1. Startseite
  2. Panorama

„Aber doch, du bist schön“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Birgit Holzer

Kommentare

Stadtführerin Julie Marangé vor dem Moulin Rouge.	Birgit Holzer (3)
Stadtführerin Julie Marangé vor dem Moulin Rouge.

In Paris bieten junge Frauen Stadtrundgänge mit feministischen Blickwinkeln an.

Mais si, tu es belle“, „aber doch, du bist schön“, steht auf dem Spiegel, der an einer Straßenmauer hängt, als sei sie eine Badezimmerwand. Wer vorbeigeht, blickt ins eigene Gesicht unter dieser wohltuenden Überschrift. An Frauen wendet sie sich, denn „belle“ ist im Französischen eine weibliche Form. In Paris gibt es einige dieser Spiegel, unter manche hat jemand „Aber doch, du bist intelligent“ gekritzelt, um zu sagen, dass das ein ebenso schönes Kompliment ist: Vielleicht will eine Frau nicht „nur“ schön sein. Die meisten Passanten laufen achtlos an diesen Objekten eines namentlich unbekannten Künstlers vorbei. Eingeweihte aber entdecken sie ebenso wie viele andere Anspielungen auf die Darstellung von Frauen in öffentlichen Räumen.

Mass Toc gegen Miss Tic

In letzter Zeit gibt es immer mehr von ihnen. Da sind die Schablonenabbildungen der Streetartkünstlerin Miss Tic, die sie als Sexobjekte mit großen Brüsten und in aufreizenden Posen zeigen. Wie als Antwort darauf bringt der Künstler Mass Toc Bilder von üppigen Frauen, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, an Mauern an.

Es gibt vieles zu entdecken.
Es gibt vieles zu entdecken. © Birgit Holzer

Im Montmartreviertel, wo die rote Mühle des Kabaretts „Moulin Rouge“ steht, befinden sich besonders viele dieser für Feministinnen interessanten Spuren. Deswegen hat Julie Marangé den Treffpunkt hier am „Theater der Neuen Eva“ vorgeschlagen. Gemeinsam mit einer Studienfreundin gründete die 24-Jährige vor zwei Jahren ihr Unternehmen „Feminists of Paris“, das Stadtrundgänge mit feministischem Blickwinkel anbietet. „Uns interessieren die Themen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Wir arbeiten die Touren selbst aus, lesen uns alles an“, erklärt die zierliche, junge Frau. Die Geschäftsidee zündete. Inzwischen gibt es sieben Führerinnen, die über verschiedene Themen sprechen – von der Hexenjagd bis zur sexuellen Befreiung.

An diesem Nachmittag spricht Julie Marangé über das Vergnügungsviertel um Pigalle, das als historische Gegend der Sexindustrie gilt. „Vor 1848 gehörte dieser Teil nicht zu Paris. Die Kontrollen waren weniger streng, der Alkoholausschank billiger und so entstanden die Kabaretts“, erzählt Marangé. Das Montmartreviertel, das nie schlief, inspirierte auch Künstler von Auguste Renoir bis Henri de Toulouse-Lautrec. Weil Bordelle seit Napoleon, der seine Soldaten vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie der Syphilis schützen wollte, besser kontrolliert wurden als anderswo, galt Frankreich im 19. Jahrhundert als „Puff Europas“.

„Mais si, tu es belle“, liest die Betrachterin.
„Mais si, tu es belle“, liest die Betrachterin. © Birgit Holzer

Und obwohl das Land seit 2016 die Prostitution offiziell verbietet, existiert diese weiter – auch und gerade in dieser Gegend. Marangé steuert einen Massagesalon mit blinkender Aufschrift an und behauptet, hier werde noch mehr angeboten als klassische Massagen. „Das zeigen drei Indizien: Es gibt keine Preisliste, alles ist verschlossen und die Schrift ist rot.“

Statuen zeigen kaum Frauen

Weiter geht es über den Boulevard de Clichy, seit den 60er Jahren Hauptstraße der Pariser Sexshops: Störten sich die Feministinnen im Mai 1968 an dieser Vermarktung des weiblichen Körpers, so befürworten viele ihrer Erbinnen heute feministische Pornografie. Weibliches Selbstbewusstsein untermauert auch die Künstlerin Intra Larue, die bunte Brüste an etlichen Stellen in der Stadt aufklebt. Nachdem immer mehr Passanten diese mitnahmen, veränderte sie das Material so, dass die Kunstwerke beim Versuch, sie von den Mauern abzunehmen, zerbrachen. Die Botschaft: Meine Brüste gehören dir nicht.

So beschreibt es Julie Marangé und weist im nächsten Atemzug auf ein Graffiti hin: „Sie verlässt ihn, er tötet sie“. Mit solchen Aufschriften warnen feministische Gruppen vor häuslicher Gewalt – gerade während der Ausgangssperre ein dringliches Thema. Mit schnellem Schritt und ebenso schnell sprechend geht die junge Frau voran, um all die Geschichten, die sie gesammelt hat, anzubringen. Von Revolutionärinnen oder Widerstandskämpferinnen, die eine wichtige Rolle spielten, nach denen aber kaum Namen oder Plätze benannt wurden. Nur zehn Prozent der Statuen in Paris bilden Frauen ab, die meisten davon Johanna von Orléans. Ein Exemplar thront über dem Eingang der Basilika Sacré-Coeur auf dem Montmartrehügel, dem Endpunkt der Führung. „Für Feministinnen ist sie eine schwierige Figur, da sie als Kämpferin in die Rolle eines Mannes geschlüpft war“, sagt Marangé. Ihre Weiblichkeit erkenne nur, wer genauer hinsehe. Und der entdeckt plötzlich noch viel mehr.

Auch interessant

Kommentare