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Kleiner Erfolg: Die Polizei präsentiert beschlagnahmtes Kokain und Marihuana.

Mexiko

Acapulco sehen und sterben

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Seit die Drogenkartelle im einstigen Urlaubsparadies ihre Kämpfe austragen, sind Tod und Gewalt allgegenwärtig. Das jüngst ausgesetzte Rekord-Kopfgeld für einen der Bosse belegt nur die Ohnmacht des Staates.

Es ist ein sonniger Freitagnachmittag am Playa Caleta. Gegen 16 Uhr gehen die meisten Urlauber an dem beliebten Strand bei Acapulco gerade vom Mittagessen wieder zurück zu ihren Sonnenschirmen, als plötzlich zwei junge Männer Richtung Strandpromenade hetzen. Hinter ihnen auf der Straße ein Auto, aus dem das Feuer mit automatischen Waffen eröffnet wird. Die beiden Verfolgten fallen geradewegs vor die Füße der erstarrten Urlauber. Man ist geneigt zu sagen: Business as usual in Acapulco. Denn das einstige Pazifik-Paradies Mexikos ist schon lange zum Schlachtfeld der Narcos verkommen.

Solche Episoden des kleinen Horrors erzählen die Geschichte vom großen Absturz eines Ferienortes, der einst Lieblingsziel der Reichen und Schönen war, die sogar aus Hollywood anreisten. Jeder beliebige Tag, jedes beliebige Wochenende in Acapulco bringt Nachrichten hervor wie diese. An dem Tag, als die jungen Männer am Caleta-Strand starben, gingen auch Hunderte Mediziner gegen die Unsicherheit in dem einstigen Pazifik-Paradies Mexikos auf die Straße und drohten mit Streik. Zuvor war eine Augenärztin in ihrem Auto von Unbekannten erschossen worden. Tags darauf fand die Polizei in einem Haus in der 800 000-Einwohner-Stadt sechs gefesselte Leichen. Und jedes Wochenende sterben gleich mehrere Eigentümer von Taco-Buden oder Saftständen – oder geben ihr kleines Geschäft auf, weil sie das geforderte Schutzgeld nicht zahlen wollen. Oder nicht zahlen können.

In den 1950er und 1960er-Jahren stand Acapulco für Jetset und Sunset. Bilder von kühnen Klippenspringern, spektakulären Sonnenuntergängen und Promi-Tourismus gingen um die Welt. Elizabeth Taylor, Brigitte Bardot, John F. Kennedy, Frank Sinatra und natürlich „Tarzan“ Johnny Weissmüller verbrachten drei Flugstunden von Los Angeles entfernt hier ihre Ferien. Mehr als 200 Filme wurden in der Stadt gedreht. Später wuchsen die Hotelburgen um die Bucht. Jahrzehnte blieb Acapulco ein Sehnsuchtsort für Stars und ein Muss für Touristen aus aller Welt. Den Soundtrack dazu lieferten die Four Tops mit ihrem Hit „Loco in Acapulco“.

Verrückt in Acapulco. Das passt heute noch besser als vor 30 Jahren. Auch damals gab es schon Kokain und Kartelle, Heroin und Huren. Aber es war alles viele Nummern kleiner. Und die Reviere waren abgesteckt. Heute gibt es von allem zu viel. Zu viele Kartelle, zu viel Kraut und Stoff aller Art. Koks, Marihuana, Heroin, Amphetamine. Und vor allem zu viel Gewalt. Was es aber nicht mehr gibt: Promis und Glamour. An ihrer statt: Grauen satt.

Folglich bleiben auch die Urlauber weg. Vor allem die ausländischen Besucher zieht es schon seit Jahren immer spärlicher nach Acapulco. Es sind meist nur noch die einheimischen Touristen, die sich noch in die Stadt am Pazifik trauen. Sie sind nicht so geschockt von Gefechten auf offener Straße und Leichen am Strand. Seit Acapulco zum Schlachtfeld des Organisierten Verbrechens verkam, gehört die Stadt zu den tödlichsten Orten der Welt. 106 Morde pro 100 000 Einwohner werden hier verübt. In Deutschland liegt die Zahl bei rund einem Mord pro 100 000 Einwohner.

In der Urlaubermetropole ringen Reste des Beltrán-Leyva-Kartells mit dem „Unabhängigen Kartell vom Acapulco“ (CIDA) blutig um Routen und Reviere. Es geht um das Heroin, das in den Bergen des Bundesstaates Guerreros im Hinterland von Acapulco produziert wird, es geht um das Kokain, das aus Kolumbien kommt. Und es geht um einen Markt mit noch immer Tausenden Touristen und fast einer Million Einwohnern.

