Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Segel setzen: singende Seeleute dringend gesucht.  Imago images
+
Segel setzen: singende Seeleute dringend gesucht.

Online-Trend

Ahoi, bald kommt der „Wellerman“

  • Valerie Eiseler
    vonValerie Eiseler
    schließen

Und alle singen mit: Ein 200 Jahre altes Seefahrerlied trotzt den Wellen der Algorithmen und kapert die Social-Media-App Tiktok.

Dieses Jahr ist das Jahr der Sea Shantys – so haben es allem Anschein nach die Götter der Algorithmen befohlen. Zumindest der Januar 2021 steht bisher voll und ganz im Zeichen des „Wellerman“. Das rund 200 Jahre alte Seefahrerlied erschallt derzeit aus allen Winkeln der Social-Media-App Tiktok.

In schier unzähligen Videos schmettern die Nutzerinnen und Nutzer der App den melodischen Refrain, freuen sich darin auf „sugar and tea and rum“, rollen dabei auf typische Piratenart das R. Ein durch und durch heiteres Unterfangen – vor allem da sich die leidenschaftlichen Sängerinnen und Sänger zu immer größeren virtuellen A-cappella-Gruppen zusammenschließen

Das erste entsprechende Video teilte der 26-jährige schottische Briefträger Nathan Evans alias @nthnevnss auf Tiktok. Mit seinem Video gibt es inzwischen unzählige Duette, Duette wiederum mit diesen Duetten und so weiter in unendlicher Fortsetzung.

Das Thema der Urheberrechte mag auf der Social-Media-App Tiktok ein juristischer Alptraum sein, aber genau diese Form der Kooperation und des Remixens ist es nunmal, die den Reiz der Plattform ausmacht.

Die Logik von viralen Videos wie dem „Wellerman“, die scheinbar aus dem Nichts zu großer Bekanntheit kommen, lässt sich ohne einen Blick in die Algorithmen der notorisch undurchsichtigen Plattform nicht genau zurückverfolgen. Doch auch ohne eine Datenanalyse gibt es Hinweise darauf, wie der Shanty so beliebt werden konnte.

Tiktok ist, wie die Vorgänger-App Musically, eine perfekte Plattform für kurze Musikhäppchen. Musically wurde vor allem bekannt über sogenannte Lipsync-Videos, in denen zu Songtexten nur die Lippen bewegt werden – gewissermaßen Karaoke für Menschen, die nicht singen können.

Auf Tiktok wurden darüber hinaus vor allem Tanzvideos bekannt, aber auch Gesang spielte weiterhin eine große Rolle. Das einfache Teilen und Bearbeiten anderer Videos auf der Plattform machte Remixe und Samplings möglich, das Element der „Challenge“, also Herausforderung anderer, trug zur Verbreitung bei.

Mit der Einführung der Duettfunktion bereitete Tiktok den Weg für musikalische Kooperation. Nutzerinnen und Nutzer können in der App ihre eigene Version einem bestehenden Video gegenüberstellen und so „gemeinsam“ singen.

Vielleicht ist es ein Zufall, dass über diese Funktion ausgerechnet der „Wellerman“ zum Tiktok-Schlager wurde. Aber der alte Sea Shanty hat durchaus Starqualitäten. Titel und Text des alten Liedes beziehen sich auf das frühere neuseeländische Walfangunternehmen Weller Bros., deren Mitarbeiter Walfänger mit Vorräten wie Zucker, Rum und Tee versorgten.

Ein Musical auf der App

Das Lied wurde früher bei der anstrengenden Arbeit des Walfangs gesungen, es hat einen simplen Rhythmus, einfachen Refrain und ist dementsprechend schnell zu lernen. Aus den einzelnen Seemännern wurde so durch den Gesang ein vereinigter Chor.

Möglich also, dass das Lied einfach die Gemeinschaftsbedürfnisse der Pandemieisolierten trifft. Zudem erlaubt seine einfache Struktur, der Kreativität freien Lauf zu lassen und der Ursprungsversion neue Harmonien, Tonlagen oder sogar EDM-Beats hinzuzufügen.

Der „Wellerman“ ist nicht die erste weltweite musikalische Kollaboration auf Tiktok. Erst vor kurzem haben Dutzende Nutzerinnen und Nutzer komplett virtuell ein Musical auf die Beine gestellt. Das „Ratatousical“, ein Musical basierend auf dem 13 Jahre alten Pixar-Film „Ratatouille“, ist eine Meisterleistung des Crowdsourcings.

Durch und durch spielerisch, entschieden improvisiert und absolut ohne jede Erlaubnis vom Rechteinhaber, dem Medienunternehmen Disney. Auf seinem Höhepunkt entstand daraus sogar ein Benefizkonzert, bei dem Broadwaystars die Tiktok-Werke sangen.

Können die Shanty-Fans nun auch mit dem „Wellermusical“ rechnen? Ur-Shanty-Toker Nathan Evans hat zumindest schon die Vorlage zum nächsten Lied gepostet: „The Drunk Scotsman“. Womöglich liefern die Tiktok-Kids bis zum Mai den Soundtrack zu einem „Fluch der Karibik“-Musical oder gehen virtuell mit den Seemännern von der Band Santiano auf Tour.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare