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Und was kommt jetzt? Wenn auch die letzte Flasche am 35. ausgetrunken ist, geht es bei vielen Menschen heute erst so richtig los.

Bevölkerungsforschung

„Abschied vom Normallebenslauf“

Bisher wurde nur wenig zur Lebensspanne zwischen Kind und Rente geforscht. Nach dem 35. Geburtstag ist meist Schluss.

Herr Sulak, Ihre Studie füllt eine Lücke, denn die mittlere Lebensphase ist kaum erforscht worden. Gibt es dafür eine Begründung?
Viele Studien konzentrieren sich bisher auf die Phase des Berufseinstiegs und der Familiengründung, welche auch heute noch mehrheitlich vor dem 35. Lebensjahr erfolgen. In dieser Lebensphase werden viele Entscheidungen getroffen, die den weiteren Lebenslauf stark beeinflussen und in der zwischen den einzelnen Entscheidungen starke Wechselwirkungen bestehen. Nach dieser Phase, also etwa ab 35, gab es lange Zeit für die sehr große Mehrheit der Bevölkerung kaum beziehungsweise nur geringe Veränderungen. Dies hat sich in letzter Zeit vermehrt verändert und diese Lebensphase gestaltet sich bei der Bevölkerung zunehmend heterogener, Lebensereignisse verschieben sich in ein höheres Alter beziehungsweise treten inzwischen vermehrt auf und der Lebenslauf in dieser Phase ist häufiger nicht mehr nur geradlinig. Vor diesem Hintergrund sollte diese Lebensphase zukünftig stärker in den Fokus der Forschung rücken.

Die These Ihrer Studie lautet: Alle großen Fragen – Beruf, Partner, Kinder – sind mit 35 Jahren entschieden. Wie passt das damit zusammen, dass die Eheschließung immer später erfolgt?
Das durchschnittliche Erstheiratsalter lag 2016 für Frauen bei 31,7 Jahren, für Männer bei 34,2 Jahren. Erstmalige Eheschließungen nach dem 35. und vor dem 60. Lebensjahr finden bei rund 19 Prozent der Männer und rund zwölf Prozent der Frauen statt. Das bedeutet einerseits eine deutliche Zunahme in den letzten 20 Jahren, andererseits aber auch, dass es weiterhin nur einen kleineren Teil der Bevölkerung betrifft.

Auch die Zahl der „späten Mütter“, die ihre Kinder jenseits der 40 bekommen, steigt.
Im Hinblick auf die Geburten waren Mütter 2016 bei der Geburt ihres ersten Kindes 29,6 und bezogen auf alle geborenen Kinder im Durchschnitt 31,0, Männer im Durchschnitt 34,5 Jahre alt. Auch wenn heute immerhin zwölf Prozent aller Frauen nach dem 35. Lebensjahr ihr erstes Kind gebären, stellen auch diese Frauen in Bezug auf die betrachtete Bevölkerung weiterhin eine – wenn auch stark zunehmende – Minderheit dar.

Das alte Rollenmuster, der Mann ist der Verdiener, die Frau arbeitet allenfalls Teilzeit und kümmert sich ansonsten um die Familie, dominiert bei den 35- bis 59-Jährigen. Wundert Sie das?
Das Ergebnis spiegelt einerseits die Einstellung der Bevölkerung – vor allem in Westdeutschland – in Bezug auf die Rolle der Mutter, andererseits aber auch die Rahmenbedingungen für die Erwerbstätigkeit von Frauen wider. So zeigt ein auch in der Studie dargestellter Befund zu den Einstellungen die deutlichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Während jeder Zweite aus Ostdeutschland die Nutzung von Kinderbetreuungseinrichtungen als Möglichkeit zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ansieht, sind es in Westdeutschland nur halb so viele. Hier wird, neben flexiblen Arbeitszeiten, häufiger die Einschränkung der Erwerbstätigkeit als eine Möglichkeit zur Vereinbarkeit genannt. Auch eine unzureichende Infrastruktur wird – trotz des Ausbaus der Betreuungseinrichtungen in den letzten Jahren – von einem Teil der Frauen als Grund für die Teilzeitarbeit genannt. Nicht zuletzt hatte auch die eingeschränkte Möglichkeit der Arbeitszeiterhöhung von Teilzeit auf Vollzeit bei Frauen mit älteren Kindern Einfluss. Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse zu den Erwerbsmustern von Müttern nicht sehr überraschend.

In der Generation der sogenannten Babyboomer, also der heute etwa 50- bis 60-Jährigen, drängten erstmals verstärkt Frauen ins Gymnasium und in die Universitäten. Schlägt sich das auch in den Studienergebnissen nieder?
Diese Entwicklung schlägt sich tatsächlich in den Ergebnissen nieder. In den letzten 20 Jahren war insgesamt eine durchgehende Zunahme des Bildungsniveaus der Personen im mittleren Erwachsenenalter – also zwischen 35 bis 59 Jahren – zu beobachten, wobei die Zunahme bei Frauen deutlich stärker war als bei Männern. Dies ist die Folge der Alterung der Jahrgänge mit niedrigerem Schulabschluss und der höheren Abschlüsse der nachfolgenden Jahrgänge im mittleren Erwachsenenalter. Inzwischen haben rund 33 Prozent der Frauen in dieser Lebensphase das Abitur und damit fast so viele wie Männer mit 35 Prozent. In der Altersgruppe 35 bis 44 Jahre besitzen sogar rund 43 Prozent der Frauen die Fachhochschulreife oder Hochschulreife und bei den Männern rund 40 Prozent, womit in dieser Altersgruppe inzwischen mehr Frauen als Männer ein Abitur vorweisen.

