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Alarmstufe Grün

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Von: Anna Laura Müller

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Für weiße Winterwelten muss man heute höher hinaus als Garmisch-Partenkirchen.
Für weiße Winterwelten muss man heute höher hinaus als Garmisch-Partenkirchen. © Ausstellung/Imago

Mit dem Schneemangel in den tiefer gelegenen Skigebieten wird die Frage drängender, ob der Wintersporttourismus eine Zukunft hat.

Weiße Bahnen ziehen sich durch grüne Hänge. Wo noch einige Wochen zuvor Schnee lag, ist jetzt nur noch ein dünner Streifen auf Skiern befahrbar. So sieht es derzeit vor allem in vielen niedriger gelegenen Skigebieten in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Selbst für technisch erzeugten Schnee, ist es vielerorts im Moment zu warm. Nachdem die Wintersportsaison im Dezember, dank frostigen Temperaturen, einen Traumstart hingelegt hatte, kam der spätestens zum Jahreswechsel zu einem abrupten Ende.

Die Situation in einem hoch gelegenen Skigebiet, wie etwa im österreichischen Sölden, unterscheidet sich dabei aber grundsätzlich von der in Garmisch-Partenkirchen in Bayern oder dem nordhessischen Skigebiet in Willingen. Besonders in Teilen der bayerischen Alpen und in den deutschen Mittelgebirgen überwiegt derzeit Grün statt Weiß. Ski und Snowboard müssen dort gegen Wanderschuhe ausgetauscht werden.

Lieber seltener auf die Piste und dafür länger bleiben

Grund dafür: Die zu warmen Temperaturen. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) gab es nach den ersten kalten Dezemberwochen am 19. Dezember „eine Kehrtwende um 180 Grad“. Auf Glatteis folgten landesweit milde Temperaturen. Der Dezember sei insgesamt zu warm gewesen und auch der Januar habe bisher zu milde Temperaturen für diese Jahreszeit verzeichnet, sagt Gudrun Mühlbacher vom DWD. Und obwohl das sogenannte Weihnachtstauwetter nicht unüblich ist, war es etwa im Süden Deutschlands während dieser Zeit so warm, dass auch der Schnee in höheren Lagen der bayerischen Alpen abgetaut ist. Zwar werde es auch in Zukunft Jahre geben, in denen viel Schnee liegen bleiben werde, aber der Trend zur geringeren Schneesicherheit in niedrigeren Lagen, wird sich laut Mühlbacher fortsetzen.

Die steigenden Temperaturen durch den Klimawandel setzen den Wintersporttourismus unter Druck, aber auch der Energieverbrauch, der durch den Urlaub auf der Piste entsteht, rückt in den Fokus. Thomas Frey vom Bund Naturschutz benennt dabei die An- und Abreise als großes Problem: Ungefähr 75 Prozent der touristischen CO2-Emission im Alpentourismus kämen aus dem Verkehr. Das Alpinskifahren im bayerischen Alpenraum ist dabei sehr stark vom Tagestourismus abhängig. „Die Menschen kommen aus München, Augsburg, Ulm und Stuttgart angefahren, um für einen Tag auf den Berg zu gehen“, berichte Frey. „Da wird Skisport eigentlich zum Motorsport.“ Lieber seltener, aber dafür längere Zeit bleiben, rät er grundsätzlich allen, die Urlaub im bayerischen Alpenraum machen möchten.

Auch Steffen Reich vom Deutschen Alpenverein (DAV) plädiert dafür, beim Skiurlaub „ein vernünftiges Verhältnis von Anreiseweg und Aufenthaltsdauer zu finden“. Vor allem in der Erweiterung der Skigebiete sieht der DAV ein Problem. Immer größere Speicherbecken für die technische Beschneiung und weiter in die Höhe ausgebaute Skigebiete seien eine Belastung für den Naturraum Alpen. „Unser Hauptkritikpunkt dabei ist, dass diese Wachstumsspirale noch nicht unterbrochen ist. Und die Skigebiete immer noch meinen, sie müssten größer werden und weiter ausbauen.“ Dabei ist der DAV nicht grundsätzlich gegen technische Beschneiung, sieht aber manchen Ausbau als zu überdimensioniert an.

