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Flüchtlinge an Bort der Iuventa bei einer Rettungsakton im April 2017.
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Flüchtlinge an Bord der Iuventa bei einer Rettungsakton im April 2017.

Interview

Aktivistin Selene Magnolia: „Die meisten Leute wissen gar nicht, was wirklich los ist“

Vor dem Elend ertrinkender Flüchtlinge oder brutaler Massentierhaltung verschließen viele die Augen. Aktivistin Seline Magnolia dokumentiert es. Im Interview teilt sie ihre extremen Erfahrungen als Krankenpflegerin und Fotografin.

Frau Magnolia, fangen wir bei der Fotografie an. Wie kamen Sie dazu?

Meine Familie hat einen Fotoladen in Bozen, dort habe ich schon als Kind zugeschaut und mitgemischt. Die erste eigene Kamera bekam ich mit sechs Jahren, das war eine alte Minolta. Mit ihr entdeckte ich die Faszination, mit einer Kamera einen Augenblick einfangen und festhalten zu können. Das hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Fotografie ist für mich aber nicht nur kreativer Ausdruck, sondern auch die direkteste Möglichkeit, Menschen auf Probleme aufmerksam zu machen.

Trotzdem haben Sie zunächst aber die Ausbildung zur Krankenpflegerin gemacht.

Ja, ich habe mir diesen Beruf bewusst ausgesucht, denn ich wollte etwas sozial Relevantes machen. Ich habe in Bozen und Ferrara Krankenpflege studiert und in Pisa noch einen Master in Übersetzung gemacht. 2016 bin ich nach London gezogen. Dort habe ich drei Jahre lang als Krankenschwester in einer Notaufnahme gearbeitet. Es ist ein wunderbarer und ungemein wichtiger Beruf. Wie relevant er ist, sehen wir leider gerade in diesen Monaten der Pandemie.

Ein Aktivist filmt Kälber in Käfigen einer Milchproduktionsanlage in Italien.

Was empfinden Sie, wenn Sie sehen, wie medizinisches Personal in der Pandemie als „Held:innen“ beklatscht wird?

Natürlich ist es ein netter Gedanke, den Ärzten und Pflegekräften Anerkennung zu zeigen und ich weiß wie schwierig es ist unter solchen Bedingungen nicht nur professionell zu arbeiten, sondern auch den menschlichen, empathischen Aspekt der Pflegearbeit aufrechtzuerhalten. Aber von Beifall allein kann keiner leben, es muss sich strukturell im Sanitätswesen etwas ändern. Und nicht nur dort, denn der Lockdown hat den Teil der Bevölkerung am härtesten getroffen, der sowieso schon wirtschaftlich schwächer war.

Wie kamen Sie zum politischen Aktivismus?

Bereits während des Studiums habe ich bei verschiedenen Tierschutz- und politischen Aktivistengruppen mitgemacht. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, der Öffentlichkeit die Umweltprobleme und sozialen Themen auch optisch vor Augen zu führen. So richtig bewusst wurde mir das, als ich zum ersten Mal eine Anlage für intensive Tierhaltung zur Fleischproduktion von innen sah: Dieses Elend musste ich einfach fotografisch dokumentieren. Nur mit solchen Bildern kann man Menschen wachrütteln und zur Veränderung animieren.

Vor kurzem sind Ihre Fotos in einem internationalen Bildband über die Missstände der intensiven Tierhaltung erschienen: „Hidden. Animals in the Anthropocene“, von Jo-Anne McArthur and Keith Wilson, das Vorwort stammt von Schauspieler Joaquin Phoenix. Das Buch hat bei „Pictures of the Year“ 2020 den ersten Preis in der Kategorie Fotobücher gewonnen. Wann und wo sind diese Bilder entstanden?

Die Fotos, die in „Hidden“ veröffentlicht wurden, sind zwischen 2017 und 2019 entstanden. Ich habe die Aktionen von Tierschützern in Italien, Dänemark, Frankreich und Spanien dokumentiert. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt des weltweiten Elends der intensiven Tierhaltung, das, von hohen Mauern umgeben, so weit wie möglich vor den Verbrauchern versteckt gehalten wird. Aber das was in diesen Hallen passiert, müssen die Leute unbedingt sehen.

Warum greifen Tierschützer:innen oft zu Nacht- und Nebelaktionen? Wird die Einhaltung der Normen zur Tierhaltung nicht genug von institutioneller Seite kontrolliert?

Es liegt an den Prioritäten in der Gesetzgebung. Das Gesetz schützt die Eigentumsrechte des Fleischindustriellen mehr als die Rechte der Tiere und als das Recht der Bürger auf Information. Die Missstände in der Tierhaltung zu dokumentieren, ist manchmal nicht ohne einen unerlaubten Eintritt in die Gebäude möglich. Aber jeder von uns hat die Verantwortung, das Richtige zu tun und die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich konkret?

