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Es schmeckt – aber nur um den 24. herum!

Klassisches Weihnachtsfest

Alle Jahre bieder

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Schriftsteller Burckhard Garbe mag das Fest in seiner klassischsten Form. Ein flammendes Plädoyer für dicke Tannen und fette Braten.

Argument 1: Der Weihnachtsbaum, ein Lehrgegenstand par excellence, Lehre für Kopf und Herz, Kopf und Bauch: Wann im Jahr bekommt die Normalbürgerin, der Normalbürger ein solch intimes Verhältnis zu einem Baum und damit zum Baum schlechthin? Sozusagen gewissermaßen quasi: eine Baumpatenschaft, alle Jahre wieder, wenn auch auf Zeit, auf sehr kurze Zeit, zugegeben! Aber: Gummibaum, Zimmerlinde, selbst der Bonsai auf der Untertasse schaffen das nie, sie täuschen Natur nur vor, an sie hängt man sein Herz nicht, auch frau ihr Herz nicht, wohl aber und nur: an den Weihnachtsbaum, ob Fichte, ob Tanne, ob Kiefer. Unterrichtseinheit „Waldsterben im Wohnzimmer“, der Baum als Denk- und Lernanstoß, als paedagogicum für Alt und Jung. Mit Zusatzeffekt für die Jüngsten, die Computerfreaks: Ihnen wird er, nach wenigen Tagen schon, zum Nadeldrucker. Leise rieseln die Nadeln und drucken sich in den Teppich darunter oder ins Silberpapier, 24 Nadeln pro Stunde, der Baum als 24-Nadel-Drucker, wer könnte das lesen, was die da drucken? Also: unverzichtbar, der Weihnachtsbaum, das Thing markierend, bei dem die ganze Familie sich trifft, das Weihnachtsthing, das Thing an sich.

Argument 2: Die Weihnachtsgans, Krone der Kochkunst, das königliche Essen: Gänse, die Hunde vom Capitol, sie wachen nicht mehr, sie zischen nur noch, im Ofen, in der Bratform, als Weihnachtsbraten. Oder dieser, in anderer Form, als Karpfen, als Truthahn, als Ente: der duftet durchs Haus, durch die Weihnachtslieder, die Kokoskekse, die Zweige des Baums, er setzt sich in T-Shirts und in Pullover, er duftet und duftet, monatelang, bis er verduftet, unverzichtbar auch er! Und undenkbar zu anderer Zeit im Jahr: Gänsekeule und -schmalz, Rotkohl in seiner Rolle als Blaukraut, Äpfel-Korinthen-Füllsel und Gänsefett, leise triefelt das Fett, undenkbar zu Ostern. Das Fett in einem Mundwinkel, während im anderen noch Knickebein klebt oder Weichkrokant, da schauen sogar die gold-bunt-bekleideten Schokohäsinnen und -hasen aus ihrem grünen Papierwollenest mit großen Hasiaugen verwundert: undenkbar zu Ostern. Undenkbarer noch im Sommer, die Sommergans, nicht Würstchen im Schlafrock, nein, Gänschen im Anzug, im Badeanzug, Gans im Bikini, bratend unter der Julisonne, undenkbarer noch! Also: unverzichtbar, der Gänsebraten, der Braten zur Weihnacht.

