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Kein billiges Bauholz: Billy Cooley mit einem seiner Werke.

Australien

„Alle werden betrogen“

Australiens Ureinwohner leiden: Das Geschäft mit gefälschter Kunst der Aborigines boomt.

Wenn Billy Cooley einen Bumerang macht, kann das zwei oder drei Tage dauern. Bis er in seiner Heimat am Uluru, dem mächtigen roten Felsen mitten in Australien, das richtige Stück Eukalyptus gefunden hat, ohne Verästelung oder Knoten, das Holz in Form geschnitzt und mit heißem Draht die typischen schwarzen Kerben hineingebrannt hat. So wie es Australiens Ureinwohner, die Aborigines, seit vielen Tausend Jahren machen. Solch ein handgefertigter Bumerang kann umgerechnet 150 Euro oder mehr kosten.

Man bekommt die Wurfhölzer – einst für die Jagd, inzwischen eher etwas für die Freizeit oder die Zimmerwand – aber auch billiger. In Souvenirshops sind „Original-Bumerangs von Aborigines“ für 4,99 australische Dollar zu haben, etwa drei Euro. Nur, dass sie von minderer Qualität sind. Made in China, oft auch aus Indonesien.

Die kommerzielle Fälschung von Kunst und Handwerk der Aborigines hat sich zu einem riesigen Geschäft entwickelt. Wer auf der anderen Seite der Erdkugel Urlaub macht, bringt nun einmal gerne Dinge mit nach Hause, die Australiens Ureinwohner seit Ewigkeiten im Gebrauch haben. Beliebt sind auch Didgeridoos, die langen hölzernen Blasinstrumente. Aber auch Aborigines-Gemälde mit typischen Punktzeichnungen werden gefälscht. Dann geht es um richtig viel Geld.

700 000 Ureinwohner gibt es noch in Australien. Wenn alles, was die Bezeichnung Aboriginal trägt, tatsächlich von ihnen käme, wäre jeder einzelne von ihnen gut beschäftigt. Der Umsatz der Branche – ob echt oder falsch – wird auf eine halbe Milliarde Dollar (etwa 310 Millionen Euro) pro Jahr geschätzt. Die Ureinwohner bekommen davon das Wenigste. Ihnen geht es aus den verschiedensten Gründen ohnehin schlechter als den 24 Millionen anderen Australiern.

„Mehr als Pünktchen“

Cooley macht aus seinem Zorn keinen Hehl. „Alle werden von diesen Leuten betrogen“, sagt der 67-Jährige. „Nicht nur wir. Die Touristen, die das kaufen, auch.“ Die meisten gefälschten Bumerangs sind aus Massenproduktion, maschinell hergestellt, oft aus billigem Bauholz. Man kann die Dinger werfen, wie man will: Zurück kommen sie nie. Trotzdem sind sie überall zu finden, oft mit vermeintlichen Qualitätssiegeln wie „100 Prozent Kunst australischer Art“.

Auch in dem Outback-Städtchen Alice Springs, in dem es viele Souvenirshops und Kunstgalerien mit Aborgines-Kunst gibt. In der Haupteinkaufstraße, bei „Alice Springs Souvenirs“, sagt Mark, einer der Verkäufer, über die Billigprodukte: „So ist das nun mal heute. Bei Turnschuhen und T-Shirts weiß auch jeder, dass die inzwischen aus China kommen.“ Seinen Nachnamen behält er lieber für sich.

Inzwischen hat sich aber eine Gegenbewegung entwickelt. Unter dem Namen „Fake Art Harms Culture“ haben sich Künstler, Galerien und Museen zusammengeschlossen. Auch die Justiz geht gegen Fälscher vor. Eine Firma, die 50 000 gefälschte Produkte wie Bumerangs und Didgeridoos als „Authentische Aboriginal-Kunst“ in den Handel gebracht hatte, wurde zu umgerechnet 1,4 Millionen Euro Geldbuße verurteilt.

Es gibt nun auch einige Kunstzentren, die von Aborigines selbst betrieben werden. Zum Beispiel das Maruku Art&Crafts Centre am Uluru. Die Koordinatorin ist eine Deutsche, Liane Wendt. Die Kunstmanagerin sagt: „Aboriginal Art ist viel mehr als Pünktchen. Das ist die einzige Kultur der Welt, die noch mit dem verbunden ist, was die Leute 50 000 Jahre zuvor gelernt haben.“ Den Leuten gehe es nicht ums Geld. „Wenn gefälscht wird, werden den Aborigines ihre Geschichten gestohlen. Ihr Glaube. Ihre Wurzeln. Alles. Das ist das Schlimmste, was man ihnen antun kann.“

Im Maruku-Zentrum verkaufen sie auch die Werke von Billy Cooley, die Bumerangs und andere Holzkunst. Der vielfache Großvater fürchtet jedoch, dass sein Jahrtausende altes Handwerk nicht mehr lange Bestand haben wird. „In 50 Jahren wird das alles vorbei sein. Die jungen Leute wollen gar nicht mehr wissen, wie man Bumerangs macht. Die wissen, dass sich das nicht lohnt.“ (dpa)

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