Meine Fotodokumentationen haben drei Schwerpunkte: die Auswirkungen der Lebensmittelproduktion und der Tierhaltung auf die Umwelt; das Elend der Migration und die Rolle unserer Lebensweise als Verursacher dieser Migration; und als drittes Thema die Benachteiligung der Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft.

Alles hochaktuelle, aber auch schwere Themen.

Es sind jedenfalls alles Auswüchse unserer kapitalistischen, auf Konsum und unbegrenztem Wachstum basierten Lebensweise. Die Grenzen dieser Entwicklung sind inzwischen offensichtlich, und wir alle müssen uns um Lösungen bemühen. Ich mache das mit Fotos und ehrenamtlichen Einsätzen. Jemand anderes macht es mit klaren Worten, einer alternativen Ernährung oder mit einem Laden für Second-Hand Kleidung. Jeder kann und muss die gesellschaftliche Veränderung vorantreiben – im Kleinen und seinen Fähigkeiten entsprechend.

Sie haben ehrenamtlich bei mehreren Rettungseinsätzen im Mittelmeer und der in der Ägäis mitgeholfen. Was genau haben Sie dort gemacht?

Als ich erfuhr, dass die Hilfsorganisationen Unterstützung und medizinisches Fachpersonal auf den Rettungsschiffen und in den Flüchtlingslagern brauchten, war für mich klar, dass ich dort helfe. Ich war 2017 einen Monat lang auf der „Iuventa“ und gehörte 2018/19 zur Crew der „Sea Watch 3“, dem Schiff von Kapitänin Carola Rackete. Letztere Mission konnte aber am Ende nicht auslaufen, weil die „Sea Watch 3“ von der italienischen Regierung im Hafen festgesetzt wurde. Auf der „Iuventa“ habe ich als Krankenschwester die Flüchtlinge versorgt und gleichzeitig als Fotografin die Situation dokumentiert. 2017 und 2018 war ich mit verschiedenen Organisationen im Flüchtlingslager in Moria auf Lesbos und 2018 mit der deutschen Hilfsorganisation Cadus e.V. in Sarajevo in Bosnien und Herzegowina. Dort haben wir mit einer mobilen Klinik die medizinische Erstversorgung der Menschen, die über die Balkanroute flüchten, gewährleistet.

Flüchtlinge nach einem Einsatz der Iuventa im April 2017.

Wir haben die dramatischen Bilder von Rettungsaktionen und ertrinkenden Menschen auf dem Mittelmeer vor Augen. Wie haben Sie die Zeit auf den Schiffen erlebt?

Das war eine sehr extreme Erfahrung, einige Bilder werde ich nie vergessen. Und ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment, wo mein Privileg in Europa geboren zu sein, ganz konkret sichtbar wurde: Auf hoher See, bei schlimmen Wellengang, stand ich auf einem eisernen, stabilen, großen Schiffsdeck, während die Migranten zusammengepfercht in einem schlappen, sinkenden Gummiboot saßen. Wenn mein stabiles Schiff in Seenot geraten wäre, hätten wir sofort Hilfe bekommen. Aber wenn diese Gummiboote in Seenot kommen, hilft niemand. Das ist der ganz konkrete Unterschied, wenn man auf der richtigen oder eben der falschen Seite der Welt geboren wurde.

In den Flüchtlingslagern werden Sie ähnliche Eindrücke gesammelt haben.

Die Arbeit mit Menschen auf der Flucht an Land in den Flüchtlingslagern war für mich psychisch nochmal eine ganz andere Herausforderung als auf den Rettungsschiffen. Auf dem Schiff ist man sich bewusst: Wenn wir in dem Moment nicht vor Ort gewesen wären, wären diese Menschen ertrunken. Die Grenze zwischen Leben und Tod und das Ergebnis unseres Eingreifens sind dort sehr klar. In den Flüchtlingslagern ist das anders, die Menschen dort sind nicht in akuter Todesgefahr, und doch ist das Lager wie ein Raum zwischen zwei Leben. Diese Menschen mussten aus ihrem alten Leben flüchten, können aber kein neues Leben beginnen. Der Zustand, in dem sie in den Lagern leben, ist ein in die Länge gezogenes Leid: Das sind Jahre in menschenunwürdigen Verhältnissen, ohne die geringste Perspektive, ohne Aussicht auf Besserung. Das gilt insbesondere für dieses Jahr, wo das Coronavirus grassiert, verschiedene Brände die Flüchtlingslager heimgesucht haben und die EU ihre Anti-Migrationspolitik noch verschärft hat.

Verzweifeln Sie angesichts dieses Elends?

