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Fischerei, Klimawandel, Seuchen: Gerade mal 3000 bis 3500 Gelbaugenpinguine soll es noch geben.

Neuseeland

Alle gegen einen

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Das Schicksal meint es nicht gut mit dem Gelbaugenpinguin. Der kleine Seevogel, der ohnehin nur in Teilen Neuseelands vorkommt, hat gleich mehrere übermächtige Feinde.

Rosalie Goldsworthy hat jede Menge zu tun. Die 71-Jährige ist Rentnerin, kümmert sich aber aufopfernd um schwache, kranke und verletzte Pinguine – in der Regel um seltene Gelbaugenpinguine, die Megadyptes antipodes. Diese kommen ausschließlich in Neuseeland vor, und auch dort nur an der Südostküste der Südinsel, auf den südlichen Inseln Stewart Island und Campbell Island sowie auf den subantarktischen Auckland Islands.

Während für die erwachsenen Vögel bald der qualvolle Monat der Mauser beginnt, in der sie fast verhungern, weil sie aufgrund des Federwechsels an Land bleiben müssen, heißt es für Goldsworthy Abschied nehmen von den wohlgenährten Küken. Und dieses Jahr ist es ein besonderes Ereignis, denn um den Nachwuchs der vom Aussterben bedrohten Spezies durchzubringen, hat Goldsworthy eine radikale Maßnahme ergriffen.

Nachdem sie mehrere totgebissene Jungtiere gefunden hatte, transferierte Goldsworthy 48 der 49 Küken aus ihren Nestern in die Gehege ihrer Rettungsstation. „Penguin Rescue“ heißt diese schlicht, die „Pinguin Rettung“, gelegen an einem Leuchtturm südlich der Kleinstadt Oamaru. Nur ein einziger Winzling im braunen Daunenkleid wurde in dieser Saison von seinen Eltern durchgefüttert, um die anderen kümmerte sich Goldsworthy allein.

Im Lauf der Wochen gingen elf Frettchen in die Fallen, die sie aufgestellt hat. Ein Beweis dafür, dass ohne das Eingreifen der Pinguin-Fachfrau die bedrohlich niedrige Zahl der Gelbaugenpinguine weiter gesunken wäre. Frettchen gehören zu den erbittertsten Feinden der 60 bis 70 Zentimeter großen Pinguine, die leicht an ihren bernsteinfarbenen Augen und dem gelben Band rund um den Hinterkopf zu erkennen sind.

Gelbaugenpinguin

Der Megadyptes antipodes, der in Neuseeland endemische Gelbaugenpinguin, ist nach dem Galápagos-Pinguin die zweitseltenste und mit 60 bis 70 Zentimetern Größe und rund acht Kilogramm Gewicht zugleich die drittgrößte Pinguinart der Welt. Nur der Kaiser- und der Königspinguin sind größer. Viele der Tiere sterben in den ersten drei Lebensjahren, im Schnitt werden sie 12 bis 15 Jahre alt. Gelbaugenpinguine sind scheue Einzelgänger, Brutpaare brüten jedes Jahr zwei Eier aus. Ihre schlimmsten Feinde sind Possums, Marder, Frettchen, verwilderte Hauskatzen und freilaufende Hunde. Stein-Abel

Die NZ Penguin Initiative bietet auf www.penguin-conservation.nz viele Informationen an, Videos der Tiere gibt es unter vimeo.com/user1613674

Es sind aber nicht nur eingeführte Feinde wie Marder, Wiesel, Possums, Hermeline, verwilderte Hauskatzen und freilaufende Hunde, die den Gelbaugenpinguin bedrohen. Auch rücksichtslose Touristinnen und Touristen setzen den scheuen Einzelgängern zu. In den vergangenen Jahren sind ihre Bestände durch Habitat-Zerstörung, Wasserverschmutzung, Krankheiten, Seuchen und Futtermangel durch Überfischung und Klimawandel dramatisch gesunken.

