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Marc Dutroux wieder vor Gericht.

Marc Dutroux

Ärger über die belgische Justiz

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Der Kindermörder Marc Dutroux will vorzeitig aus der Haft entlassen werden und hat angeboten, eine Fußfessel zu tragen. Am Montag berät ein Gericht über den Antrag, der in Brüssel für Aufruhr sorgt. Die Opfer sind verärgert über die Justizministerin Annemarie Turtelboom.

Der Justizpalast von Brüssel wird am Montag schwer bewacht sein. Belgien erwartet den Auftritt eines Mannes, der im Land an alten Wunden rührt: Marc Dutroux. Seit 1996 sitzt er in Haft, vor neun Jahren wurde er wegen Mordes, Kindesentführung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung zu lebenslanger Haft verurteilt. Nun fragt Dutroux um eine vorzeitige Haftentlassung an. Unter schärfsten Sicherheitsbedingungen berät ein Gericht über den Antrag.

Der Gerichtstermin sorgt für Ärger in Brüssel. Dabei geht es weniger um die Frage, ob es überhaupt Gnade geben kann, für einen wie Dutroux. Einen, der in den 90er-Jahren sechs Mädchen entführte und missbrauchte, nur zwei überlebten. Vielmehr hat Laetizia Delhez, eines der Opfer, das nach zwei Wochen befreit werden konnte, angekündigt, nicht vor Gericht zu erscheinen. Denn das belgische Recht gesteht ihr und den Eltern der Opfer nur eine Statistenrolle zu. Sie sind zwar vor Gericht geladen, haben aber keine Akteneinsicht.

Klage gegen belgische Justizministerin

„Sie soll einen Resozialisierungsplan beurteilen, den sie nicht einsehen darf“, sagt ihr Anwalt Georges Henry Beauthier. Das will Delhez nicht. Gemeinsam mit Jean-Dennis Lejeune, dem Vater eines von Dutroux ermordeten Mädchens, hat sie vergangene Woche beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg Klage gegen die belgische Justizministerin Annemie Turtelboom eingereicht. Die Ministerin hatte im Vorjahr eine Reform der Haftprüfung angekündigt.

Damals hatte Michell Martin, die Ex-Frau von Dutroux, einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung eingereicht. Dem wurde stattgegeben. Martin, die Dutroux bei seinen Taten zeitweise unterstützt hatte, lebt nun bei Nonnen in Malonne. Jeder ihrer Auftritte in der Öffentlichkeit, sei es beim Friseur oder heimlich am Strand, wird genau beobachtet.

Ministerin Turtelboom hatte nach Martins Prozesstermin strengere Regeln für vorzeitige Hafentlassungen angekündigt. Aber nichts ist geschehen. Nun suchen Delhez und Lejeune in Straßburg ihr Recht, etwa auf Akteneinsicht in dem Verfahren.

Niemand rechnet ernsthaft mit einer vorzeitigen Entlassung Dutroux’. Der hat angeboten, eine elektronische Fußfessel zu tragen. Selbst um eine mögliche Unterkunft hat er sich bemüht. Es gebe eine Adresse, mehr wollte sein Anwalt aber nicht sagen.

Frage der Entschädigung

Dutroux' Chancen auf eine baldige Freilassung gelten als gering. „Er hat sich nicht geändert“, räumt sein Anwalt Ronny Baudewijn ein. „Er ist überzeugt, nichts Böses getan zu haben“, vertraut sein Arzt Michel Matagne belgischen Journalisten an. Im Gefängnis, wo Dutroux aus Sorge um seine Sicherheit nicht in Kontakt mit anderen Gefangenen kommt, studiere er zumeist seine Prozessakten, um nach einem Grund für einen Revisionsantrag zu suchen. Der Mediziner, der demnächst ein Buch über seinen prominenten Patienten veröffentlichen will, sieht auch in Dutroux „ein Opfer“: Dutroux, Sohn eines Lehrer-Ehepaares, leide „seit seiner Geburt an einem völligen Mangel an Hinwendung“.

Die Freilassung von Dutroux wäre nur möglich, wenn Gutachten der Gefängnisleitung und psychologischer Sachverständiger besagen, dass vom Täter keine Gefahr mehr ausgeht. Vor der Entscheidung müssen die Opfer entschädigt werden, wobei niemand wirklich weiß, wie das im Fall Dutroux funktionieren soll. Die Familie eines jener Mädchen, die von Dutroux grausam zu Tode gequält wurde, hat bereits Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Sie bemängelt, dass die Opfer nicht nur Freilassung eines Täters befragt werden. Die Familie argumentiert, das verstoße gegen das Menschenrecht. Das Menschenrecht der Opfer.

Die Anhörung hinter verschlossenen Türen könne sich bis in den Abend ziehen, erklärte das Gericht. Ob der 56-jährige selbst bei dem Termin dabei sein will, kann er bis zur letzten Minute selbst entscheiden. Eine Entscheidung über den Antrag oder gar eine Freilassung Dutrouxs noch am Tag der Anhörung ist laut Gericht ausgeschlossen. Selbst ein positiver Entscheid wäre allenfalls „ein erster Schritt“ Richtung Freiheit, erklärte das Gericht. (mit dpa)

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