Ich werde eher wütend, denn ich glaube, die meisten Leute wissen gar nicht, was wirklich los ist. Die Leute, deren Frustration sich als Hass auf andere, schwächere Menschen ausdrückt, oder die Politiker, die durch ihre Entscheidungen tausende Menschenleben aufs Spiel setzen, sollten dieses Elend einmal mit eigenen Augen sehen. Dann würde sich vielleicht endlich etwas ändern.

Haben Sie manchmal Angst? Vor oder mitten in einem Einsatz?

Klar hatte ich immer wieder mal Momente der Angst. Ich werde sehr stark seekrank und befürchtete, die Arbeit auf den Schiffen körperlich nicht zu packen. Außerdem hatte ich Angst, wir könnten mit komplizierten medizinischen Notfällen konfrontiert werden, denen man auf dem Schiff nicht rechtzeitig helfen kann. Und natürlich macht man sich auch Gedanken über die rechtlichen Konsequenzen, die so eine Mission haben kann. So laufen zum Beispiel gegen zehn meiner damaligen Kollegen aus der Crew der „Iuventa“ immer noch Ermittlungen. Das ist wirklich absurd, denn es müsste doch unbestritten sein, dass Menschenleben zu retten, keine Straftat ist.

Wie gehen Sie mit Ihren Ängsten um?

Die Ängste, die ich überwunden habe, um bei der Seenotrettung zu helfen, stehen in absolut keinem Verhältnis zu den Todesängsten, die die Flüchtlinge überwinden, wenn sie in diese Gummiboote steigen. Diese Menschen haben vor dem, was hinter ihnen liegt, mehr Angst als vor dem Ertrinken. Sonst würden sie nicht aufs Meer rausfahren. Meinen eigenen Ängsten stelle ich die Frage entgegen: Was ist das Richtige? Auf welcher Seite dieser Geschichte will ich stehen? Denn Tatsache ist: Laut internationalem Seerecht hat jeder das Recht auf Beistand in Seenot. Und Fakt ist: Die „Iuventa“ hat in knapp über einem Jahr mehr als 14 000 Menschenleben gerettet, bevor sie – ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren wohlgemerkt! – beschlagnahmt wurde. Da kann man sich schnell ausrechnen wie viele Menschen ertrunken sind, seitdem die „Iuventa“ und die anderen Schiffe nicht mehr auslaufen durften.

Selbstportät von Aktivistin Selene Magnolia.

Wie hat sich Ihrer Ansicht nach der politische Diskurs über die Migration in den vergangenen Jahren verändert?

Heute wissen alle, was in Libyen los ist und aus welchen Zuständen die Migranten aufs Meer flüchten. Das war 2017 noch nicht so. Der politische Diskurs über die Flüchtlinge hat sich zugespitzt: Zuerst wurde geholfen, dann wurden die Migranten kriminalisiert, später auch die Helfer. Die Öffentlichkeit wurde zunehmend radikalisiert. Davor hätte sich niemand erlauben können, vor laufender Kamera die prekären Gummiboote einfach in türkische Gewässer zurückzustoßen, oder dass die sogenannte libysche Küstenwache die Flüchtlinge mit Gewalt zurück nach Libyen und zurück in die Folterlager holt. Heute ist das kein Skandal mehr. Ohne die Kriminalisierung der Migranten und die Radikalisierung der Öffentlichkeit wäre es bis vor ein paar Jahren undenkbar gewesen, dass man in Europa Menschen, darunter Frauen und Kinder, die aus einem brennenden Flüchtlingslager fliehen, tagelang ohne Wasser, Essen und medizinische Versorgung sich selbst überlässt. Heute ist das leider Wirklichkeit.

Wie wirken diese Erlebnisse auf Sie?

Dass ein großer Teil der Bevölkerung dieses Narrativ der „bösen“ NGOs so schnell und bereitwillig übernommen hat, war ein Schlag ins Gesicht. Es ist schon schlimm genug, dass NGOs das leisten müssen, was eigentlich die Aufgabe der EU wäre. Und es ist absurd, dass diejenigen, die sich stattdessen dieser Aufgabe stellen, dann kriminalisiert werden. Aber am schockierendsten ist, dass Menschen auf der Flucht vor Krieg, Folter und Armut kriminalisiert werden und ein großer Teil der Gesellschaft zu keiner Solidarität bereit ist.

Warum machen Sie weiter? Was treibt Sie an?

Die Gewissheit, dass sich von selbst nichts ändern wird, wenn nicht jede und jeder von uns im Kleinen mitanpackt und die Veränderung der Gesellschaft vorantreibt. Ich muss einfach weitermachen. Ohne Mobilisierung von unten wird es von oben keine wesentlichen Ansätze zur Veränderung geben. (Interview: Lucia de Paulis)

Anmerkung: Selene Magnolia ist das Pseudonym, unter dem sie arbeitet. Ihr amtlicher Name ist der Autorin bekannt.

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