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Zum Gebet: In den meisten Moscheen der Welt steht Frauen dafür ein eigener Raum zur Verfügung. 

Frauen im Islam

Aichas Erbinnen

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Schon eine Frau des Propheten Mohammed soll Gebete geleitet haben. Trotzdem sind weibliche Imame noch immer selten, mancherorts sogar verpönt. FR-Autorin Milena Bialas hat eine besondere Moschee in Kopenhagen besucht.

In einer der belebtesten Straßen des touristischen Einkaufsviertels der dänischen Hauptstadt Kopenhagen führt eine mit Graffiti bedeckte Tür zur Mariam-Moschee. Es ist die erste von Frauen gegründete und geführte Moschee in Skandinavien. Der Eingangsraum ist voller Menschen. Sie räumen die letzten Überbleibsel einer interreligiösen Hochzeitsfeier auf. Eine unter ihnen sticht hervor, nicht nur wegen ihres weißen Kleides mit goldenen Stickereien und ihren langen dunkelblonden Haaren.

Auch wie sie sich lächelnd zwischen den Menschen bewegt und jedem um sie herum eine freundliche Geste darbietet, macht aufmerksam. Es ist Sherin Khankan, die Imamin der Mariam-Moschee, die sie 2016 gründete. Khankan wurde als Tochter einer christlichen Finnin und eines muslimischen Syrers geboren. Als sie 19 Jahre alt war, entschied sie sich für den Islam. Religion kann nicht vererbt werden, so ihre Meinung, sie muss in einem aktiven Prozess, der Reflexion und Willenskraft fordert, frei gewählt werden. „Wenn ich den Aufruf zum Gebet höre, ist das genau der Moment, an dem ich weiß, warum ich Muslimin bin“, sagt sie. „Es berührt mein Herz, wie es eine Kirchenglocke nie getan hat.“

Dass eine Frau eine Moschee, überhaupt ein Gotteshaus leitet, ist noch immer eine Besonderheit. Ohnehin werden die fünf Weltreligionen von Männern geprägt, sie herrschen über Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus. Allein der Protestantismus erlaubt es Frauen, in manchen Gemeinschaften seit dem 19. Jahrhundert, Priesterinnen zu werden. Doch auch im Islam gibt es eine lange Tradition der weiblichen religiösen Führung. „Murchidates“, die „religiösen Agentinnen“, werden sie genannt, Imamin oder Imamah. Sie repräsentieren die andere Hälfte der Gläubigen: Frauen.

Es gibt viele Kritikerinnen und Kritiker der Praxis, andere begrüßen die Entwicklung. Schließlich gibt es in den Gemeinden viele Musliminnen, die sich mit ihren Problemen und Fragen lieber einer anderen Frau anvertrauen wollen, als ihrem männlichen Imam. Dementsprechend ist die Tradition der Imaminnen in manchen Ländern weiter verbreitet als in anderen. In China etwa gibt es heute mehrere Schulen, die weibliche Imame ausbilden, aktiv sind einige von ihnen bereits seit dem 19. Jahrhundert. In Südafrika gibt es erst seit den 1990ern vermehrt Imaminnen. Und im britischen Oxford leitete die amerikanische Islamwissenschaftlerin und Feministin Amina Wadud 2008 das erste gemischte Gebet in Europa. Eine erste eigene Frauenmoschee wurde 2015 in Los Angeles gegründet, die „Frauenmoschee von Amerika“.

Zur Sache: Imamin Sherin Khankan spricht auch Themen an, die anderen eher unbequem sind. 

Auch in Deutschland gibt es ähnliche Vorstöße. In Berlin wurde 2016 die „Rushd-Ibn-Goethe-Moschee“ gegründet. Als inklusive Moschee will diese allen islamischen Bewegungen mit Offenheit entgegentreten, Schiiten, Sunniten, Sufiten und Aleviten zum gemeinsamen Gebet zusammenbringen. Wer sich muslimisch fühlt, ist eingeladen – ungeachtet des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. Auch in Kanada, in westafrikanischen und einigen asiatischen Ländern gibt es solche Häuser.

Trotzdem gibt es viele Gläubige, die ein Problem damit haben, dass auch Frauen das Gebet leiten, die Führung übernehmen, zu Imaminnen werden. Dabei gibt es keinen Koranvers, der eindeutig dagegenspricht. Im Gegenteil, Aischa, die jüngste Ehefrau des Propheten Mohammed selbst, soll Gebete vor einer Versammlung von Männern und Frauen geleitet und Religionsunterricht gegeben haben. „Im sunnitischen Islam haben wir kein Priestertum, sondern einen direkten Zugang zu Gott“, erklärt Sherin Khankan in ihrer Moschee. Da die islamische Religion nicht auf einer Klerusstruktur basiere, könne der Titel eines Imams oder einer Imamin von einer Gemeinschaft selbst vergeben werden.

