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Aufrecht stehen und lachen: Barbaros Sansal hatte in Istanbul einen Chauffeur ? in Brüssel nutzt er den öffentlichen Nahverkehr.

Abschied von der Heimat

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"Auch Geld bietet keinen Schutz mehr", sagt Barbaros Sansal. Der türkische Modemacher erinnert sich an eine freie und liberale Zeit in seinem Heimatland. Inzwischen wurde er dort zum "Freiwild" erklärt und muss um sein Leben fürchten. Nun startet er einen Neuanfang in Belgien.

Es ist nicht lange her, da jährte sich erstmals der furchtbare Vorfall, der Barbaros Sansal fast das Leben gekostet hätte. Am 2. Januar 2017 war der bekannte türkische Modedesigner auf dem Atatürk-Flughafen von Istanbul von einem aufgehetzten Mob attackiert worden. Man hatte ihn aus dem türkisch besetzten Nordzypern deportiert, wo er Silvester gefeiert und eine wütende Mitteilung an seine rund 300 000 Follower auf dem Kurznachrichtendienst Twitter geschickt hatte: „Ersticke an deiner Scheiße, Türkei!“. Regierungsnahe Medien hatten ihn daraufhin zum Freiwild erklärt. „Der Verräter soll büßen“, schrieb ein Zeitungskolumnist. Auf dem Rollfeld erwartete den Modemacher eine Gruppe bewaffneter Schläger, die seinen Kopf mehrfach auf den Betonboden schlugen.

„Sie wollten mich lynchen und hätten es beinahe geschafft“, erzählt Barbaros Sansal beim Treffen in einem Café der belgischen Hauptstadt Brüssel, seiner zweiten Heimat. Er spricht schnell und gestikuliert dabei mit den Armen, die Erlebnisse sind ihm noch sehr nah. Im Gefängnis hat er ein Buch darüber geschrieben mit dem Titel „Lynch“, das in der Türkei ein Bestseller ist und gerade ins Niederländische übersetzt wird. Vier Zähne haben ihm die Angreifer damals ausgeschlagen, Sansal hat sie ersetzen lassen. Die äußeren Wunden sind vernarbt, aber die Verletzungen im Innern, sie heilen nur langsam.

„Seit jenem Tag verabschiede ich mich jeden Tag ein Stück mehr von der Türkei. Mein Leben ist dort in Gefahr“, sagt der 60 Jahre alte, deutlich jünger wirkende Mann, der gern redet und lacht. Gerade hat er seine Modefirma von Istanbul nach Brüssel transferiert und hier registrieren lassen, um als ausländischer Investor offizielles Bleiberecht in Belgien zu erhalten. Seine Istanbuler Häuser stehen zum Verkauf, die Zahl der Firmenangestellten hat er von 27 auf sechs reduziert.

Barbaros Sansal war der Couturier für die First Ladies seines Landes, er hat das Brautkleid für Elif Sözen, die türkische Schwiegertochter des früheren deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl entworfen. Seine Kleider wurden auf Modeschauen in Paris, London oder Tokio gezeigt. Er ist befreundet mit bekannten Modeschöpfern wie Jean-Paul Gaultier, auch den verstorbenen Alexander McQueen kannte er gut. Er ist ein Aushängeschild der Türkei, er liebt sein Land, aber er leidet fast körperlich unter der autokratischen Herrschaft des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen islamistischer Regierungspartei AKP. „Mein Land geht vor die Hunde“, sagt er.

Das Leben für Menschen, die Erdogan kritisch gegenüberstehen, wird in der Türkei immer bitterer. Seit dem gescheiterten Militärputsch vom Juli 2016 wurden Zehntausende ohne echte Beweise inhaftiert oder aus dem Staatsdienst entlassen, die Opposition und freie Medien weitgehend ausgeschaltet. Viele säkulare Intellektuelle, Oppositionspolitiker oder Journalisten haben bereits ihre Heimat verlassen. „Jetzt geht auch die alteingesessene Bourgeoisie. Denn auch Geld bietet keinen Schutz mehr“, sagt Barbaros Sansal. Das letzte Alarmsignal für die säkularen Reichen und Schönen war die Verhaftung des Multimillionärs und Philanthropen Osman Kavala vor drei Monaten.