In der vergangenen Saison zählte Pinguin-Experte Thomas Mattern, Meeresbiologe der Universität von Otago, auf dem Festland 432 brütende Pinguine beziehungsweise 216 Nester. Dieses Jahr spricht Goldsworthy von nur noch 160 Nestern, „und ich kümmere mich um die Hälfte davon“. Über die Gesamtzahl der flugunfähigen Vögel kann Mattern nur spekulieren: „Auf den Inseln gibt es vielleicht 3000 bis 3500 Tiere, aber keiner weiß es genau, weil dort schon seit 40 Jahren keine Forschung mehr betrieben wurde.“

Der schlimmste Pinguin-Killer ist mittlerweile die Vogelmalaria. Diese von Moskitos übertragene Krankheit wurde erst vor drei Jahren bei sämtlichen Pinguin-Arten in Neuseeland entdeckt. Auf Bildern erkrankter Tiere ist zu sehen, wie ihre Flügel mit hunderten der Stechmücken bedeckt sind. Während es an der Ostküste der Südinsel Neuseelands vor 20 Jahren noch gar keine Moskitos gab, sind sie heute bis hinunter in den kühleren Süden eine regelrechte Plage.

„Das ist der Klimawandel“, sagt der gebürtige Düsseldorfer Mattern, der seit 20 Jahren in Neuseeland lebt. „Es wird immer milder.“ Pinguin-Rettungsstationen, die alle von Freiwilligen und mit Hilfe von Spenden betrieben werden, untersuchen mittlerweile jeden untergewichtigen, lethargischen Patienten auf Malaria. Auch lautes Atmen und bärbeißiges Verhalten als Folge von Kopfschmerzen sind gängige Symptome.

In mehreren Seuchenjahren seit 2004 sind zudem unzählige Gelbaugenpinguine an einer diphterie-artigen Rachenerkrankung gestorben. Diese Infektion verursacht Hautwunden im Mundbereich, die zu schweren Schluck- und Atembeschwerden führen. Bei einer weiteren Epidemie 2012 stellte Thomas Mattern einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Sterblichkeit fest. Nur die Küken von Brutpaaren, die eine bestimmte Route bei der Futtersuche schwammen, wurden krank.

Diese mit Minikameras ausgestatteten Pinguine folgten offenbar den Spuren der Schleppnetzfischerei, dem aufgewühlten Meeresboden. In diesem Umfeld wiederum fühlt sich offenbar der Kohlenfisch wohl. Diesen fressen die Gelbpinguine vermehrt, weil sie nur noch wenige der von ihnen bevorzugten kleineren Fische finden. Zurück an Land würgen die Elternvögel den vorverdauten Fisch hervor – der Kohlenfisch aber ist zu groß für das Küken, das schließlich verhungert.

Zudem bleiben die Eltern statt zwölf Stunden mittlerweile bis zu drei Tage auf See, weil sie kaum mehr Nahrung finden. Viele Fische laichen bei den erhöhten Wassertemperaturen nicht mehr, und auch die Fischerei fischt den Pinguinen das Futter weg. Die vollmundige Ankündigung der neuseeländischen Regierung, an der Ostküste der Südinsel ein Meeresschutzgebiet einzurichten, klingt indes wie purer Hohn.

Zwar sollen sechs Zonen mit Fischerei-Verbot und fünf mit Restriktionen geschaffen werden – „dort, wo das Fischen verboten werden soll, findet aber ohnehin so gut wie keine Fischerei statt“, sagt Thomas Mattern. „Für die Pinguine ist es unerheblich, ob es diese Schutzgebiete gibt oder nicht. Vielmehr müssen die Umweltprobleme gelöst werden – das Klima, die Verschmutzung, die Versandung. Wenn uns das nicht gelingt, haben die Pinguine keine Überlebenschance.“

Seit Januar 2019 werden Gelder für die Pinguinforschung und erhaltende Projekte bereitgestellt – gebettelt hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darum allerdings schon seit Jahren. Ein kanadisches Unternehmen gründete zum Beispiel die Stiftung NZ Penguin Initiative – Unterstützung durch die Naturschutzbehörde DoC (Department of Conservation) gab es aber erst nach 20 Jahren.

Thomas Mattern spricht von einer Ironie des Schicksals. „Jetzt haben wir das ganze Geld, aber keine Pinguine mehr“, sagt er. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, sind die Gelbaugenpinguine spätestens 2050 ausgestorben.“ Rosalie Goldsworthy ist noch weniger optimistich. Sie gibt ihren Schützlingen nur noch zehn Jahre.

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