Verschärft wird der Konflikt noch durch das Kartell „Jalisco Nueva Generación“ (CJNG). Es ist eine Abspaltung des Sinaloa-Kartells von „El Chapo“ Guzmán. Das CJNG gilt inzwischen als die mächtigste, blutrünstigste und am stärksten expandierende kriminelle Organisation Mexikos, die möglichst überall alle kriminellen Geschäftszweige an sich reißen will. Gerade hat die US-Justiz das Rekord-Kopfgeld von zehn Millionen Dollar auf den Chef des CJNG-Kartells, Nemesio Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“ ausgelobt. Die US-Justizbehörden glauben, dass das CJNG eine der „fünf gefährlichsten transnationalen kriminellen Organisationen der Welt“ ist.

In Mexiko gilt „El Mencho“ schon seit 2015 als „Staatsfeind Nummer Eins“. Damals gelang es seinem Kartell ausgerechnet am 1. Mai, die Sechs-Millionen-Metropole Guadalajara mit brennenden Straßensperren sowie Angriffen auf Geschäfte und Sicherheitskräfte lahmzulegen. Den Verbrechern gelang es sogar, einen Militärhubschrauber abzuschießen, was vermuten lässt, dass das CJNG mit Kriegswaffen ausgerüstet ist.

Und seit die Verbrecherorganisation nun auch in Acapulco die Konkurrenz verdrängen will, ist die Gewalt förmlich explodiert.

Die Folgen für die Bevölkerung und das Geschäftleben der Stadt sind dramatisch. 3000 Restaurants, Hotels, Gemischtwarenläden und Betriebe haben nach Angaben der zuständigen Verbände aufgegeben. 80 Prozent der verbliebenen Geschäfte werden mit Schutzgelderpressungen bedroht. Restaurantinhaber und Hoteliers drohen damit, die Zahlung von Steuern zu verweigern, bis die Behörden endlich etwas gegen die Gewalt tun.

Ende September entschied Präsident Enrique Peña Nieto einzuschreiten. Er setzte das Militär und die Bundespolizei Richtung Acapulco in Marsch. Streitkräfte besetzten das Polizeihauptquartier, entwaffneten 800 Lokal-Polizisten, nahmen zwei Polizei-Offiziere unter dem Vorwurf fest, auf der Lohnliste des Organisierten Verbrechens zu stehen. Die örtlichen Polizisten werden nun einem Screening unterzogen, um herauszufinden, ob die Staatsdiener wirklich dem Staat oder doch eher einer der Mafia-Banden dienen.

Viel gebracht hat es bisher nicht. Weiterhin werden täglich Morde verübt, verschwinden jeden Tag Menschen. Dafür kommen noch weniger Touristen. Wer badet schon gerne im Meer, wenn am Strand schwer bewaffnete Soldaten patrouillieren.

Experten für Organisierte Kriminalität bezweifeln zudem den Nutzen der Militarisierung. „Man bekommt Ruhe zum Preis von Menschenrechtsverletzungen“, sagt Edgardo Buscaglia, Professor am der Columbia-Universität. Die Militärs verfolgten die schwächste Gruppe am Ort und richteten ihre Mitglieder hin. „Kurzfristig schafft man so zwar Ordnung, aber langfristig löst man so keine Probleme“, betont Buscaglia. Wirklich enden werde die Gewalt erst dann, wenn man die Verbindungen von Polizei und Politikern zum Organisierten Verbrechen kappt, die Wahlkampffinanzierung durch die Mafia unterbindet und mit Drogengeldern finanzierte Firmen schließt. „Dann entzieht man den Kartellen den Nährboden.“

So lange das nicht geschieht, steckt Mexiko weiter in einer schier unendlichen Spirale der Gewalt. Die Zahlen des laufenden Jahres deuten darauf hin, dass 2018 ein neuer trauriger Rekord erreicht wird. In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden 16 400 Menschen ermordet. Der Juli war der tödlichste Monat in Mexikos Geschichte mit 2599 Morden. Seit der Staat Ende 2006 den Kartellen den Krieg erklärte, sind 200 000 Menschen eines unnatürlichen Todes gestorben. 37 000 Menschen gelten zudem als vermisst.

Daher hat der künftige Präsident, Andrés Manuel López Obrador, einen Strategiewechsel im Kampf gegen das Organisierte Verbrechen angekündigt. Der Fokus solle weg vom Verhaften und Töten der führenden Köpfe der Kartelle, sagt sein designierter Sicherheitsminister, Alfredo Durazo. Nach dem Machtwechsel am 1. Dezember würden die Verbindungen der Kartelle in die legale Wirtschaft untersucht. Zudem werde mehr Augenmerk auf Prävention und Armutsbekämpfung gelegt. Für einfache Kämpfer der Kartelle könnte es eine Amnestie geben.

Den Hoteliers und Restaurantbesitzern in Acapulco wäre sogar das recht, wenn nur endlich die Gewalt endet. 60 Prozent Buchungsrückgänge haben die Hotels in diesem Sommer beklagt. Und nun haben die USA auch noch eine Reisewarnung ausgesprochen. Immer mehr Souvenirhändler und Barbetreiber geben auf. Nach Einbruch der Dunkelheit gleicht Acapulco in weiten Teilen einem verlassenen Ort. Von Tourismusmetropole weit und breit keine Spur.

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