Der Bund Naturschutz indes sieht die Verwendung von technisch erzeugtem Schnee äußerst kritisch. Dadurch würde ein Bild aufrechterhalten, das eigentlich nicht mehr real sei, sagt Frey. Man müsse sich vielmehr frei machen von Schneeerwartungen im Winterurlaub. Die immer größer werdenden Speicherbecken seien zudem ein riesiger Eingriff in die Landschaft. Das dafür verwendete Wasser, das aus Bächen kommt, ist nährstoffreicher als Regenwasser oder Tauwasser aus natürlichem Schnee. Dadurch könne es zu einer Ausdüngung der Wiesen kommen.

Der Wintersporttourismus ist nicht erst seit Aufkommen der Beschneiungsanlagen auf eine Infrastruktur durch technische Hilfsmittel angewiesen. Nach Ansicht von Robert Groß, einem österreichischen Umwelthistoriker, gibt es das Bestreben, sich unabhängiger von der Schneesicherheit zu machen, schon seit den 50er Jahren. Anfangs wurden die Pisten mit relativ einfachen Methoden so präpariert, dass der natürlich gefallene Schnee resistenter gegen Wärmeperioden wurde. Was damals manuell mit Skiern und Walzen begann, sei Mitte der 60er Jahre mit Hilfe von Pistenraupen mechanisiert worden, beschreibt Groß: „Durch dieses Zusammendrücken bilden sich Kältepolster, die dazu führen, dass die Schneedecke langsamer schmilzt“. In den 90er Jahren habe es dann einen Entwicklungssprung durch den Einsatz von Beschneiungsanlagen gegeben. Diese Technikkomponente sei schon lange Teil des Skifahrens, egal ob in Bayern, Österreich oder den USA, betont der Umwelthistoriker. Die Infrastruktur, die den Winterurlaub in den Bergen erst für die Massen möglich macht, hängt dabei eng zusammen mit der Optimierung der Schlepplifte und Seilbahnen. Naturschützer Frey befürchtet, dass in den kommerzialisierten Großskigebieten das Naturerlebnis auf der Strecke bleibt. Je mehr Infrastruktur man nutze, umso weniger „echte Naturerfahrung“ stecke im Skifahren. Laut Frey wurde in die Liftinfrastruktur sehr viel Kapital hineingesteckt. Die Kapazitäten wurden immer weiter erhöht, damit bei ausreichenden Schneebedingungen viele Menschen in kürzester Zeit den Berg hochgefahren werden können.

Wintersport für die Masse seit jeher ein Widerspruch

Historisch betrachtet wohne dem Wintertourismus für die breite Masse schon immer ein gewisser Widerspruch inne, meint Robert Groß. Dieser ergebe sich daraus, dass die Natur der Alpen früh als Projektionsfläche einer romantisierten Heimatverbundenheit fungiert habe. Und dieses Bild der unberührten Natur stehe dann der sehr technisch geprägten Infrastruktur des Skifahrens gegenüber. Der infrastrukturreiche Wintertourismus verfolge dabei den Zweck, den Betrieb möglichst effizient und gewinnbringend zu gestalten.

Die Schwierigkeit sieht der Umwelthistoriker, darin, dass diese Infrastruktur immer noch von Rahmenbedingungen ausgeht, wie sie in den 50er und 60er Jahren vorherrschten – bezogen auf Wetter, Temperatur, Schneefall und Schneedecke. Im Zuge des Klimawandels bewege sich die Gesellschaft aber in einen Zustand, der sich ganz grundsätzlich unterscheide von den Umweltrahmenbedingungen dieser vergangenen Zeit. „Was wir jetzt erleben mit Beschneiungsanlagen, Geländebauten und Beschneiungsteichen, kann man durchaus als einen Versuch interpretieren, die Entwicklung meteorologisch etwas hinauszuziehen“, beschreibt Groß. Das ginge aber eben nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Wann dieser Punkt erreicht ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Klar ist: Tiefere Lagen sind stärker betroffen. Laut Gudrun Mühlbacher vom DWD ist auch dort die jeweilige Situation immer abhängig von den lokalen Gegebenheiten. Heißt: An einem Nordhang schmilzt die Schneedecke eben langsamer als auf einem Südhang auf gleicher Höhe.

