Alanis Morissette im Interview

"Ach, war ich naiv!"

Ihr Leben scheint geordneter und ruhiger zu sein, die frühere Aggressivität nur noch eine Erinnerung. Doch ganz so ist es nicht: Die US-Sängerin Alanis Morissette über frühen Ruhm, prüde Amerikaner und die Vorzüge des Internets.

Es ist viel passiert im Leben der Sängerin Alanis Morissette. Die 38-Jährige hat den Rapper Mario Treadway alias Souleye geheiratet, Ende 2010 kam ihr Sohn Ever auf die Welt. Natürlich spiegelt sich all das in ihren neuen Songs wider. Noch nie waren ihre Texte so wenig von Beziehungsstress geprägt, nie kam der Sound so elektronisch daher wie auf ihrem neuen Album „Havoc And Bright Lights“, das am 24. August erscheint. Ihre frühere Aggressivität – so scheint es – hat die Kanadierin weitestgehend abgelegt.

In den 90er-Jahren galten Sie als Angry Young Woman. Wie viel Wut steckt heute noch in Ihnen?

Eine Menge – fragen Sie meinen Mann, der wird es Ihnen bestätigen. Es gibt viele Dinge, die mich aufregen. Aber ich muss meinen Ärger nicht mehr zwingend in meine Songs legen, sondern kann ihn auch anderweitig kanalisieren. Zum Beispiel als Aktivistin: Ich engagiere mich für Umweltschutz, fahre ein Hybrid-Auto, trenne meinen Müll und habe Solarzellen auf dem Dach.

Und deshalb klingt Ihre CD „Havoc And Bright Lights“ nicht so zornig wie frühere Alben?

Meine künstlerische Devise ist weiterhin: Ich sage, was ich denke. Einen Song wie „Woman Down“ zu schreiben, war für mich Ehrensache. Es regt mich wahnsinnig auf, dass Frauen sogar im 21. Jahrhundert nicht auf jedem Gebiet gleichberechtigt sind. Wir leben nach wie vor in einer Welt, die von Männern dominiert wird.

Andere Stücke wirken dagegen überhaupt nicht kämpferisch.

Zugegeben: Mein privates Glück hatte durchaus Einfluss auf meine neue Platte. „’Til You“ ist ein Liebeslied für meinen Mann Mario Treadway, die Single „Guardian“ habe ich meinem Sohn Ever gewidmet. Seitdem er auf der Welt ist, gehe ich völlig anders mit mir selbst um. Ich achte mehr auf mein eigenes Wohlbefinden, weil ich ja weiß: Da ist jemand, der mich braucht.

Umso erstaunlicher, dass Sie kurz nach der Geburt Ihres Babys wieder gearbeitet haben.

Wie soll ich Ihnen das erklären? Auf einmal verspürte ich diesen inneren Drang, kreativ werden zu müssen. Sicher, der Zeitpunkt war nicht besonders gut gewählt, denn ich wollte rund um die Uhr für mein Kind da sein. Also habe ich mir im ersten Stock meines Hauses ein provisorisches Studio eingerichtet, wo ich mit meinem Produzenten Guy Sigsworth an neuen Liedern arbeitete. Obwohl das eine anstrengende Phase war, habe ich sie genossen.

Heißt das, Sie werden auch in Zukunft nicht für die Familie beruflich kürzertreten?

Ich versuche, beides bestmöglich zu verbinden. Wenn ich auf Tournee gehe, begleiten mich Mario und Ever natürlich. Das läuft dann so: Nach dem Ende eines Konzerts schalte ich sofort wieder in den Mutter-Modus um. Sonst könnte ich der Philosophie des „Attachment Parenting“ nicht gerecht werden. Eine intensive emotionale Bindung zum Kind und viel Körperkontakt spielen dabei eine wichtige Rolle.

Sie wollen Ihren Sohn so lange stillen, bis er sich selber entwöhnt hat.

Als ich das in einer US-Talkshow erzählt habe, löste es eine richtige Kontroverse aus. Na ja, Amerikaner sind halt prüde. Vor allem, was nackte Brüste angeht. Das schüchtert mich nicht ein.

Weil Sie gern provozieren?

Ich bin bloß ehrlich. Gerade zu Beginn meiner Karriere eckte ich damit ziemlich an. Ich glaube, meine authentischen Songs haben einige Leute total verstört. Darum fühlte ich mich oft unverstanden und einsam. Gott sei Dank hat sich das inzwischen geändert. Es gibt jetzt viele tolle Musikerinnen, die in ihren Stücken ihr Innerstes nach außen kehren.

Andere sind nur auf den schnellen Ruhm aus.

Das ging mir als Teenager genauso. Damals redete ich mir ein, ein hoher Bekanntheitsgrad sei eine überaus glücklich machende Erfahrung. Ach, war ich naiv! Letztlich hat mich meine Popularität meinen Mitmenschen nicht näher gebracht, im Gegenteil. Sie entfremdete mich immer weiter von ihnen. Weil jeder plötzlich das in mich hineinprojizierte, was er gern in mir sehen wollte. Darunter habe ich sehr gelitten, über Jahre.

Wie kommen Sie jetzt damit klar?

Dank des Internets hat sich alles verändert. Ich kann tweeten oder bloggen, so nehme ich direkten Kontakt zu meinen Fans auf. Das ist eine wunderbare Erfahrung. Für beide Seiten.

Woher kommt eigentlich Ihr Bedürfnis nach so viel Nähe?

Ich gebe in meinen Lieder eine Menge über mich preis, über meine hellen und dunklen Momente. Das kostet Kraft, zugleich wachse ich dabei an meinen Verletzungen. Und wissen Sie was: Meinen Hörer geht es genauso. Regelmäßig mailt mir jemand: „Deine Songs haben mir in einer schwierigen Phase neuen Mut gemacht.“ Mehr kann ich mir als Künstlerin doch nicht wünschen.

Das Interview führte Dagmar Leischow.

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