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Alexa Hennig von Lange über „Die karierten Mädchen“: „Aus heutiger Sicht ist es einfach zu sagen, das wäre uns nicht passiert“

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Von: Boris Halva

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Alexa Hennig von Lange war „überrascht, ihre Stimme klang ganz anders als ich sie in Erinnerung hatte“. Madlen Krippendorf
Alexa Hennig von Lange war „überrascht, ihre Stimme klang ganz anders als ich sie in Erinnerung hatte“. © Madlen Krippendorf

Aber seit sich Alexa Hennig von Lange mit dem Leben ihrer Großmutter befasst, hat sie eine Ahnung davon, wie schnell wir uns dann doch verstricken in den Zwängen der Zeit. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin über das Zuhören als Annäherung, Schuld und Vergebung – und eine unerwartete Begegnung mit Heinrich Himmler

Es geht im Leben nicht immer um die Frage, was wir gemacht haben. Es geht auch darum, was wir nicht gemacht haben. Wozu hat uns das System gedrängt – und was haben wir mit uns machen lassen? Und warum stellen wir uns manche Fragen erst dann, wenn alles schon vorbei ist?

All diese Fragen hat Alexa Hennig von Lange in ihrem Buch über „Die karierten Mädchen“ verwoben. Das Buch ist im Kern die Geschichte ihrer Großmutter. Eine Geschichte, die die Autorin nur erzählen kann, weil ihre Großmutter in ihren letzten Jahren sämtliche Erinnerungen auf Band gesprochen hat. Mehr als 130 Kassetten, knapp zweihundert Stunden, in denen sie im Wesentlichen aus der Zeit zwischen 1929 und 1969 erzählt. Ein sehr persönlicher Rückblick auf vier Jahrzehnte deutsche Geschichte. Und für Alexa Hennig von Lange nicht nur eine neue Erfahrung des Zuhörens, wie sie im Gespräch in einer Bar ganz in der Nähe des Frankfurter Römers erzählt, sondern vor allem eine sehr persönliche Begegnung mit einer Frau, die sie eigentlich zu kennen glaubte.

Frau Hennig von Lange, wussten Sie von den Kassetten Ihrer Großmutter?

Als Kinder und Jugendliche haben wir meine Großmutter hin und wieder in ihrem Sessel sitzen sehen, wie sie in ein Mikrofon gesprochen hat, das an einen Kassettenrekorder angeschlossen war. Was sie da genau erzählt hat, haben wir nicht verstanden. Es klang nach komplizierten Erwachsenengedanken. Nach ihrem Tod hat meine Mutter die Tonbänder aufgehoben.

Wann ist Ihre Großmutter gestorben?

Das war 1999, da war sie 91 Jahre alt.

Und seitdem lagen die Kassetten in der Schublade?

Eher in einer großen Kiste. Es sind ja mehr als 130 Stück. Meine Mutter hat meinen Geschwistern und mir zwar immer mal wieder angeboten, dass wir uns diese Aufnahmen anhören können. Aber ich wollte das lange nicht.

Warum nicht?

Weil ich meine Großmutter als streng und unnahbar erlebt hatte. Im Grunde genommen war sie ihr Leben lang Lehrerin. Jeder, der in ihrer Nähe war, wurde erzogen. Wenn wir bei ihr zu Besuch waren, haben wir Kinder automatisch unsere Lebendigkeit gedrosselt. Daher dachte ich, was kann ich Neues von ihr erfahren? Ihr Blick auf die Welt schien so kategorisch.

Und dann haben Sie sich doch darauf eingelassen. Wie war das erste Hören?

Ich war überrascht. ihre Stimme klang ganz anders, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie erzählte von ihrer Kindheit im Kaiserreich und von ihrer Jugend in der Weimarer Republik. Sie berichtet von ihrer ersten Anstellung in einem Kinderkurheim während der Weltwirtschaftskrise, der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wie sie allein mit vier kleinen Kindern den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, von ihrer Flucht in den Westen, bis in die Sechzigerjahre der Bundesrepublik. Aber auch, wie sie meinem Großvater zum ersten Mal begegnet ist. Ich wusste nicht, dass die beiden eine so große Liebesgeschichte hatten.

