Für die Ewigkeit: Das Porträt Benedikts XVI. hat die deutsche Botschaft am Heiligen Stuhl in Rom bei dem "Papstmaler" Michael Triegel in Auftrag gegeben.
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Für die Ewigkeit: Das Porträt Benedikts XVI. hat die deutsche Botschaft am Heiligen Stuhl in Rom bei dem "Papstmaler" Michael Triegel in Auftrag gegeben.

Papst-Kritiker im Interview

"Acht verlorene Jahre"

  • Joachim Frank
    vonJoachim Frank
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Was hat Benedikt XVI. als Papst erreicht? Nicht viel, meint der Papst-Kritiker, Theologe und Autor Georg Schwikart. Der neue Papst müsste - anders als der rückwärtsgewandte Ratzinger - den Mut haben, voranzugehen.

Herr Schwikart, Benedikt XVI. war der erste Papst, der twittert. Wie bilanzieren Sie sein Pontifikat – als Tweet?

Acht verlorene Jahre.

Sind Sie verbittert?

Es ist einfach traurig. Joseph Ratzinger hat die Geschicke der Kirche ja nicht nur als Papst bestimmt. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hat er im Vatikan an der Spitze der Glaubenskongregation über Führungspersonal mitentschieden. Er ist verantwortlich für die Lehrentscheidungen seines Vorgängers. Johannes Paul II. war kein großer Theologe und stützte seine Theologie erklärtermaßen auf Ratzinger. Fatale Dokumente wie „Dominus Jesus“ (2000), das den Protestanten abspricht, Kirche zu sein, tragen seine Handschrift.

Für Sie galt schon 2005 nicht der Satz, „wir sind Papst“?

Am Tag der – Urteilsverkündung, hätte ich jetzt fast gesagt, also, am Tag der Papstwahl saß ich vor dem Fernseher. Als dann Name „Joseph Ratzinger“ fiel, dachte ich: „Das darf doch nicht wahr sein, jetzt ist es tatsächlich passiert!“ Ratzinger galt ja schon vor dem Konklave als „papabile“, aber wer sich mit der Kirche beschäftigt hatte, wusste doch: Das wird der Kirche nicht gut tun. Ratzinger war einst ein großer Theologe, aber mit seinem Wechsel in die kirchliche Hierarchie hat seine Theologie gelitten – und der Mensch auch.

Er wurde häufig als „Theologe auf dem Papstthron“ gerühmt. Widersprechen Sie dieser Sicht?

Er ist der erste Papst seit langem, der dicke Bücher geschrieben hat, das stimmt. Aber es steht nichts Neues darin. Den ganzen Hype um die Jesus-Trilogie kann ich nicht nachvollziehen. Das ist Theologie auf dem Stand der 1970er-Jahre. Ein schönes Kompendium, aber kein einziger origineller Gedanke.

Am Beginn seiner Amtszeit hat Benedikt XVI. den Willen bekundet, sich für die Einheit der Christen einzusetzen. Leere Worte?

Na ja, er hat sich mit großem Eifer an die rechtslastigen Lefebvre-Leute herangemacht, die heute Piusbrüder heißen. Aber selbst die zurückzuholen, ist ihm nicht gelungen – und es wird hoffentlich auch nicht gelingen, zumindest nicht zu deren Bedingungen. Ich will Benedikt zugute halten, dass er wirklich „Papst für alle“ sein wollte und es als seine Aufgabe verstanden hat, nach allen Seiten hin zu integrieren. Aber bei den Traditionalisten um einen inakzeptablen Preis. Als ich selbst 1998 einmal etwas über die Piusbruderschaft geschrieben habe, brauchte ich nur deren Monatsblatt zu lesen, um klar zu sehen: Das sind gruselige Antisemiten. Und da wollen Benedikt und der Vatikan behaupten, sie hätten das nicht gewusst? Nein, das „Katholische“ war einfach wichtiger als die strikte Abgrenzung gegen Rassismus und Antisemitismus.

Der Papst war auf dem rechten Auge blind?

Als ich jetzt las, ein Grund für seinen Rücktritt sei die Sehschwäche auf einem Auge, habe ich sofort gedacht: Das muss das rechte Auge sein. Sein Blick auf die linken Befreiungstheologen oder auf Denker wie Eugen Drewermann war dagegen immer messerscharf und unerbittlich. Ratzinger hat alles dafür getan, um solche Leute mundtot zu machen.

