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Gleich geht?s los: Backstage auf der Fashion Week in Tiflis warten die Models auf ihren Einsatz.

Mode

Auf Absätzen durch die Tiefgarage

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Eigentlich wurde die georgische Modeszene für rotzige Post-Sowjet-Mode wahrgenommen. Mittlerweile aber haben sich die Designer längst über Trainingshosen und Sportjacken hinausentwickelt. FR-Redakteur Manuel Almeida Vergara hat sich auf der Modewoche in Tiflis umgeschaut

Wo sind denn nur die Jogginghosen? Auf der Fashion Week in Tiflis sucht man sie vergeblich. Auf dem Laufsteg, in den Sitzreihen davor, im Trubel dahinter – nirgendwo Jogginghosen. Nirgendwo Tennissocken und Trainingsjacken. Das bedarf besonderer Erwähnung. Denn eigentlich war es ja dieser haarsträubende Stil, der den internationalen Fokus auch auf die georgische Modeszene gerichtet hat.

Plötzlich wollten alle „Gopniki“ sein. Im Russischen beschreibt das Jargonwort abfällig die Jugend der Unterschicht, die Florentin Schumacher noch in der „Russenhocke“ am Straßenrand lungern wähnt: „Ihre Beine gespreizt und angewinkelt, ihre Arme ruhen auf den Knien, der Hintern berührt nur knapp nicht den Boden“, schreibt der Journalist in einer Stilkritik. „So saßen sie da mit gefälschten Adidas-Trainingsanzügen, kauten Sonnenblumenkerne und tranken Billigwodka, während sie warteten, dass der Tag vorbeiging, und dann machten sie am nächsten Tag weiter, kauend, trinkend, wartend.“ Längst aber wandern die sportiven Markenjacken und Drucke kyrillischer Schriftzüge nicht mehr nur an Moskauer Plattenbauten, sondern auch an Pariser Prachtfassaden vorbei.

Der in Georgien geborene Demna Gvasalia, Chefdesigner von Vetements und Balenciaga, der Russe Gosha Rubchinskiy und die Stylistin Lotta Volkova aus Wladiwostok brachten die Post-Sowjet-Mode auf die Titelseiten internationaler Magazine, machten die kahlgeschorenen Gopniki zum neuen Schönheitsideal. Er kleide „eine wachsende linke Jugend auf der Welt“ ein, glaubt Rubchinskiy, die sich zwar nicht nach dem Kommunismus, wohl aber nach einigen seiner Werte wie Solidarität und Gleichberechtigung zurücksehne. Dass sich diese Sehnsucht ausgerechnet durch Produkte des westlichen Kapitalismus ausdrücken soll, ist komplex. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aber waren es nun mal die Adidas-Shirts mit den drei Streifen, mit denen sich die nunmehr zum Modevorbild avancierten Gopniki ein Stück des freien Westens kauften – und waren es auch nur die Fälschungen vom Wochenmarkt.

„Der starke Fokus auf die Sportswear ist auch in Georgien tief verankert, aber das löst sich immer mehr auf“, sagt Mahret Kupka. Die Kuratorin kennt sich in der Szene aus, hat das Land mehrfach besucht, um die Ausstellung „Lara protects me – eine georgische Erzählung“ zu erarbeiten, die noch bis Januar im Frankfurter Museum Angewandte Kunst läuft. „Durch diesen Trend hat sich für Designer in Tiflis allerdings eine Tür geöffnet“, sagt sie. Plötzlich habe es durch die Post-Sowjet-Mode und ihre Vertreter ein verstärktes Interesse auch an Tiflis gegeben. „Mittlerweile fangen die Designer dort an, ganz andere Sachen zu machen, sich von diesen Zuschreibungen zu emanzipieren“, so Kupka.

Das sieht, wer die Modenschauen in der georgischen Hauptstadt verfolgt. Das Label Matériel zeigte in der vergangenen Woche leichte Seidenkleider in Puderfarben, der Designer Lado Bokuchava eingefärbte Straußenfedern nebst lässig drapierten Hemdkleidern, die Marke Janashia vielfarbige Pailletten in grafischen Mustern.

Jogginghosen? Russenhocke? Sonnenblumenkerne? Davon ist man hier ganz weit weg. Im Publikum legen sich eher elegant geschnittene Kaschmirmäntel denn knisternde Polyesterjacken um die Körper, statt gefälschten Sportmarken trägt man hier lieber echte Labels, Chanel, Dior und de la Renta. Seit 2015 bietet die Mercedes-Benz Fashion Week Tbilisi den vielen Modeenthusiasten des Landes eine Bühne, mit 37 Schauen in der achten Ausgabe alles andere als eine kleine Nummer.

„Die Georgier wollen ihre Mode in die Welt hinaustragen und zeigen, was sie können“, sagt Artur Demirci, der bei dem Autohersteller für die Markenkommunikation im Lifestyle-Bereich zuständig und für die Modewoche nach Tiflis gereist ist. Wie in vielen anderen Ländern agiert Mercedes-Benz hier als Hauptsponsor, rund 60 Modeveranstaltungen und -plattformen unterstützt die Automarke weltweit. „Die Entscheidungsfindung, ob es in einer Stadt eine Mercedes-Benz Fashion Week geben soll oder nicht, läuft auf ganz unterschiedliche Arten ab“, sagt Demirci. Es gebe Plattformen, die global über den deutschen Hauptsitz organisiert würden, aber genauso lokale Veranstaltungen. „Unsere Ländereinheiten entscheiden auf Basis unserer strategischen Eckpfeiler eigenständig, ob sie ein Modeengagement lostreten wollen oder nicht.“ Die Standorte müssten eben schauen, ob es vor Ort ausreichend Talente, eine funktionierende Branche und auch eine modeinteressierte Klientel gibt.