Wie war es, Ihrer Großmutter plötzlich so nahe zu sein?

Das war sehr besonders. Ich konnte hören, wie sich ihre Stimme mit den geschilderten Ereignissen veränderte. Von fröhlich bis sehr ernsthaft. Ich konnte in ihre Welt, in ihre Erlebnisse eintauchen, von denen ich nichts gewusst hatte. Ich habe Einblick bekommen, wer sie war und warum sie am Ende ihres Lebens so war, wie sie war. Einige Erinnerungen haben mich sehr gerührt, andere haben mich schwer schockiert.

Großmutters Leben, gesprochen auf mehr als 130 Kassetten. madlen krippendorf
Großmutters Leben, gesprochen auf mehr als 130 Kassetten. © Madlen Krippendorf

Wann haben Sie gespürt, dasss es eine Geschichte zum Weitererzählen wird?

Das ist schnell passiert, weil meine Großmutter so lebendig erzählt. Gerade was die Zeit zwischen 1929 bis 1939 anbelangt, wo sie in dem Kinderkurheim bei Dessau tätig war. Davon erzählt mein Roman „Die karierten Mädchen“. Dort wurden Kinder aus schwierigen oder ärmlichen Verhältnissen gepflegt, die an Tuberkulose erkrankt waren. Gleichzeitig wurden Mädchen aus sozial schwachen Familien in Hauswirtschaftslehre und Kindererziehung unterrichtet. Meine Großmutter beschreibt diesen Kosmos des Heimes, das idyllisch in einem Kiefernwald lag, ganz innig. Sie gibt Dialoge wieder, Alltagsgeschehnisse, die Vegetation bis hin zum Wetter. Immer klingt durch, dass sie dort in dem Glauben gewirkt hat, das Gute zu fördern und die Mädchen darin zu unterstützen, sich zu eigenständigen jungen Frauen zu entwickeln.

Wann kam dieser Glaube Ihrer Großmutter, das Gute zu fördern ins Wanken? Beziehungsweise: Kam er überhaupt ins Wanken?

So einfach ist das nicht zu sagen. Meine Großmutter war eine emanzipierte, an Literatur interessierte junge Frau. Anfang der 30er Jahre war sie bereits Leiterin des Heimes. Doch die Gelder fehlten überall, um solche Heime zu halten. Um ihre Einrichtung vor der Schließung zu bewahren, hat sie bei den Nationalsozialisten, die in Anhalt neu an der Macht waren, nach Hilfe gesucht. Sie machten daraus das erste ländliche Frauenbildungsheim. Mit der Übernahme änderte sich sehr schnell die Erziehungs-Programmatik. So existierte meine Großmutter, wie auch meine Hauptfigur Klara, permanent in einem Zwiespalt: Einerseits wollte sie den Mädchen Bildung und Unabhängigkeit näherbringen, andererseits sollte sie in ihnen nun die Liebe zu Volk und Kind zu wecken. Immer wieder kamen hochrangige Funktionäre in die Heime, die eine Art Modellprojekt waren.

War Ihre Großmutter angepasst? Vielleicht sogar eine Mitläuferin, wie manche es nennen?

Bis sie 1941 aus dem Schuldienst ausgeschieden ist, um sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern, war sie Leiterin eines weiteren Frauenbildungsheimes in Sandersleben. Wie unzählige andere Deutsche in dieser Zeit gehörte sie zu jenen, die Teil des Systems waren oder es toleriert haben. Für diese Art des Partizipierens, für diese Schuld musste der große Anteil der Deutschen nach dem Krieg mit sich selbst ins Gericht gehen und sich fragen, warum sie welche Entscheidungen getroffen hatten und ob sie nicht auch anders hätten entscheiden können.

Sind die Kassetten vielleicht so etwas wie eine innere Gerichtsverhandlung, ein Plädoyer?