Ist es womöglich zu viel verlangt von einem Amtsträger wie dem Papst, besser zu sein als die Institution, der Apparat, der ihn umgibt?

Man liest ja gerade wieder heiße Geschichten aus dem Vatikan: Schwulenpartys, mafiöse Zustände, Geldwäsche. Kaum jemand kann das überprüfen. Aber das Entscheidende ist: Fast jeder hält es für möglich. Und da denke ich: „Mensch, Brüder, was habt ihr die Karre in den Dreck gefahren, dass man euch das alles unbesehen zutraut!“ Natürlich ist der Vatikan eine Behörde, in der es Hauen und Stechen gibt, Intrigen und Machtkämpfe wie überall sonst auch. Die Vorstellung, Kleriker seien immer nett zueinander, ist ja naiv. Aber noch schlimmer wird das Ganze durch die ideologische Verbrämung. Ich kenne Bischöfe, die erzählen Ihnen was vom Pferd, wenn’s der Karriere dient. Aber es gibt auch welche, die meinen das alles auch noch Ernst.

Was zum Beispiel?

Dass Gott keine Frauen im geistlichen Amt will. Das glauben die wirklich! Aber mit einem solchen Bewusstsein, auf der Seite Gottes und der Wahrheit zu stehen, geht man ganz anders aufs Spielfeld. Auch in die innerkirchlichen Machtspiele. Ich glaube, damit war Benedikt XVI. dann tatsächlich überfordert, obwohl er selber 30 Jahre Teil des Spiels war.  Und da muss ich dann sagen: Bei aller Kritik, Respekt, dass er mit 85 sagt, jetzt ist für mich Schluss. Ich halte ihn schon für einen distinguierten Mann. Der wollte nicht öffentlich sein Sterben zelebrieren wie sein Vorgänger, was uns als „Kreuzesleiden“ verkauft wurde. Wie bei Jesus! Das muss doch nun wirklich nicht sein. Der Papst ist bloß der Papst. Als ob das nicht reichen würde!

Zölibatsgesetz, Frauenpriestertum, Kurienkämpfe – betreffen solche Themen den Alltag des gläubigen Katholiken wirklich so sehr, dass es lohnt, sich ständig daran abzuarbeiten? 

Ob der Papst zurücktritt oder stirbt; ob der neue Papst ein Italiener ist, ein Schwarzafrikaner oder ein Asiat – für die allermeisten Katholiken gilt tatsächlich: Mit uns hat das nichts zu tun. Es könnte aber „mit uns“ zu tun haben, wenn der neue Papst den Mut hätte, voranzugehen. Anders als Ratzinger, der immer nur rückwärtsgewandt war. Aus Arroganz oder Unwissenheit – wann hat der Papst denn zuletzt mit ganz normalen Protestanten geredet? -  hat Benedikt nie verstehen wollen, dass „katholisch“ und protestantisch“ unterschiedliche Formen sind, den Glauben zu leben. Anders, aber nicht besser oder schlechter. Würde ein Papst das anerkennen, hätte das sehr wohl Folgen für das  Leben der Gemeinden. Dann  hätte nämlich dieses Geschwiemel ein Ende, bei dem katholische Priester vieles einfach machen, was sie „eigentlich“ nicht dürfen – vom ökumenischen Gottesdienst am Sonntag bis zur Kommunion für Protestanten.

Sie selbst sind inzwischen Protestant geworden. Was kümmert Sie da überhaupt noch der Papst?

Auch als Neu-Protestant hätte ich nichts dagegen, wenn der Papst für die Christenheit spräche und Gesicht zeigte. Nicht zu Fragen der Sexualmoral, versteht sich, aber zu Themen wie Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung. Da herrscht unter den „Christen guten Willens“ doch große Übereinstimmung. Nur setzte eine solche Sprecherfunktion voraus, Vielfalt anzuerkennen und auszuhalten. Aber das gelingt dem Katholizismus mit seinem Wahrheitsanspruch ausnehmend schlecht.