Manche Musliminnen und Muslime, insbesondere Fundamentalistinnen und Fundamentalisten, empören sich dennoch über von Frauen geführte Moscheen, die patriachale Strukturen infrage stellen. „Wir sind in der Lage, tatsächlich etwas zu ändern. Der einzige Weg, dies zu tun, ist, Alternativen zu schaffen“, sagt Khankan. „Wenn niemand das tut, wird es auch nicht passieren.“ In ihrer Moschee sind die Freitagsgebete ausschließlich für Frauen bestimmt. „Wir haben beschlossen, es ausschließlich zu einer Frauenmoschee zu machen, weil die Mehrheit unseres Vorstands dafür gestimmt hat“, erklärt Khankan. „Das ist die Sache mit der Demokratie: Obwohl ich eine Vision von gemischtem Gebet hatte, musste ich bescheiden sein und das annehmen, was die Mehrheit wollte.“

Wie in den meisten Moscheen der Welt beten also auch in der Mariam-Moschee die Frauen für sich, in anderen Häusern steht ihnen dafür ein gesonderter Bereich zur Verfügung. Die Versammlungsräume der Mariam-Moschee sind mit zahlreichen Kerzen dekoriert, mit exotischen Pflanzen und farbenreichen Wandteppichen, antirassistische und antikolonialistische Botschaften darauf. Nebenan, mit hohen Fenstern auf die belebte Straße, befindet sich die eigentliche Moschee mit ihren Gebetsteppichen und Büchern über Sufismus, Kalligraphie und Spiritualität im Islam.

Auch ein Buch Amina Waduds, der amerikanischen Islamwissenschaftlerin und Feministin, ist darunter. „Koran und Frau: den heiligen Text aus der Perspektive einer Frau erneut lesen“ heißt das berühmte Werk aus dem Jahr 1999. Das Buch, das vielen als eine Art „Manifest“ des islamischen Feminismus gilt, kann ausgeliehen werden. Und das wird es auch immer wieder.

„Ich hatte immer das Gefühl, dass es einen besonderen Bedarf an weiblichen Imamen gibt, an die man sich wenden kann“, sagt Khankan, während sie sorgfältig alle Kerzen im Raum löscht, „wenn man eine Wochenbettdepression durchlebt zum Beispiel, eine Scheidung oder häusliche Gewalt.“ Es gebe eben viele sensible Themen, mit denen sich Frauen lieber einer Imamin anvertrauten als dem männlichen Äquivalent. Ohnehin erfüllten weibliche Imame den gleichen Zweck wie die männlichen, rufen zum Gebet auf, halten die Khutbah, lesen den Koran, verheiraten Paare, geben persönliche und spirituelle Beratung, sind sozusagen das Bindeglied zwischen Moschee und Gemeinde.

„Es geht nicht einfach darum, den Job eines Imams anzunehmen“, sagte Raheel Raza, eine Imamin aus Kanada, der britischen Onlinezeitung „The Independent“. „Es geht darum, die muslimische Gemeinschaft daran zu erinnern, dass 50 Prozent ihrer Anhänger Frauen und diese den Männern gleichgestellt sind. Sie sind ebenso aufmerksame und praktizierende Muslime, die es verdienen, gehört zu werden.“ Raza wurde bereits 2010 nach Großbritannien eingeladen, um dort das Gebet zu leiten. Solche Fortschritte bedeuteten nicht, sich den Traditionen zu widersetzen, findet Sherin Khankan, sondern vielmehr, zur Quelle zurückzukehren, den Koran neu zu lesen.

„Eine islamische Feministin zu sein, bedeutet letztendlich zu glauben, dass Männer und Frauen die gleichen Möglichkeiten haben und dass wir alle gleich sind“, sagt sie. Ein weiteres Anliegen ist ihr die interreligiöse Ehe. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Moslem in Europa in einen Nichtmoslem verliebt, ist doch sehr hoch“, sagt Khankan. „Wie gehen wir die Sache also an?“ Familie sei doch das Fundament von allem, sie zusammenzuführen, zusammenzuhalten, bei der Gründung zu unterstützen, ist ihr wichtig.

Imaminnen wie sie schlagen durch ihr Handeln nicht nur einen neuen Diskurs und eine moderne islamische Identität vor, stellen sich patriarchalen Strukturen entgegen – sie weisen auch der Frau im Islam eine neue Rolle zu. Gerade im christlich geprägten Westen, von islamophoben und rechten Gruppierungen, aber auch von konservativ-feministischen Stimmen nämlich werden muslimische Frauen noch immer als ständige Opfer dargestellt. Als unmündige Laiendarstellerinnen einer männlich dominierten Religion. Dass Frauen wie sie dieses klischeehafte Bild zu korrigieren versuchen, sei gerade für die schärfsten Kritikerinnen und Kritiker des Islams hochproblematisch, sagt Khankan. „Es wird nun mal schwierig, an der Mär der ewig unterdrückten Muslimin festzuhalten, wenn Frauen die Führung übernehmen.“

Doch auch Khankan weiß, dass sich viele Menschen, ob Muslime oder nicht, noch immer nicht einlassen wollen auf diese neuen Bilder. Also arbeitet sie nicht nur stetig an ihren eigenen Projekten, an der Mariam-Moschee, an der Stärkung ihrer eigenen Rolle als Imamin. Sie will auch andere Musliminnen ermutigen, die Führung zu übernehmen. „Wenn man sich wünscht, dass eine Blume blüht, dann muss man sie auch pflegen“, sagt Sherin Khankan. „Und das geht am besten in der Gemeinschaft. Es braucht eine solide Basis, von der aus man gemeinsam wachsen kann.“

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