Argument 3: Die Weihnachtslieder, altüberliefert, süßer nie klingen als zu der fröhlichen, seligen, gabenbringenden Weihnachtszeit, ihr Kinderlein singet, ihr Elterlein singet, oh singet doch all! Grad, als ob Engelein singen, nein, viel schöner und holder als Engel es sind, es sind des Singens Ungewohnte, die da das Singen versuchen, und, die Versuchung ist groß, wer singt, wird beschert, also singen auch die des Sanges Ungewohnten, also singet der Vater, die Mutter, das Kind. Der Vater, der sonst nur „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ mit den fünfzigtausend Fußballfreunden schmettert, die Mutter, die beim Bulettenbereiten mit Roger Whittaker ein Küchenduett riskiert, er so nett, sie Sopran, oder das Kind, das mit Nena, mit Nina oder Giannina und Lena mitsummt, mit Justin B. und Justin T. trällert, sie alle versuchen zu singen, miteinander zu singen, einmal im Jahr. Alle Jahre wieder, mit löblichem, wenn auch nicht lieblichem Klang klinget’s die Erde entlang. Und Wörter werden gesungen, altüberliefert, altüberholt, aus der Frühzeit der Sprache, Sprachgeschichte im Alltag: „jauchzen“, „erlaben“, „traut“, „heilig“, „hochheilig“, „holder Knabe“, „kundgemacht“, „Bübchen“, „Stübchen“, „hernieder“, „kling“, „klingeling“, „klingelingeling“, „hellglänzend“, „reinlich“, „redlich“, „wie sie gesungen“, „tut sich dann schwingen“, „kommet“, „eilet“, „ist so kalt der Winter“, „Christ ward geboren“. Und erst die Reime: „Zeit“ auf „Freud“, „hört“ auf „Erd“, „Kinder“ auf „Winter“, „Türen“ auf „erfrieren“, „Stall“ und „Strahl“, „fröhlich“ und „selig“. Fröhlich und selig wird dabei kein Deutschlehrer, keine Lehrerin, aber, einmal im Jahr, also: unverzichtbar, die Weihnachtslieder, die Lieder zur Weihnacht.

Argument 4: Das Weihnachtsschenken, altüberliefert, einzigartig im Jahr, keine Geburtstags-einseitige-Geschenk-Kommunikation, alles schenkt, einer dankt: dankedankedankedankedankeusw., nein, dieses Schenken zur Weihnacht ist noch echte Geschenkkommunikation, umkehrbar, die Beschenkte schenkt selber, der Schenker wird zum Beschenkten, wie du mir, so ich dir, ich schenke, damit du schenkst, schenk mir was Gutes, dann ich dir auch, wehe wenn nicht, Geschenkabtausch, Tauschhandel, altüberliefert, wieder modern geworden, unverzichtbar.

Argument 5 :Das Weihnachtsfernsehen, eher jungüberliefert, doch schon als wundertätig bewährt: Mutter, Vater, Kind in blauflackernder Stube versammelt, alle Blicke blicken parallel, die volle Familienaufmerksamkeit gilt der matten Scheibe, Friede herrscht, Streit kommt nicht auf, da müsste geredet werden, gesprochen, argumentiert, gestritten, aber gesprochen wird nicht, das ist ja das Wunder, das Wunder der Weihnacht, Stille herrscht. Stille Nacht, heilige Nacht, Fernsehnacht: auf „Heidi“ folgt „Bambi“ folgt „Sissi“ folgt „Der kleine Lord“ folgt „Weihnachten bei Hoppenstedts“, stumm wird Nahrung gereicht, Äpfel, Nüss’ und Mandelkern’ isst zum Fernsehn jeder gern. Es reicht das Licht vom Fernsehen, dass man sehen kann, was gereicht wird: Zimtsterne blau, Lebkuchen blau, so blau, auch die Dominosteine: kein Stein des Anstoßes, das Weihnachts-TV, im Gegenteil: O du fröhliche, o du selige, friedenbringende Fernsehzeit.

Resümee: Weihnacht ist sinnvoll, sinnreich, sinnenreich, alle fünf Sinne werden geübt, wir riechen den Baum, wir schmecken die Gans, wir hören die Lieder, wir tasten Geschenke und sehen TV, alle fünf Sinne, wann hat man das sonst? Oder anders: hörbarer Baum, duftende Gans, geschmackvolle Lieder, ansehnliche Geschenke, tastenreiches TV: Weihnachten sinnenreich, Weihnachten sinnvoll, Weihnachten unverzichtbar! Weihnachten ist schön!

Burckhard Garbe ist Schriftsteller und Germanist – und Weihnachtsfan!

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