Einmal abgesehen von innerkatholischen oder ökumenischen Konflikten. Waren die acht Jahre Benedikts XVI. auch für Nicht-Gläubige verlorene Jahre?

Ach, das Papsttum hat ja einen gewissen Unterhaltungswert, ähnlich wie das britische Königshaus. Wenn ich mit Pilgergruppen nach Rom fahre und zur Papstaudienz gehe, klatschen alle, sobald der Papst kommt. Ich selbst auch. Das hat schon etwas Erhebendes – diese Auftritte ganz in Weiß, mit Glanz und Gloria samt guter Botschaften über den Frieden und andere schöne Dinge. Das gehört zum Job, und das hat er gut gemacht.

Regt sich da Ihre ex-katholische Seele?

Ich sehe das rollentheoretisch. Alles, was da in Rom passiert, wirkt „wie im Film, nur in echt“. Dabei stimmt natürlich auch das nicht, denn das Zeremoniell ist wiederum eine Inszenierung für die Augen der Öffentlichkeit. Vergleichen Sie nur das Konklave mit einer Wahl bei den Protestanten. Da kommt ein Mann im schwarzen Anzug raus und sagt, „ich bin der Neue“. Das ist aber nicht interessant. Die Katholiken dagegen haben die Bilder.

Und sogar einen eigenen Staat.

Ein einmaliges Phänomen. Mit der Folge, dass der Papst oft auch so diplomatisch agieren muss wie ein Staatsoberhaupt. Händeschütteln mit Diktatoren, statt ihnen auf die Finger zu klopfen und auf die Füße zu treten. In diesem Sinne „entweltlicht“ – nämlich frei von diplomatischen Zwängen – habe ich Benedikt XVI. nicht erlebt. Stattdessen dieses ständige Nörgeln und Stänkern gegen die plurale Gesellschaft und die Demokratie, die in der Kirche angeblich deplatziert sei. Das Ideal des Gehorsams und einer – letztlich feudalen – Hierarchie scheitert an einer Welt, in der schon Dreijährige in der Kita zu selbstbestimmtem Denken erzogen werden.

Steht die Institution dem Glauben im Weg?

Ja, und das ist tragisch genug. Auch wenn sich die katholische Kirche an ihrer Basis stark verändert hat. Vor 20 Jahren noch musste sich ein Homosexueller in unseren Pfarrgemeinden doch verstecken. Bei einem Outing wäre er sozial tot gewesen. Genau wie Geschiedene oder Paare in zweiter Ehe. Das waren Parias, Ausgestoßene. Verständlich, wenn solche Erfahrungen Menschen veranlassen zu sagen: „Mit dieser Kirche will ich nichts mehr zu tun haben! Da kommen ständig Leute, die sich über mich erheben.“

Kann man für jede schlechte Erfahrung den Papst verantwortlich machen?

Natürlich nicht. Aber er repräsentiert und vertritt diese Kirche.

Wie ist er dieser Aufgabe beim Krisenmanagement im Missbrauchsskandal gerecht geworden?

Auch damit war Benedikt XVI. letztlich überfordert. Das verbindet ihn freilich mit der Mehrheit der deutschen Bischöfe, die immer noch von „bedauerlichen Einzelfällen“ ausgeht. Die Summe der Einzelfälle führt aber unweigerlich auf die Frage nach Strukturen: Wie geht die Kirche mit Sexualität um? Wie spricht sie darüber?

Nämlich wie?

In Wahrheit überhaupt nicht oder nur mit frommen Idealen, die völlig überhöht und lebensfremd sind. Der Mensch ist nicht so wie in einer päpstlichen Enzyklika. Und natürlich kann man sagen, „das Thema Zölibat ist durchgenudelt“. Aber es bringt Priester seit Jahrhunderten strukturell dazu, in Unaufrichtigkeit zu leben. Das tut doch ihrem Laden nicht gut!  Es behindert den nötigen offenen Umgang mit dem Problem sexuellen Missbrauchs. Genau wie das Fehlen von Frauen in Leitungsämtern. Sexuellen Missbrauch gäbe es auch, wenn die katholische Kirche Pfarrerinnen oder Bischöfin hätte und im Vatikan Frauen auf Leitungsposten säßen. Aber es würde in der Kirche anders darüber gesprochen.

Interview: Joachim Frank

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