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Im Herzen ist Christian Lorenz noch ein Punk, umso mehr bringen ihn seine Kinder auf die Palme, wenn die Lady Gaga aufdrehen.

Flake Lorenz

"Der absolute Ausnahmezustand wird zum Alltag"

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Rammstein-Keyboarder Flake Lorenz über Rockmusik als Beruf, seine Jugend als Ost-Punk und warum es nicht schlimm wäre, wie Tokio Hotel zu enden.

Er stellt sich immer noch mit seinem selbst gewählten Vornamen vor. „Hallo. Flake.“ Also per Du. Dabei gehört er ja nicht nur zu einer der seit Jahren weltweit bekanntesten Rockbands, er ist inzwischen auch Autor des nun schon zweiten, erneut autobiografischen Romans, und außerdem ja auch schon 50. „Jetzt sprechen mich die Leute sogar mit Sie an“, stellt er in seinem neuen Buch erstaunt fest, „außer die Verkäuferinnen im Osten.“ Von denen hat dafür neulich eine „junge Frau“ zu ihm gesagt. Da hat Flake sich dann endlich den Zopf abgeschnitten.

Schau mal, dieses Buch habe ich gerade im Wühltisch der Bibliothek gekauft, direkt gegenüber vom Rammstein-Hauptquartier: „1000 Orte, die Sie sehen müssen, bevor Sie sterben“ ...
Ach, cool, in dieser Bibliothek für Rentner? Klar, dass die das loswerden wollten. 

In deinem neuen Buch, „Heute hat die Welt Geburtstag“, schreibst du auch über viele der Orte, die du auf den unzähligen Rammstein-Touren besucht hast. Welche willst du noch sehen, bevor du stirbst?
Das ist zwiespältig bei mir: Eigentlich bin ich am liebsten in Berlin. Wenn andere vom Auswandern schwärmen, Neuseeland oder so, denk ich immer: Wat soll ick da? Wenn ich mit der Band auf Tour bin, interessieren mich woanders die ganz normalen Wohnviertel viel mehr als die Sehenswürdigkeiten.

 
Aber du erzählst doch, du hast extra darum gebeten, dass ihr nicht immer in Hotels am Stadtrand absteigt.
Früher mussten wir ja sparen und haben immer außerhalb gewohnt oder gleich im Bus neben der Halle geschlafen. Da war ich viermal in Chicago und nie in der Stadt. Später wollten wir aber auch mal was von der Stadt sehen, in der wir spielen. 

Hast du in deinem ersten Buch vor zwei Jahren Rammstein nur angetippt, um nun im zweiten über die Band auszupacken?
Nein. Beim ersten Buch habe ich einfach aufgeschrieben, was mir durch den Kopf geht, wenn ich so auf mein Leben zurückblicke. Rammstein hätte da den Rahmen gesprengt. Dieses Mal wollte ich noch ein paar Gedanken und Geschichten nachschieben und habe dafür die Band als Hintergrund genommen. Profisportler bin ich nun mal nicht. Aber Fans dürfen auf keinen Fall ein Rammstein-Informationsbuch erwarten.
 
Sondern?
Es geht darum, wie ich das alles sehe und was ich daraus gelernt habe. Dass es scheißegal ist, ob man irgendeinen Preis kriegt oder berühmt ist. Wenn man ein glückliches Leben führen will, ist Erfolg oder Bekanntheit der unwichtigste Punkt.
 
Der Schreibstil wirkt wieder sehr assoziativ ...
Ja, ich habe es genauso aufgeschrieben, wie es jetzt im Buch steht. Wenn mir später etwas einfiel, was vorn hingehört hätte, habe ich es einfach hinten erzählt, statt es vorn einzufügen. Der Lektor hat nur noch etwas gekürzt. Er fand, manches sollte ich besser meinem Frisör erzählen.
 
Woher kam der Impuls, neben der Musik auch zu schreiben?
Meine glücklichsten Momente als Kind waren die, als ich mich irgendwo hingehockt und Jack London gelesen habe oder Erich Kästner. Die Idee, selbst etwas zu schreiben, hat mich schon immer fasziniert. Ich hatte nur zu viel Ehrfurcht, weil ich Autoren immer für Sprachkünstler hielt und selbst ein ziemlich schlechtes Deutsch habe. Und nicht so viel zu sagen.
 
Kannst du dir nicht vorstellen, dass man Fan von Flake ist, aber nicht von Rammstein?
Ja, dit gibt’s. Wobei der normale Fall ist, dass man die Musik gut findet und die Bücher totalen Quatsch.