Zuerst dachte ich, meine Großmutter möchte auf den Tonbändern von einem gelungenen Leben erzählen. Aber während ich zuhörte, bekam ich immer mehr den Eindruck, dass sie damit einer unbestimmten Öffentlichkeit etwas zur Verfügung stellen wollte. Als hätte sie fragen wollen: „Bin ich trotz meiner Entscheidungen ein guter Mensch geblieben?“

Zur Person

Alexa Hennig von Lange , geboren 1973, machte 1997 mit dem Roman „Relax“ ein erfolgreiches Debüt. 2002 wurde sie mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Bei DuMont erschienen die Romane „Risiko“(2007), „Peace“ (2009), „Kampfsterne“ (2018), „Die Weihnachts-geschwister“ (2019) und „Die Wahnsinnige“ (2020). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Berlin. FR

Eine Frage, die sich viele gestellt haben dürften.

In meiner Familie, wie sicherlich in vielen anderen Familien auch, gab es keine Gesprächskultur über das Vergangene. Über das, was passiert war, wurde und wird bis heute größtenteils geschwiegen. In vielen Familien findet zwischen den Generationen keine Aufarbeitung statt. Ich bin dankbar, dass sich zwischen meiner Mutter und mir während des Schreibens von „Die karierten Mädchen“ solch ein Gespräch ergeben hat. Auch berichten mir zunehmend Leserinnen und Leser von ihren Erlebnissen.

Vielleicht konnte kein Gespräch entstehen, weil es manchen auch am Mut fehlte, sich einzugestehen, falsche Entscheidungen getroffen oder falsche Gewissheiten gestützt zu haben …

Beim Abhören der Kassetten ist mir bald klargeworden, dass meine Großmutter nicht alles erzählt, was damals passiert ist. Sie berichtet nicht von der Bücherverbrennung, den brennenden Synagogen, dem Terror gegen die jüdische Bevölkerung, gegen Sozialdemokraten und Kommunisten. An diesem Punkt begann meine Arbeit als Schriftstellerin.

Großmutters Leben, in der Mitte: Gefahren und Winter. hennig v. lange
Großmutters Leben, in der Mitte: Gefahren und Winter. hennig v. lange © Alexa Hennig von Lange

Das Füllen der Leerstellen?

Ja. Ich wollte wissen, was damals in der Umgebung rund um Dessau passiert ist und was meine Großmutter mitbekommen haben muss. Dafür habe ich sehr viel recherchiert. In Büchern, Archiven, Museen und ich habe die Orte besucht, an denen sie gelebt und gearbeitet hat. Anschließend habe ich die Schlüsselerlebnisse aus ihren Erinnerungen zu einem dramaturgischen Bogen verwoben, in dem sich die Hauptfigur Klara zu den großen und kleinen, politischen wie gesellschaftlichen Ereignissen stellen muss. Ich wollte wissen, was meine Großmutter damals empfunden haben könnte. Dazu schweigt sie ebenfalls auf den Bändern. Als Enkelin, mit dem Wissen von heute, war es für mich beispielsweise sehr erschütternd, zu hören, dass sogar Heinrich Himmler in einem ihrer Frauenbildungsheime zu Besuch war.

Das war vermutlich einer der Schockmomente, die Sie erwähnt haben.

An der Stelle habe ich eine Pause gemacht. Ich musste das erst einmal verarbeiten.

Wie wurde aus den An- und Einsichten Ihrer Großmutter dann ein Roman? Welche Geschichte wollten Sie unbedingt erzählen?

Ich wollte die Geschichte einer jungen Frau erzählen, die ins Leben startet. „Die karierten Mädchen“ sind der erste Band einer Trilogie und umfassen die Jahre zwischen 1929 bis 1939. In dieser Zeit erfüllt sich meine Hauptfigur Klara ihren Traum von einem selbstbestimmten Leben. Sie ist ein Vorbild für viele ihrer Schülerinnen und nimmt ein kleines jüdisches Waisenmädchen auf, um es zu verstecken. Sie verliebt sich in Gustav und verschließt die Augen davor, dass sie direkt auf den Abgrund zurennt und für immer ihre Unschuld verlieren wird. Aus heutiger Sicht ist es einfach zu sagen, das wäre uns nicht passiert, wir hätten die Zeichen der Zeit erkannt. Aber als Klara im Roman ihre Stelle in dem Heim bekommt, ist die Weltwirtschaftskrise auf dem Höhepunkt und die Straßen sind bevölkert mit Arbeitslosen. Es gibt kaum Erfahrung mit Demokratie, dafür innerhalb weniger Jahre Dutzende Reichskanzler und permanente Regierungswechsel – und dann kommen Menschen und erzeugen mit eingängigen Botschaften ein Gefühl von Aufbruch und Gemeinschaft und versprechen: „Wir schaffen Ordnung!“

Gegenwärtig sind solche Parolen wieder häufiger zu hören, in einigen Ländern Europas, aber auch hierzulande… und fallen mitunter auf fruchtbaren Boden.

