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Prominente Unterstützung für Lützerath: Am vergangenen Wochenende waren unter anderem die „Fridays for Future“-Aktivistinnen Greta Thunberg (3. v. r.) und Luisa Neubauer (3. v. l.) zu Gast.
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Prominente Unterstützung für Lützerath: Am vergangenen Wochenende waren unter anderem die „Fridays for Future“-Aktivistinnen Greta Thunberg (3. v. r.) und Luisa Neubauer (3. v. l.) zu Gast.

Kohleabbau in Lützerath

„Alle Parteien sollten jetzt liefern“

  • VonBarbara Schnell
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Es wird ernst in Lützerath, wo demnächst für die Braunkohle die letzten Bäume und Häuser fallen sollen. Dass dies dem Wohle der Allgemeinheit dient, glaubt hier kaum jemand mehr.

Vieles an der ungewissen Stimmung, die in diesen Tagen im Rheinischen Braunkohlerevier herrscht, erinnert an die Wochen und Tage vor der Räumung im Hambacher Wald 2018. Am Tagebau Hambach droht der Energiekonzern RWE einmal mehr, eine Straße abzureißen, ohne zuvor für die Anwohnerinnen und Anwohner Ersatz geschaffen zu haben. Dort soll auch das Bochheimer Wäldchen gerodet werden, das eigentlich gemeinsam mit dem Hambacher Wald als wichtiger Teil eines Biotopverbunds in der Strukturwandelregion gedacht ist.

Vor allem aber liegt der Fokus des Energieunternehmens auf dem Dörfchen Lützerath am südwestlichen Ende des Tagebaus Garzweiler. Dort sollen noch in diesem Herbst der Baumbestand und die letzten Häuser fallen. Besonders pikant: Gegen Eckhardt Heukamp, der auf seinem fast achthundert Jahre alten Hof gerade seine diesjährige Ernte einfährt, hat RWE eine vorzeitige Besitzeinweisung beantragt, eine der Enteignung vorgeschaltete Maßnahme, die möglich ist, wenn ein Strukturprojekt im Allgemeinwohlinteresse besonders dringlich realisiert werden muss. Doch Eckhardt Heukamp wehrt sich juristisch – und er ist nicht allein in seinem Ringen um die Frage, ob die Zerstörung seines Betriebs zur Gewinnung des klimaschädlichen Energieträgers Braunkohle im Jahr 2021 noch dem Allgemeinwohl dient.

„Was wir hier sehen, ist das klimapolitische Versagen der scheidenden GroKo“, sagt Bastian Neuwirth, Klimaexperte bei Greenpeace, der an diesem Freitag, dem 1. Oktober und somit Starttermin möglicher Rodungs- und Abrissarbeiten, nach Lützerath gekommen ist. „Gleichzeitig droht RWE eine Situation zu schaffen, die es der kommenden Bundesregierung von vornherein unmöglich machen wird, die Pariser Klimaziele einzuhalten.“ Denn in Lützerath, so konstatiert es nicht nur die Klimagerechtigkeitsbewegung, sondern so hat es auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnet, verläuft das 1,5-Grad-Limit: „Für die Einhaltung der international vereinbarten Klimaschutzziele müssen daher zusätzliche Tagebauverkleinerungen berechnet werden, die sich aus den notwendigen früheren Kraftwerksstilllegungen ergeben“, folgert die Studie, die der Politik einen sehr konkreten Handlungsrahmen setzt.

Doch bislang bleiben politische Signale aus und die Menschen vor Ort bleiben im Ungewissen, nicht nur, was ihre Zukunft im Allgemeinen betrifft, sondern auch die ganz konkrete Frage, an welcher Stelle sie als nächstes von Abrissbaggern und Kettensägen geweckt werden.

„Man sieht es ja hier, die Kohlebagger laufen ungestört weiter“, sagt der Landwirt Eckhardt Heukamp bei einem Pressegespräch in Lützerath, das buchstäblich am Freitag im Schatten des mahlenden Schaufelrads stattfand. „Und die Kraftwerke verfeuern das, was hier abgebaut wird. Ich finde, alle Parteien sollten jetzt liefern und sich auf den Klimaschutz besinnen, den sie im Wahlkampf versprochen haben.“

Auch mit dieser Forderung steht er nicht allein: „Wenn die neue Koalition zeigen möchte, dass sie versteht, was die Klimakrise bedeutet und welche Zerstörung wir mit unserer fossilen Lebensweise nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt anrichten, dann wäre ein Braunkohlemoratorium ein allererster Schritt, den sie gehen müsste“, sagt Aktivistin Carola Rackete, die bereits seit einigen Wochen in Lützerath lebt.

Doch neben Appellen an die Politik erklingen an diesem sonnigen Herbsttag in Lützerath auch ungeduldigere Stimmen: „Wir sind überzeugt, dass es weiter den Protest auf der Straße brauchen wird, um uns Gehör zu verschaffen und wirklich Veränderung zu bewirken“, sagt Pauline Brünger, die für die „Fridays for Future“-Bewegung nach Lützerath gekommen ist. Zur Illustration haben sich Bewohner:innen der anderen Garzweiler-Dörfer zu einer Sitzblockade vor Eckhardt Heukamps Hof eingefunden. Eigentlich nur eine symbolische Solidaritätsaktion – bis tatsächlich ein Fahrzeug mit Bauzäunen zur Abrissvorbereitung eintrifft und von den Klimaschützern fröhlich abgeladen wird. Es wird also ernst in Lützerath – doch Zerstörung ohne kritische Beobachtung durch die Allgemeinheit, deren Wohl als Grund für die Maßnahmen zitiert wird, wird es dort nicht mehr geben.

Carola Rackete.
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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