Es könnte daran liegen, dass du als Keyboarder von Rammstein der schräge Vogel zwischen all den bösen Muskelmännern bist. Der Flake-Fan liebt vielleicht das Anarchische und Authentische an dir – wozu besser die Musik passt, die du mit der berüchtigten DDR-Punkband „Feeling B“ gespielt hast: Jungs, die sich einfach auf die Bühne stellen und loslegen – und die es schaffen, die erste Punk-LP der DDR rausbringen zu dürfen, dann aber auch im Tonstudio und bei den Texten immer nach Garage und improvisiert klingen. Rammstein ist das Gegenteil: kalkuliert, inszeniert, durchkomponiert – Kunst, auch im Sinne von künstlich.
Ich finde Rammstein sehr authentisch. Mehr noch als Feeling B. Damals haben wir uns oft keine große Mühe gegeben. Rammstein ist sehr professionell, aber trotzdem echt. Wir machen nichts, was wir nicht machen wollen und tun keine Dinge, die gerade modern oder „gefragt“ sind. Das merkt das Publikum. 

Du schreibst nun, „Es gehört sozusagen zu meiner Figur auf der Bühne, dass ich etwas anders aussehe“ als die anderen. Klingt nicht authentisch, eher wie eine Besetzung im Theater.
Nein, ich verhalte mich ja so auf der Bühne, wie es mir vom Wesen her entspricht. Überspitzt, klar. Aber ich tue nicht so, als wäre ich ein böser Metal-Typ. Privat höre ich gar nicht so viel Metal. Ich hab nur gemerkt, dass die Musikrichtung gar nicht das Entscheidende ist. Verwirklichen kann man sich, wenn die Konstellation zwischen den Menschen stimmt.
 
Du sinnierst auch darüber, dass es oft Zufall ist, welche Musik man als Jugendlicher hört – und welche Richtung daraufhin das ganze Leben nimmt. Wann ist dir bewusst geworden, dass ihr mit Feeling B einen Teil einer ganzen Generation DDR-Jugendlicher geprägt habt?
Wie einen Bands prägen können, habe ich bei mir selbst gemerkt, mit Suicide, Sisters of Mercy und Sex Pistols sowieso. Ich habe damals die Ostberliner Punks sehr bewundert, die auf der Straße rumgepöbelt haben, keine Angst hatten und die sogenannten Spießer angeschrien haben: „Ihr Nazis.“ Die Spießer haben dann geschrien „Vergessen zu vergasen“ oder so. Das war so ein ganz klarer Kampf, wo man sich eindeutig positionieren konnte. Ich habe mir dann in der Garderobe der Lehrlingswerkstatt Ohrlöcher stechen lassen und da selbst gebastelte Ohrringe reingeballert. Ich dachte, die ganze Stadt guckt mich an. In Wahrheit nahm keiner Notiz von mir, aber ich hielt mich für den Verrücktesten im ganzen Kiez. Dieses Gefühl trägt einen dann durch den ganzen Tag.

Ist das eine Lebenseinstellung, von der etwas erhalten bleibt, egal wie alt man ist?
Ich denke schon. Es ist natürlich schwer, ein Leben lang Punk zu spielen. Also die Musik und auch die Rolle. Aber manche Sachen sieht man noch punkig. Würde man wohl auch, wenn es keinen Punk gegeben hätte. Rammstein ist keine Punk-Band. Aber bei uns einzelnen Menschen in der Band steckt noch in vielen Punk drin, weil wir alle durch Punk sozialisiert wurden.

Gleichzeitig beschreibst du, dass man irgendwann diszipliniert werden muss, wenn die Band Ausmaße eines mittelständischen Unternehmens annimmt. Der Widerspruch des Berufsmusikers, für den der Rock zur Arbeit geworden ist?
Mit diesen Widersprüchen setze ich mich jeden Tag auseinander. Disziplin zeigt einfach Respekt den anderen gegenüber, dass man pünktlich ist zum Beispiel. Wenn man einen Qualitätsanspruch an die Musik hat, muss man sich Mühe geben. Das ist einfach so. Da muss man auch den ganzen Tag proben. Das Punkige erreicht irgendwann seine Grenze. Mit Feeling B hatten wir unseren Zenit erreicht und konnten nicht mehr besser werden, indem wir es einfach laufen ließen. Das war unbefriedigend für uns.
 
Wer in der DDR durch Feeling B zum Punk wurde, hat vielleicht nie wieder völlig angepasst gedacht. Aber wohin führt Rammstein?
Durch die Wende hat sich das Feindbild geändert. Im Osten war das schön einfach: „Die da oben“ waren die Bonzen und alles Steife, Starre – da konnte man gut dagegen sein und „Scheiß Osten“ rufen. Nach der Wende war es schwierig, so einen einfachen Feind zu finden. Rammstein spricht in jedem Lied ein anderes Thema an. Am Ende geht es meistens um die Menschen an sich. Das kann man nicht mehr auf eine Jugendaussage beschränken. Da nimmt sich jeder für sich was raus. Was alle am Ende eint, ist der Wunsch, sich mit etwas identifizieren und von den Eltern abgrenzen zu können. Dafür braucht es harte Musik.