In einem Positionspapier des Forums „Klima.Schnee.Sport“ von 2021 lassen sich zumindest Prognosen für die Zukunft der Wintersportgebiete ableiten. In der Veröffentlichung mit dem Titel „Perspektiven des Schneesports im Zeichen globalen Klimawandels“, die aus einem länderübergreifenden Treffen von Fachleuten entstand, heißt es, „dass sich trotz geplanter globaler Klimaschutzmaßnahmen die Jahresmitteltemperatur im Alpenraum und den Mittelgebirgen bis zum Ende des Jahrhunderts um mindestens 2 Grad Celsius erhöhen wird“. Fachwissenschaftler:innen und Forschungseinrichtungen des Forums ziehen aus diesem Szenario einen klaren Schluss für den Wintersport: „Die natürliche Schneedecke, die für den Schneesport geeignet ist, wird langfristig besonders bis in die mittleren Lagen im Alpenraum sowie in den Mittelgebirgen weiter zurückgehen.“ Außerdem gehen die Expert:innen davon aus, dass sich die Dauer der Schneebedeckung und die Rahmenbedingung für technische Schneeerzeugung verkürzen würden. Laut Mühlbacher, die am Forum mitwirkt, muss man davon ausgehen, dass in den Gebieten, die unter 1500 Meter liegen, in Zukunft nicht mehr jedes Jahr Schnee liegen wird.

Die klimatischen Veränderungen werden die Betreiber:innen von Skigebieten in den niedrigeren Lagen früher oder später zwingen, nach Alternativen zu suchen. Axel Müller ist Pächter eines kleinen Skigebiets in Suhl im Thüringer Wald. Mit 890 Metern liegt die Bergstation der von ihm betriebenen Piste im Ortsteil Schmiedefeld am Rennsteig, deutlich unter der Grenze von 1500 Metern. „Wir nehmen die Situation so an, wie sie ist“ sagt Müller. „Die Betreiber, die langfristig in den Mittelgebirgen das touristische Angebot aufrechterhalten wollen, haben sich in den letzten zehn Jahren oder schon länger auch auf den Sommertourismus konzentriert.“ Im Moment bräuchte der Betrieb das Wintergeschäft noch sehr stark. Das Ziel sei aber, die Angebote für den Sommer auszubauen und am Ende ein ausgeglichenes Verhältnis von sowohl Winter- als auch Sommerbetrieb anzubieten.

In niedrigen Lagen setzen sie bereits aufs Wandern

Antonia Asenstorfer vom Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte erklärt, sie seien grundsätzlich gewohnt, mit Wetterschwankungen umzugehen. Natürlich habe man sich gewünscht, dass der Bilderbuchwinter länger Bestand gehabt hätte, aber die Wintersaison laufe für viele Seilbahnen und Schlepplifte noch bis Mitte April. Allgemein sind die deutschen Seilbahnen überwiegend Ganzjahresbetriebe. „Wir befördern rund 50 Prozent unserer Gäste im Sommer“, so Asenstorfer.

In den niedrigeren Lagen im Mittelgebirge und den bayerischen Alpen geht der Trend längst weg vom Wintersport hin zum Ganzjahrestourismus. Aber wenn in diesen Regionen die Schneesicherheit in Zukunft weiter sinkt, hat das auch Auswirkungen auf die übrigen Skigebiete. In den höheren Lagen, wo Schneesicherheit in Zukunft noch gegeben sein wird, werden laut Frey die Kosten für die technische Beschneiung und Energiekosten für den Liftbetrieb voraussichtlich steigen und damit auch die Preise für die Wintersportlerinnen und Wintersportler. Er ist sich sicher, dass das Skifahren kein Breitensport bleiben wird.

„Das Breitenphänomen Skifahren gibt es schon heute nicht mehr“, beobachtet auch Umwelthistoriker Robert Groß und vermutet: „Es wird am Ende eine globale Elite sein, die sich das dann überhaupt noch leisten kann“.

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