreanerin im Geschäft von Victoria Harlos in Bonn. Sie war etwa 20 Jahre alt und sie sagte: „Jeder in meiner Generation kennt diese Straße.“ Das war insofern verwunderlich, weil die Straße, in der Harlos ihr Geschäft betreibt, vor gar nicht langer Zeit selbst vielen Bonnern nicht gut bekannt war. Es ist die Heerstraße in der Bonner Altstadt, früher mal ein in die Jahre gekommenes Handwerkerviertel. Heute ist sie ein Sehnsuchtsort, auch in Asien. „Das kommt durch Instagram“, sagt Harlos. „Durch die sozialen Medien gibt es keine Grenzen mehr.“

Der Grund, warum die Heerstraße und einige Straßen drumherum so bekannt geworden sind, ist rosa und in diesen Tagen hier und da bereits zu sehen, wenn man den Kopf nach oben reckt: die Kirschblüte. Japanische Blütenkirschen gibt es zwar auch in anderen Städten, aber selten sind sie so kitschig arrangiert wie in der Bonner Altstadt. Auf dem Höhepunkt, der sehr vom Wetter abhängt, wähnt man sich unter einem rosa Himmel, der sich zwischen den dicht gedrängten Häusern aufspannt. Auf diesen Höhepunkt der Blüte bereitet sich das Viertel gerade wieder vor. Lange wird es nicht mehr dauern.

Das Farbspektakel lockt mittlerweile Touristen aus aller Welt an - vor allem jene mit Kamera und Smartphone. Die Bonner Kirschblüte ist Zucker für die Augen und daher begehrtes Bildmotiv. Schon immer kamen viele Hobbyfotografen, in den vergangenen Jahren hat alles aber noch mal eine neue Dynamik bekommen. Mit den neuen sozialen Medien sind Fotos zur Trophäe geworden.

Zucker für die Augen

Die „Instagramability“ – also grob gesagt die Fähigkeit eines Ortes, im Foto-Netzwerk Instagram gut auszusehen – gilt im Tourismus mittlerweile als harte Währung. Vor allem junge Leute stehen darauf. Eine Studie des Ferienhaus-Versicherers Schofields Insurance ergab 2017, dass 40 Prozent der 18- bis 33-Jährigen ihre Reiseziele nach „Instagramability“ aussuchen. Auf dem Globus gibt es einige Flecken, die so zu regelrechten Wallfahrtsorten geworden sind, etwa der Felsvorsprung Trolltunga in Norwegen.

Allerdings muss man gar nicht so weit schauen, um ähnliche Phänomene zu entdecken. Beispielsweise den Eifelort Monschau mit seinen Fachwerkhäusern. Früher kamen viele Rentner zum Kuchenessen, heute findet man unter dem Hashtag #monschau auf Instagram mehr als 50 000 Einträge. „Bekannte Instagramer waren dort und ihre Fans reisen ihnen hinterher“, erklärt Julie Sengelhoff von Tourismus NRW. Ein weiteres Beispiel: das Städtchen Freudenberg im Siegerland, das im Winter wie ein Märchendorf erscheint. Immer häufiger werden Bilder seiner Fachwerkhäuschen nun in die Instagram-Feeds gespült.

Kontrolle über die Wanderbewegungen der Social-Media-Touristen hat man aber kaum. Das gilt auch im Negativen, denn natürlich besteht immer die Gefahr, schlichtweg überrannt zu werden. Auch Bonn hat in der Richtung Erfahrungen gemacht. Im vergangenen Jahr tauchten plötzlich Plakate auf, auf denen Unbekannte ankündigten, 7000 Kupfernägel in die Bäume zu schlagen, sollte der „Fotowahnsinn“ nicht gestoppt werden. Die Bonner Polizei konnte die Urheber zwar bislang nicht ermitteln, schaut nun aber „mit anderen Augen“ auf das Ereignis, wie ein Sprecher sagt.

Für Victoria Harlos blüht die Kirsche mittlerweile ganzjährig. In ihrem Geschäft kann man Leinwände, Postkarten und vieles mehr kaufen, auf denen sie zu sehen ist. Zudem betreibt sie einen Blog mit Kirschblüten-Liveticker. In Japan war sie übrigens noch nie. „Die Bilder, die ich aus Japan gesehen habe, sind nett“, sagt sie. „Aber nicht so atemberaubend wie das hier.“ (Jonas-Erik Schmidt, dpa)

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