Diese Versprechen tun so, als gebe es einfache Antworten auf komplizierte Fragen. In meinem Roman gerät Klara darüber immer mehr in das nationalsozialistische System und erkennt zu spät, wie tief sie sich bereits verstrickt hat. Aber ich wollte nicht gleich ein Urteil über meine Großmutter und den Großteil ihrer Generation fällen und sie in die gängigen Kategorien von Opfer und Täter einsortieren, sondern durchdringen, wie eins zum anderen gekommen war.

Ob nun aus der Not heraus oder aus Naivität – ist dieses „sich ins System verstricken“ eine Perspektive, die zu lange vernachlässigt wurde, um nachfolgenden Generationen dafür zu sensibilisieren, was damals passiert ist?

Ich finde schon, ja. Wenn ich niemanden habe, der über diesen Prozess des Entstehens, sich Hineinbegebens und des auf-den-Abgrund-Zubewegens erzählen kann, dann gibt es eine Möglichkeit weniger, daraus zu lernen. Dann dominieren Fremdheit und Arroganz, und es entsteht schnell ein Narrativ, auf das sich alle einigen.

Nämlich?

Dass wir nichts mit dieser Großeltern-Generation zu tun haben wollen, weil wir auch nichts mit ihren Taten zu tun haben. Das ist aber nur teilweise richtig, denn was meinen Großeltern passiert ist, welche Entscheidungen sie getroffen und wie sie sich verstrickt haben und haben lassen, fällt trotzdem auf uns zurück. Selbst wenn wir in mancherlei Hinsicht erklären können, wie sie die Welt gesehen haben, ist damit die Schuld trotzdem nicht aufgelöst. Wenn ich sage, ich möchte erst einmal verstehen, bevor ich urteile, heißt das nicht, ich würde nicht abscheulich finden, was Deutsche getan haben. Ich versuche zu verstehen, im Sinne von zu durchschauen. Nicht, um meine Großmutter oder gar ihre Generation freizusprechen, sondern um mir und anderen etwas bewusst zu machen.

Blicken Sie heute – nach der intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben Ihrer Großmutter – mit anderen Augen auf die deutsche Geschichte?

Das Entsetzen über das, was damals passiert ist, ist eher noch immenser geworden. Vor allem, weil mir vorher nicht bewusst war, wie viele kleine Teile am Ende zum großen Grauen beigetragen haben. Es gab ja nicht nur die Machtergreifung, die Bücherverbrennung, die Reichspogromnacht und den Kriegsausbruch, es gab immer wieder kleine Begebenheiten, die hätten aufmerksam machen können oder eben nicht; Konflikte, denen man sich, wie auch meine Hauptfigur, hätte stellen können – oder eben nicht.

Alexa Hennig von Lange. Die karierten Mädchen
Alexa Hennig von Lange. Die karierten Mädchen. © Dumont Buchverlag

In einigen Kritiken zu Ihrem Buch hieß es: Sie sollten sich doch bitte mehr distanzieren.

Ich habe nicht die Biografie meiner Großmutter geschrieben, sondern einen Roman. Darin erzähle ich die Geschichte einer jungen Frau, die noch nicht weiß, wo das alles enden wird. So ist es im Leben ja auch – wir wissen erst im Nachhinein, wohin uns unsere Entscheidungen bringen. Trotzdem kann man sich bei jeder Entscheidung immer wieder fragen, stimmt mein Kompass noch? Welchen Preis zahle ich fürs Mitlaufen, fürs Wegsehen, fürs Bequeme? Sich bewusst zu machen, in welcher Zeit man lebt und ob man deren Zeichen erkennt, ist eine Aufgabe, die sich jeder Generation stellt.

Interview: Boris Halva

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