Kein Jugendlicher wird sich mit Schlager von den Erwachsenen abgrenzen wollen.
 
Außer Papa spielt bei Rammstein. Oder wie grenzen sich deine Kinder ab?
Stimmt, das machen die mit Hitradio, wie heißt es ... Energy! Und da rege ich mich wirklich auf! Da ist Lady Gaga noch das Beste. Diese Dancemusik und solcher Quatsch, das macht mich natürlich fertig. Damit rebellieren sie sehr gut gegen mich!
 
Wenn das Buch darauf hinaus will, dass es auf Erfolg nicht ankommt – oder wie du früher andersherum gesagt hast: Kunst darf man nicht machen müssen, um ein Eigenheim abzuzahlen ...
So’ne Sprüche sagt man halt als Halb-Punk ...
 
Wie ist es denn, wenn man mehr als 20 Jahre in einer so erfolgreichen Band spielt? Man kann ja nicht ausblenden, dass es da eine riesige Erwartungshaltung gibt.
Da passiert etwas ganz Seltsames: Das Besondere, der absolute Ausnahmezustand, wird zum Alltag. Damit stellt sich das ganze Leben auf den Kopf. Man muss lernen Distanz aufzubauen zwischen dem, was man macht und dem, was man ist.
 
Wie das?
Indem man ein normales Leben führt, wenn man nicht auf der Bühne steht. Nicht dann auch noch auf Rock zu machen.
 
Aber wozu dann das Ganze? In einer schönen Passage beschreibst du zum Beispiel, wie eurer Gitarrist Paul, der zu Ostzeiten die Gitarre in einer Plastiktüte trug, heute das gute Leben auszukosten weiß. Du lebst heute im gleichen Kiez wie zu DDR-Zeiten. Wolltest du nie die Vorzüge mitnehmen?
Ach, wir sind wohl zu alt, um auf dieses ganze Protzen und Luxusleben noch reinzufallen. Das ist ja nur ein Zeichen von innerer Unsicherheit oder mangelnder Bildung. Wer kauft sich schon eine Villa, nur weil er es kann?

Und wohin dann mit all dem Geld?
Kann ich dir genau sagen: in die Bühnenshow. Nur deshalb sind wir in der Lage, so große Shows auf der ganzen Welt zu spielen: Weil wir keine Angst davor haben, das alles zu bezahlen. Danach bleibt nicht mehr viel übrig.

Apropos ganze Welt: In Deutschland wurde Rammstein vom Geheimtipp zum Mega-Act, als ihr im Ausland erfolgreich geworden seid. Damals habt ihr sogar lieber im Ausland getourt. Bleibt das so?
In Deutschland wird man viel mehr hinterfragt. Die Deutschen sind an sich ein bisschen, na ja – sagen wir so: Auch ABBA galten in Schweden als Landesverräter. Die hat da niemand gehört, weil sie so viel in der Welt herumfuhren. So geht es uns nicht. Aber auch wir werden im Ausland einfach anders aufgenommen. Ich fürchte, das bleibt auch so. Dass die Deutschen sich entspannen, ist eine Entwicklung, die ich eher nicht voraussehe.
 
Immerhin zählt Rammstein inzwischen zu den bekanntesten Marken made in Germany. Wenn du schreibst: „Als ich mal in Ägypten war und erklärte, dass ich aus Deutschland komme, riefen mir die Leute sofort begeistert Beckenbauer und Sauerkraut hinterher“ – rufen sie nicht inzwischen eher Rammstein und Sauerkraut?
Eigentlich riefen sie ja Sauerkraut und Hitler, aber ich wollte nicht zu oft Hitler im Buch stehen haben. Es wäre natürlich unser Traum, dass wir Hitler durch Rammstein ersetzen können.
 
Eine Zeit lang ging es so auch Tokio Hotel. Die sind heute fast vergessen. Hast du Angst, dass ihr auch euren Zenit überschreitet, ohne es zu merken?
Die Gefahr besteht. Bei jeder Band, auch bei uns. Aber es ist sinnlos, ständig darüber nachzudenken, womit man Erfolg hat oder nicht. Wenn man das Tokio-Hotel-Schicksal teilt, ist es eben so. Wir machen einfach eine Platte, wenn wir Lust haben. Jetzt gerade ist es so weit, und es wird eine sehr gute neue Platte. Die erscheint vielleicht nächstes Jahr – und entweder gefällt sie den Leuten oder nicht. Ob es zu lange gedauert hat, frage ich mich nicht. Man kann ja nicht ständig neue Platten rausbringen! Es gibt schon so viel schlechte Musik auf der Welt, da hört man die gute schon jetzt kaum noch raus.
 
Interview: Steven Geyer

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