Laut Ihrer Studie sind Menschen im mittleren Lebensalter besonders unzufrieden …
Die Forschung zeigt, dass die Zufriedenheit im Lebensverlauf einen etwa U-förmigen Verlauf hat. Nach einem Zufriedenheitshoch im Alter von etwa 20 Jahren sinkt die Lebenszufriedenheit schrittweise bis zum Alter von etwa 45 Jahren, steigt danach jedoch wieder an und erreicht um das Renteneintrittsalter herum ein erneutes Hoch. In der Lebensphase des mittleren Erwachsenenalters findet sich also ein Zufriedenheitstief, womit sich die Existenz der sogenannten Midlife-Crisis in der empirischen Glücksforschung bestätigt.

Und wie ist das zu erklären?
Erklärt wird diese Entwicklung damit, dass in den frühen Jahren Entscheidungen im Hinblick auf Beruf, Partnerschaft und Kinder getroffen wurden, die möglicherweise im weiteren Lebensverlauf nicht mehr das halten, was man sich von diesen erwartet beziehungsweise versprochen hat. Eingegangene Verpflichtungen sind in diesen Lebensjahren nicht leicht aufzukündigen, was Frust hervorrufen kann.

Und warum kommt es dann trotzdem wieder zu einem Hoch?
Im weiteren Lebensverlauf neigen die Menschen zu mehr Gelassenheit und Akzeptanz der Lebensverhältnisse, was die Zufriedenheit wieder erhöht. Beim Übergang in den Ruhestand entdecken die Menschen heute dann neue Möglichkeiten und sind oft glücklicher als in der Lebensmitte. In den späten Lebensjahren, etwa ab 70 bis 75, ist ein erneuter Rückgang der Zufriedenheit zu erkennen. Diese Zeit ist oft von zunehmender Einsamkeit und starken körperlichen Einschränkungen geprägt.

Welche Schlüsse sollte die Politik aus Ihren Ergebnissen ziehen, etwa hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Der demografische Wandel und die fortschreitende Geschlechtergerechtigkeit werden in Zukunft auch die Phase des mittleren Erwachsenenalters weiter verändern. Trotz der Veränderungen in den letzten Jahren sind viele Organisationen noch immer auf die traditionelle geschlechtliche Arbeitsteilung ausgerichtet. Eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre wird es sein, die Trägheit dieser Organisationen zu überwinden und der wachsenden Vielfalt institutionell und kulturell mehr Raum zu geben. Nicht nur in Bezug auf die Familie, sondern auch in Bezug auf den Lebenslauf insgesamt geht es um den Abschied von der Leitidee des „Normallebenslaufs“. Es muss vermehrt von wechselnden Lebensumständen mit unterschiedlichen Anforderungen und Möglichkeiten ausgegangen und diese müssen besser in die Abläufe und Strukturen gesellschaftlicher Institutionen integriert werden.

Was muss sich dafür ändern?
Konkret wird es insbesondere darum gehen, den Doppelprozess einer stärkeren Integration von Müttern in das Erwerbsleben und von berufstätigen Vätern in das Familienleben zu gestalten. Politische Programme zur Unterstützung dieses Doppelprozesses fordern Maßnahmen wie eine Qualitätsoffensive für öffentliche Kinderbetreuung in allen Altersstufen sowie nachfrageorientierten Ausbau in den alten Bundesländern, damit vor allem Mütter guten Gewissens mehr als nur Teilzeit arbeiten können und ihre Kinder dabei gut versorgt wissen.

Und was muss sich entsprechend gesellschaftlich verändern?
Wichtig ist eine Neubewertung des Stellenwerts und der Wichtigkeit der Familienarbeit im Vergleich zur bezahlten Arbeit, verbunden mit dem weiteren Ausbau familienbewusster Arbeitsmodelle, gerade und besonders auch für Väter. Es wurde hier in der Vergangenheit manches erreicht, aber wir sind in Deutschland noch weit davon entfernt, uns mit dem Erreichten zufriedengeben zu können. Zu Maßnahmen zur weiteren Flexibilisierung der Arbeitsorganisation wie Job-Sharing, Telearbeit, Home Office, freie Skalierbarkeit der Arbeitsvolumen und besprechungsfreie Zeiten ist auch ein Wandel der Unternehmens- und Führungskultur anzustreben, etwa die Abkehr von der Präsenzkultur und die Erweiterung der Angebote an Lebensarbeitszeitmodellen.

Es deutet sich also ein tiefgreifender Wandel an …
Es kann erwartet werden, dass das Thema Vereinbarkeit künftig nicht mehr primär auf die Phase mit kleineren Kindern beschränkt bleiben wird. Gerade für ältere Beschäftigte wird auch die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf stärker in den Vordergrund rücken, wofür die bisher bestehenden Pflegezeitregelungen auszubauen sind. Auch kann erwartet werden, dass das Thema Vereinbarkeit künftig nicht mehr wie bisher hauptsächlich als Frauenthema behandelt werden kann.

Interview: Angelika Dürbaum

Zur Person

Sulak Harun ist Diplom-Volkswirt und beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden tätig

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