„Die Szene hier wächst unglaublich schnell und dynamisch“, sagt Lalo Dolidze. „Zur Fashion Week kommen jede Saison mehr internationale Journalisten und Einkäufer.“ Gerade hat die Designerin für ihr Label Lalo aufwendige Strickpullover und feine Seidenröcke über den Laufsteg geschickt. Mit Jogginghosen und Logo-Shirts kann die Georgierin sichtlich wenig anfangen, der proletenhafte Stil der Gopniki ist nicht der ihre. „Ich habe die Szene vor der Gründung meines Labels genau studiert und geschaut, was es noch nicht gab“, sagt sie. „So bin ich auf den Strick gekommen, der jetzt mein Markenzeichen ist.“

Wie schnell in Georgien mittlerweile aus einer losen Idee ein funktionierendes Unternehmen werden kann, beweist Dolidze mit ihrem Label. Gerade mal ihre fünfte Schau präsentierte sie in der vergangenen Woche in Tiflis, ihre handgestrickten Pullover aber gibt es längst in Geschäften auf der ganzen Welt. Dolidze hat heute 200 Mitarbeiter, verkauft ihre Kollektionen vor allem in China, Russland und den USA, baut aktuell auch ihren europäischen Markt aus. „Sicher hat meinem Label geholfen, dass so berühmte Designer wie Demna Gvasalia den Blick auf Georgien gerichtet haben“, sagt auch sie.

Die steigende Relevanz des nicht einmal vier Millionen Einwohner zählenden Landes durch einige wenige Vertreter habe auch das Interesse der Georgier selbst an der Mode vergrößert, glaubt Ani Datukishvili. Auch sie hat ihre Kollektion in der vergangenen Woche in Tiflis präsentiert, Laissez-faire-Schnitte, filigrane Blumendessins, metallische Effekte. „Die Branche im Land funktioniert mittlerweile routiniert“, sagt sie, „unsere Sachen können wir komplett in Georgien produzieren lassen, von den Kleidern bis hin zu den Sonnenbrillen.“ Ihre Mode präsentierte Datukishvili aber auch schon außerhalb Georgiens. 

Im Rahmen des „International Designer Exchange Program“ – ebenfalls von Mercedes-Benz initiiert – zeigte sie ihre Kollektion im vergangenen September in Istanbul, die türkische Designerin Sansim Adali war dafür mit ihrem Label Sudi Etuz nun in Tiflis zu Gast. „In den ersten Saisons hier haben viele Designer noch Sachen gezeigt, die enger an die georgische Identität geknüpft waren und auch daran, was von Georgien ästhetisch erwartet wird“, sagt Datukishvili. „Aber das ist jetzt vorbei. Die Leute trauen sich mehr. Sie wollen Sachen produzieren, die überall Sinn haben und die nicht nur ein georgisches Publikum ansprechen.“

Trotz allen internationalen Anspruchs schleichen sich aber auch Referenzen an die Heimat immer wieder in die georgischen Kollektionen. Lako Bukia etwa hat Fotos abblätternder Häuserfassaden aus Tiflis zu Kleiderdrucken entfremdet, Ärmellösungen der Designerin Salome Tkabladze wiederum sind georgischen Trachten entlehnt. „Mit diesen Designern zu zeigen war für meine Marke ein wichtiger Schritt“, sagt Sansim Adali, die türkische Designerin. „Eine sehr interessante Bühne, weil die Fashion Week in Tiflis gut läuft und viele Designer schon so weit sind.“

Und trotzdem wird gerade auf der Modewoche auch sichtbar, dass Tiflis noch immer eine Stadt im Umbruch, im Aufbau ist. Die meisten Modeschauen finden in der Tiefgarage eines Museums statt, andere Designer verlegen ihre Präsentationen auf Baustellen, in Abbruchhäuser, ins Kellergewölbe eines Stadions. Es ist allerdings gerade dieses Improvisationstalent, das Tiflis als Modestandort so spannend macht.

„Zur Sowjetzeit gab es für eine freie Szene keinen richtigen Raum, geschweige denn Unterstützung von Staatsseite“, sagt Kuratorin Mahret Kupka, die am Donnerstag eine Podumsdiskussion zum Thema „Post-Soviet Lifestyle“ moderiert. „Künstler und Designer waren auf sich allein gestellt.“ Auch dadurch habe Tiflis hohes kreatives Potenzial entwickelt. Berlin nach dem Mauerfall, Belgrad nach dem Jugoslawienkrieg – oft schon sind Städte nach einer heftigen Zäsur zu Epizentren einer internationalen Underground-Kultur herangewachsen.

„In den Freiräumen, die die Sowjetzeit und der folgende Bürgerkrieg in den 90ern in Tiflis hinterlassen hat, ist etwas Neues, etwas Eigenes entstanden“, sagt Kupka. Im Falle der Modeszene von Tiflis etwas überraschend Elegantes – schöne Kleider mit einem Sinn für den poetischen Moment, geistreich, ein bisschen bourgeois. Wer braucht da schon noch Jogginghosen?

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