Erdogans Anhänger hassen Sansal

Sansal hat sich in einem Brüsseler Vorort ein kleines Haus gemietet. Nicht im Zentrum, denn dort kann er sich nicht sicher fühlen, zu nah sind die Migrantenviertel, zu groß die Gefahr, dass ihn türkische Nationalisten angreifen. Belgische Minister hätten ihn dazu ermuntert, politisches Asyl zu beantragen, sagt er. „Aber die Türkei ist meine Heimat. Ich habe sie auf der ganzen Welt immer mit Stolz vertreten, auch wenn ich dafür keine Anerkennung bekam. Asyl wäre nur das allerletzte Mittel, wenn ich gar keinen anderen Ausweg mehr sehe.“

Bald könnte es soweit sein. Die Anhänger Erdogans hassen ihn abgrundtief, weil er alles verkörpert, was sie mit jenem Teil der Türkei identifizieren, der ihnen zuwider ist. Sansal ist säkular, gebildet, reich – und bekennend schwul, was in der Türkei nicht verboten, aber trotzdem gefährlich ist. Er ist ein Weltbürger, der neben Türkisch und Englisch auch Französisch und Deutsch spricht. Ein Modemacher, der sich in die Politik einmischt. Ein erklärter Atheist und Sozialist. In der regierungsnahen Presse erscheinen deshalb Artikel, die ihn als „Ungläubigen“ und Verräter am „Mutterland“ schmähen. „Ich bin für sie der ‚Andere‘ schlechthin“, sagt er.

Tatsächlich aber reichen Sansals türkische Wurzeln tief. Sein Vater stammt aus einer alten osmanischen Dynastie, seine Mutter aus einer Familie reicher Arzneimittelproduzenten. Wenn er von seiner Kindheit erzählt, entfaltet sich eine prächtige, verfeinerte Welt, die praktisch nichts mit dem Alltag in typisch türkischen Nachbarschaften zu tun hat. Barbaros Sansal ist der Zweitgeborene von vier Kindern, die alle „verschiedene Väter oder Mütter“ haben, was in der alten türkischen Oberschicht nicht selten ist. Seine Mutter war vier Mal, sein Vater fünf Mal verheiratet. „Im Grunde umfasst die alte Elite rund 6000 Personen, die sich alle mehr oder weniger untereinander kennen“, sagt der Modemacher. Man wohnte am Bosporus, schickte den Nachwuchs auf die besten Schulen – Barbaros Sansal besuchte das deutsche Gymnasium in Istanbul -, man hatte Hausangestellte und feierte glanzvolle Feste. Der Junge schlug allerdings ein wenig aus der Art. „Jede Familie hat ein schwarzes Schaf“, kommentiert er dies lächelnd.

Als Spleen betrachtet wurde noch das Interesse des Siebenjährigen für Mode, als er der Großmutter zur Hand ging, die Kleider für die Frau des Ministerpräsidenten Ismet Inönü nähte. Doch schon mit 13 Jahren trieb er sich in den verrufenen Gassen und Bars des Innenstadtviertels Beyoglu herum, in denen Männer nach Strichern Ausschau hielten. „Damals erlebte ich mein Coming Out. Bis zur Mitte der 70er Jahre gab es ein vitales schwules Leben in Istanbul, Männer konnten Hand in Hand auf der Straße laufen.“ Sansal spricht von seinen zahlreichen Liebhabern, darunter Politiker und Künstler. „Es war eine freie, liberale Zeit, wie wir sie nie wieder erlebten.“ Andererseits seien die Türken ein schizophrenes Volk, das zwar Schwule verachte, aber gleichzeitig Transvestiten und Transsexuelle verehre wie seinen verstorbenen Freund, den berühmten Sänger Zeki Müren. „Selbst im Kreis um Sultan Erdogan finden sich Homosexuelle.“

Mitte der Siebziger Jahre ging es mit der Liberalität zu Ende. In Istanbul tobten Straßenkämpfe zwischen Linken und Rechten, die Islamisten erhoben ihr Haupt, die Sicherheitskräfte reagierten mit Gewalt. „Ich war ein politischer Wirbelwind. Jeden Tag waren Demonstrationen, und ich war immer dabei.“ Eines Tages entführten ihn drei Polizisten, weil er Ohrringe und lange Haare trug, rasierten ihm den Kopf und vergewaltigten ihn. „Es war entsetzlich.“

Damals hatte Sansal begonnen, in Istanbul Betriebswirtschaft zu studieren und arbeitete bereits für bekannte Modeschöpfer. Als das Militär 1980 putscht, fällt er erneut einem Polizeikommando zum Opfer, das den 22-Jährigen wegen seiner roten Schuhe als „Kommunisten“ verdächtigt. Wieder wird er vergewaltigt, gefoltert. Aber weil sein Vater den damaligen Ministerpräsidenten Admiral Bülent Ulusu kennt, kann er die Freilassung seines Sohnes erreichen.

