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Die Boeing 737 rutscht nach der Landung eine Böschung hinunter und zerbricht in drei Teile. 

Flugzeugabsturz

Absturz in Istanbul: „Alles passierte in Sekunden“

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Die Bruchlandung einer Pegasus-Maschine in Istanbul wirft ein Schlaglicht auf die Flughafen-Probleme der Metropole.

In dem verunglückten Passagierflugzeug, das am Mittwochabend über die Landebahn des Istanbuler Flughafens Sabiha Gökcen auf der asiatischen Stadtseite rutschte und auseinanderbrach, saßen auch 22 nicht-türkische Ausländer. Das erklärte der Istanbuler Gouverneur Ali Yerlikaya am Donnerstag unter Berufung auf die Fluggesellschaft Pegasus. Drei Menschen kamen bei der Bruchlandung ums Leben. Die insgesamt 183 Menschen an Bord entgingen einer größeren Katastrophe nur knapp. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin hieß es zunächst, es gebe keine Erkenntnisse, nach denen sich Deutsche unter den Passagieren befunden hätten. Der Unfall, dessen Ursache offenbar stürmisches Wetter mit Starkregen war, wirft ein neues Schlaglicht auf Probleme der Istanbuler Flughäfen.

Am Mittwochabend war die in der Ägäisstadt Izmir gestartete Maschine des türkischen Billigfliegers Pegasus bei der Landung von der Piste abgekommen. Die Maschine habe „eine harte Landung“ hingelegt und sei dann 30 bis 40 Meter eine Böschung hinuntergerutscht, sagte der türkische Verkehrsminister Mehmet Cahit Turhan. Wie auf Fernseh- und Internetbildern zu sehen war, zerbrach das Flugzeug dabei in drei Teile. Passagiere kletterten durch einen Riss im Flugzeugrumpf und über eine Tragfläche ins Freie. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu hätten alle Überlebenden Verletzungen davongetragen, vier seien in einem kritischen Zustand.

Im türkischen Fernsehsender NTV berichtete der überlebende Passagier Dogus Bilgic, er sei als einer der ersten durch ein Loch im Flugzeugrumpf entkommen. „Wir fuhren etwa 20 oder 30 Sekunden auf der Landebahn, als wir plötzlich runterflogen“, sagte der 24-Jährige, dessen Bein gebrochen war. „Alles passierte in Sekunden.“ Laut NTV hat der Tower die Piloten bei der Landung vor starkem Rückenwind gewarnt. Anadolu berichtete am Donnerstag, die Staatsanwaltschaft in Ankara habe Ermittlungen gegen die beiden verletzten Piloten wegen „fahrlässiger Tötung und Verletzung von mehr als einer Person“ eingeleitet. Einer der Piloten sei leicht verletzt worden, der andere schwer. Sie würden nach Abschluss ihrer ärztlichen Behandlung als Verdächtige befragt.

Unterdessen erklärte der Pegasus-Generaldirektor Mehmet Tevfik Nane, dass die Black Boxes der Maschine gesichert worden seien. „Alle unsere Piloten sind angehalten, kein Risiko einzugehen, einen stabilen Anflug zu machen, die Landung auf der Landebahn bei einem Risiko abzubrechen und erforderlichenfalls zu einem anderen Flughafen weiterzufliegen“, sagte er. Die Billig-Airline Pegasus existiert seit 20 Jahren, verfügt über eine Flotte von 83 Flugzeugen und fliegt auch zahlreiche Ziele in Deutschland an.

Nach der Bruchlandung wurde der Airport Sabiha Gökcen zunächst geschlossen, Flüge storniert oder zum neuen Flughafen Istanbul umgeleitet. Am frühen Donnerstagvormittag wurde der Flugverkehr wieder aufgenommen.

Wer häufiger nach Istanbul fliegt, kennt die Probleme mit den gefürchteten Scherwinden vom Schwarzen Meer oder dem massiven Nebel über der Stadt. Die Landungen sind des Öfteren wacklig und rauh. Doch wies die Nachrichten-Website „Odatv“ auf eine Erklärung des Verkehrsministers Turhan vom Vortag hin, in der es hieß: „Der Flugverkehr in Istanbul wird immer stärker, aber wir haben nur eine Landebahn am Flughafen Sabiha Gökcen. Diese Landebahn ist sehr abgenutzt, und wir führen fast jede Nacht, wenn keine Flüge stattfinden, Wartungsarbeiten durch.“

Hinzu kommt, dass Sabiha Gökcen seit der Schließung des alten Atatürk-Airports und der Eröffnung des neuen Istanbuler Großflughafens am Schwarzen Meer im Frühjahr 2019 einen enormen Passagierzuwachs verzeichnet. Viele Fluggäste bevorzugen den kleineren Airport, da er näher am Stadtzentrum liegt und bisher als sicherer galt. Der Großflughafen leidet unter Problemen der Bauqualität und von Umweltfaktoren wie Vogelschlag, Starkwinden und Nebel.

Infolge dieser Entwicklung stiegen die Passagierzahlen von Sabiha Gökcen 2019 um 20 Prozent, was vor allem der von dort operierenden Fluggesellschaft Pegasus zugute kam. Dieser Aufschwung ist der türkischen Zivilluftfahrtbehörde offenbar ein Dorn im Auge. Um den neuen Großflughafen zu stärken und die halbstaatliche Fluglinie Turkish Airlines zu bevorteilen, habe sie entschieden, keine zusätzlichen Flugstrecken ab Sabiha Gökcen zu genehmigen, berichtete die türkische Oppositionszeitung „Cumhuriyet“ Mitte Januar. Nach der Bruchlandung stellten Nutzer in sozialen Medien jetzt die Frage, ob unter dieser Politik nun auch die Sicherheit leide?

Am Sabiha-Gökcen-Flughafen war erst am 7. Januar ein Pegasus-Flugzeug von derselben Landebahn abgekommen, bei dem Vorfall konnten alle 164 Passagiere sicher aus der Maschine gebracht werden. Eine weitere Pegasus-Boeing-737 war im Januar 2018 auf dem Flughafen der Schwarzmeerstadt Trabzon von der Landebahn gerutscht und beinahe ins Meer gestürzt. In beiden Fällen wurde schlechtes Wetter als Unfallursache genannt. „Pegasus ist für ihre günstigen Tarife bekannt, aber es wäre unfair, sie deswegen als unsicher zu bezeichnen“, zitierte der arabische Sender Al-Dschasira einen Luftfahrtexperten. „Aber nachdem diese Fluggesellschaft zum zweiten Mal in nur vier Wochen eine Maschine durch Abrutschen von der Landebahn verliert, werden jetzt sehr ernsthafte Fragen gestellt werden.“

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