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Noch bildet die somalische Küste den Rand des afrikanischen Festlandes.

Die neue Insel

Eines Tages wird Afrika auseinanderbrechen

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Geologen warnen, dass der afrikanische Kontinent durch tektonische Bewegungen auseinanderbrechen wird. Ein eigenes Eiland bildet dann nicht nur das „Horn von Afrika“.

Nairobi - Die Meldung kam nicht nur für Afrika-Korrespondenten als ein Schock. Afrika bricht auseinander, wollen Wissenschaftler herausgefunden haben: Der Kontinent werde eindeutig in zwei Teile zerlegt. Und das ist ausnahmsweise einmal nicht politisch gemeint. Vielmehr wird der Erdteil geologisch in zwei Teile zerrissen. Von Norden nach Süden über fast 4000 Kilometer Länge wie ein riesiger Holzscheit in zwei Blöcke gespalten.

Den endgültigen Beweis dafür soll den Geologen ein tiefer, kilometerlanger Erdriss geliefert haben, der diesen April im Südwesten Kenias auftauchte: Er machte für mehrere Tage sogar die Schnellstraße zwischen der Hauptstadt Nairobi und der Provinzstadt Narok unbefahrbar. Abwiegelnd meinten einzelne Forscher zunächst, dass es sich dabei lediglich um eine Bodenerosion nach schweren Regenfällen handele. Doch warum sich die Erde ausgerechnet hier und auf derart dramatische Weise spaltete, wussten sie nicht zu erklären.

Die tiefsten Gewässer werden verschwinden

Für Lucía Pérez Díaz, Seismologin an der Universität von Oxford, steht fest: Das Phänomen ist Teil einer tektonischen Bewegung, die eine „Somalische Erdkrustenplatte“ allmählich von einer „nubischen“ trennt. Wer Afrika kennt und Satellitenbilder vom Osten des Erdteils gesehen hat, dem können die Grabenbrüche nicht entgangen sein, die sich von Äthiopien bis nach Südafrika erstrecken: Verwerfungen, in der sich mit dem Albert-, Edward-, Kivu-, Tanganyika- und Malawi-See die schönsten, längsten und zum Teil tiefsten Gewässer dieser Welt befinden. Die Afrikaner sollten deren Wasser genießen, solange es noch geht. Denn irgendwann werden die paradiesischen Süßwasserreservoires von salzigem Meerwasser überflutet sein.

Dass die nubische und somalische Platte auseinanderdriften ist zwei riesigen unterirdischen Schornsteinen zu verdanken – von Geologen „Diapire“ genannt –, in denen heißes Material aus dem Erdinnern aufsteigt, das unter dem Erdmantel regelrechte Blasen bildet. Die heißen Magma-Blasen tragen zur Verdünnung der Erdkruste bei und sorgen für gelegentliche Vulkanausbrüche, denen wir so malerische Berge wie den Kilimandscharo, den Mount Meru und Mount Kenia verdanken. Auf Satellitenbildern sind auch die beiden Dome über den Diapiren deutlich zu sehen: Der eine sorgte für das äthiopische Hochland mit dem Vulkansee Erta Ale an seinem nördlichen Rand. Der andere für das kenianische, tansanische und ruandische Hochland mit dem Viktoriasee in seiner Mitte.

Afrika und Lateinamerika waren vereint

Geologen wissen schon heute, wie der Kontinent schließlich auseinanderbrechen wird: In einer S-förmigen Linie von Dschibuti am Golf von Aden bis zum südafrikanischen Swasiland. Wegbrechen werden also nicht nur Teile des „Horns von Afrika“ als östlichste Regionen des Kontinents, zu denen Äthiopien, Somalia, Eritrea und Dschibuti gehören, sondern auch mehrere Länder Richtung dem afrikanischen Süden. Irgendwann wird sich der Graben mit Meerwasser füllen. Dann heißt es für zahllose Äthiopier, Kenianer, Tansanier und Mosambikaner von ihren Nachbarn Abschied zu nehmen. Was am Ende herauskommen wird, ist am Beispiel Afrikas und Lateinamerikas abzulesen: Die beiden Kontinente waren einst vereint, was an der fast identischen Küstenlinie der beiden Erdteile unschwer abzulesen ist. Heute liegt die angolanische Hauptstadt Luanda von ihrem einstigen Zwilling Rio de Janeiro acht Flugstunden weit entfernt.

Die Erde stehe eben niemals still, weiß Seismologin Díaz. Die verschiedenen tektonischen Platten unseres Globus bewegen sich ständig aufeinander zu oder voneinander weg – oder brechen sogar auseinander wie im ostafrikanischen Fall. Das ahnen die Geologen natürlich schon lange. Im Unterschied zu den Politikern, die sich um die fundamentale Beschaffenheit unserer Lebensgrundlage offensichtlich nicht scheren. Jedenfalls scheint die Afrikanische Union (AU) der Zerfall ihrer Basis kalt zu lassen: Am AU-Sitz in Addis Abeba beschäftigt sich kein einziges Gremium mit der alarmierenden Entwicklung.

Bis es soweit ist, werden allerdings noch ein paar Tage vergehen. Gegenwärtig bewegt sich der neue ostafrikanische Erdteil höchstens um jährlich fünf Zentimeter vom Mutterkontinent weg. Bis schließlich das Meerwasser in den Graben fließt, werden nach Schätzungen von Experten viele Millionen Jahre vergehen. Trotzdem zeigt sich ein Kenianer auf Twitter bereits enthusiastisch: „Nur noch 50 Millionen Jahre“, meldet Kim Nelson: „Ich kann es kaum noch erwarten.“

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