Barbaros Sansal ist ein Paradiesvogel

Noch am selben Tag flieht Barbaros Sansal nach London „mit knapp 100 Dollar in der Tasche“, jobbt dort in Nachtklubs, verkauft selbst entworfene T-Shirts und studiert Kunstgeschichte. Als Illegaler in England von der Abschiebung bedroht, geht er nach vier Jahren in die Schweiz, bis er 1989 die Lage in der Türkei für so stabil hält, dass er sich zurück nach Istanbul wagt. Wo er sich mit der Liebe seines Lebens zusammentut, dem 25 Jahre älteren türkischen Modemacher Yildirim Mayruk.

Barbaros Sansal ist ein Paradiesvogel, ein wertkonservativer Paradiesvogel: „Ich bin kein Schwuler für eine Nacht.“ Er legt Wert auf Freundschaft. Auf Beständigkeit. „Mayruk ist mein Vorbild, mein Lehrmeister, mein Partner. Wir haben gemeinsam ein Vermögen erwirtschaftet und alles immer geteilt, aber als Schwuler darfst du in der Türkei nicht heiraten und dir nichts vererben.“

Damals wird die Türkei wieder Heimat für den Rückkehrer, der sich sofort gesellschaftlich einmischt. „Mit drei oder vier anderen Aktivisten starteten wir 1993 die LGBTI-Bewegung“, erzählt er – die Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle. Als die AKP 2002 an die Macht kommt, beginnt wider Erwarten eine Phase der Demokratisierung und Liberalisierung.

Zwar traut Sansal den Islamisten nicht und lehnt es ab, für die Familie Erdogan zu arbeiten. Aber er nutzt die Freiräume, die sich auftun. Es sind glückliche Jahre. Seine immer wieder verbotenen Fernsehprogramme mit nackten Späßen, hedonistischen Feiern der Homosexualität und respektlosen Provokationen der Obrigkeit sind legendär. Ohne ihn hätte es vielleicht nie eine Homosexuellen-Parade „Istanbul Pride“ gegeben, an der auf dem Höhepunkt 2014 mehr als 100 000 Menschen teilnehmen.

„Er ist eine Symbolfigur“, sagt die Aktivistin Belgin Celik vom bekanntesten türkischen Schwulen- und Lesben-Verein Lambda, den Sansal einst mitbegründete. „Als er die Istanbul Pride damals mit ins Leben rief, öffnete er den Teilnehmern sein Atelier, um sich einzukleiden. Er ist ein umwerfend kreativer, sensibler, hilfsbereiter Mensch, der einem Bedürftigen auf der Straße sofort all seine Kleider schenken würde, wenn dieser sie bräuchte. Er ist ein Vorbild.“

Und er hat Erfolg. Zu den gemeinsamen exklusiven Modeschauen mit Yildirim Mayruk kommen bis zu tausend geladene Gäste. Ihre drapierten Kleider in den Farben himmelblau, lachsrosa und smaragdgrün machten die beiden auch international bekannt. „Wir haben nie etwas anderes als Couture gemacht“, sagt Barbaros Sansal, „keine Massenware.“ Ein Hochzeitskleid kostet bei ihnen bis zu 50 000 Euro, eine Jahresgarderobe rund 200 000 Euro.

Als die Gezi-Unruhen gegen den zunehmend autoritären Regierungsstil Erdogans im Mai 2013 ausbrechen, gehört Barbaros Sansal zu den Aktivisten der ersten Stunde. Doch genau da erinnert ihn der „tiefe Staat“ daran, dass Exzentriker wie er in der Türkei nur geduldet sind. „Drei Zivilisten klingelten an der Tür und sagten, sie brächten mich zu einer Befragung aufs Polizeirevier. Aber dann fuhren sie mit mir in den Wald. Sie verhörten mich stundenlang und drohten mir, mich umzubringen, wenn ich weiter bei Gezi mitmache. Ich litt Todesangst.“ Als er nach seiner Freilassung Anzeige erstattet, wird nicht ermittelt, stattdessen er selbst wegen Verleumdung der Polizei verklagt.

Die Erfahrung härtester Gewalt hat Barbaros Sansal wohl nur überstanden, weil er ein fröhliches Gemüt besitzt und gute Freunde. Er lässt sich nicht einschüchtern. Umso größer ist seine Trauer, dass die moderne, westliche Seite der Türkei jeden Tag ein Stück mehr verschwindet. „Jetzt will die Religionsbehörde Neunjährigen die Heirat erlauben. Gegen diesen Wahnsinn habe ich mich immer gewehrt. Wir müssen die säkulare Türkei retten“, sagt er. Die Frage ist nur, ob das überhaupt noch möglich ist. Denn das Istanbuler Bürgertum seiner Jugend, es existiert fast nicht mehr. „Es gibt keinen Stil mehr, keine Eleganz, keine Kultur.“

Barbaros Sansal hat sich in Rage geredet, zum Rauchen geht er vor die Tür ins Brüsseler Wintergrau. Vielleicht hat das Wissen um die dunklen Seiten seiner Gesellschaft ihn dazu geführt, sich für die Benachteiligten einzusetzen. Er bezahlt die Ausbildung für 1600 arme und behinderte Kinder in der Türkei, unterstützt LGBTI-, Tierrechts- und Umwelt-Gruppen.

Im vergangenen Juni wurde er wegen der Silvestertweets zwar vom Vorwurf des „Aufrufs zu Hass und Feindschaft“ freigesprochen, aber nach dem berüchtigten Paragraphen der „Beleidigung der türkischen Nation“ zu zwölf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Alle drei Wochen muss er sich bei der Polizei in Istanbul melden. Dort bekommt er Polizeischutz, wegen der anhaltenden Morddrohungen. „Aber das bedeutet auch, dass ich meine Arbeit nicht mehr ausführen kann. Wer kauft bei einem Modemacher, bei dem die Polizei vor der Tür steht?“.

Ausgerechnet die Modebranche war aber eines der wenigen Scharniere zwischen den alten Eliten und dem neuen islamistischen Establishment der Erdogan-Ära. Er habe gute Freunde, die Muslime seien, anständige und ehrliche Leute, sagt Sansal. „Aber ich hasse die Heuchler aus der AKP-Spitze und ihre Doppelmoral.“ Er hält sie für ungebildet, korrupt, bigott. Es waren „ihre frömmelnden Falschheiten“, die ihn in der Silvesternacht 2016 zu jener Kurznachricht verführten, die ihm fast den Tod brachte. Berüchtigte Erdogan-treue Zeitungskolumnisten konstruierten einen Zusammenhang mit dem furchtbaren Terroranschlag auf die Istanbuler Nobeldisco Reina mit 46 Toten, der knapp eine Stunde später stattfand. „Sie stellten es so dar, als verhöhne mein Tweet die Opfer des Attentats, obwohl er viel früher im Netz stand. Sie machten mich zum Freiwild.“

Ohne Rechtsgrundlage verhaftete die nordzyprische Polizei den Modemacher, steckte ihn in eine Maschine nach Istanbul, die auf dem militärischen Teil des Atatürk-Flughafens landete, wo der Mob auf ihn einschlug, obwohl zehn Polizisten danebenstanden. „Alles war geplant, sie wollten mich umbringen“, meint Barbaros Sansal. Nachdem ihn Polizisten einer Sondereinheit retteten, wurde Sansal 56 Tage in Einzelhaft gesperrt, bekam tagelang kein sauberes Trinkwasser, wurde nicht medizinisch versorgt. Seit den Angriffen hat er Probleme mit dem linken Knie, mit seinen Nieren und dem Rücken.

Trotz des per Video dokumentierten Vorfalls und obwohl Sansal einzelne Angreifer als Angehörige des Bodenpersonals auf dem Flughafen später wiedererkannte und sogar fotografierte, ist bis heute niemand dafür belangt worden. Ein neues Notstandsdekret Erdogans stellt Selbstjustiz gegen „Staatsfeinde“ sogar praktisch straffrei. Sansal will trotzdem alle Rechtsmittel ausschöpfen, um vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Maßnahmen und das Urteil vorzugehen. „Ich habe keine Angst. Ich glaube ans Recht, sonst wäre alles verloren.“ Aber als er das sagt, sieht er plötzlich sehr traurig aus.

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