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Frauen demonstrieren in der Frankfurter Innenstadt gegen Paragraf 218, März 1974.
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Frauen demonstrieren in der Frankfurter Innenstadt gegen Paragraf 218, März 1974.

Lebenswerk

68er-Revolte, Frauenbewegung, Bürgerkrieg: Fotografin Inge Werth war mit ihrer Kamera stets dabei

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Inge Werth fotografierte die Studentenproteste in Paris und Frankfurt, die Frauenbewegung, Revolutionen und Kriege: ein Besuch bei der Kamerakünstlerin, die jetzt ihren 90. Geburtstag feiert

Pfingstrosen blühen. Alte, gebeugte Bäume säumen den Rasen. Ein schmiedeeiserner Tisch mit drei Stühlen wartet. Inge Werth gefällt das Morgenlicht in diesem stillen Nordend-Garten. Sie empfängt den Besucher mit ihrer Kamera in der Hand. Sofort entstehen die ersten Aufnahmen. „Ich bin wieder neugierig geworden“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Die große deutsche Fotografin ist nach einem Wanderleben um die halbe Welt in ihre alte Heimatstadt zurückgekehrt: nach Frankfurt am Main. Am Freitag, dem 21. Mai, feiert sie dort ihren 90. Geburtstag.

Und ihr Lebenswerk scheint geordnet. Unzählige Arbeiten erhielt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, viele andere gingen an das Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt. Doch wer die Frau kennt, die in Stettin geboren worden ist, weiß, dass sie nicht einfach aufhören kann. Ruhestand? Pah! Werth ist quirlig wie eh und je, direkt und zupackend. Gerade hat sie ein neues Projekt begonnen. Fotografiert die Heime der alten Menschen in ihrer Seniorenwohnanlage. „Sie sind so unterschiedlich, wunderschön.“

Inge Werth: Auch mit 90 quirlig wie eh und je

Unser Gespräch mäandert durch ein langes Leben. Mit ihrer Kamera hielt Inge Werth viele gesellschaftliche Umbrüche fest. Die 68er-Revolte in Paris und Frankfurt, Swinging London 1970, die „Nelkenrevolution“ 1975 in Portugal, die Nöte und Kämpfe der Menschen in Palästina, den Bürgerkrieg im damaligen Jugoslawien, den Alltag auf dem Mekong in Vietnam und Kambodscha. „Glamour hat mich nie interessiert, ich wäre nie auf einen Filmball gegangen“, das kommt mit geradezu verächtlichem Unterton. Hat sie ihre Arbeit als politisch verstanden? „Es wäre anmaßend, so etwas zu sagen“, kontert sie sofort: „Jeder muss beim Anschauen meiner Bilder seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen.“

Inge Werth in ihrem Garten im Frankfurter Nordend, Mai 2021.

Es sind die Erfahrungen als junges Mädchen in den blutigen Wirren der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs, die sie geprägt haben. Die Flucht mit der Mutter in einem langen Treck gen Westen, in eisiger Kälte, von Tieffliegern beschossen. Die Allgegenwart des Todes. Im Alter von 14 Jahren lernte sie, um ihr Leben zu kämpfen. Stahl Kartoffeln oder Kohlen. Sie strandeten schließlich in Hamburg und machten sofort die Erfahrung: „Wir waren nicht willkommen.“ Aus dieser Zeit sind ihr Grundzüge ihres Charakters geblieben: „Ich war nie gerne abhängig.“ Und: „Ich bin nicht autoritätshörig!“ Nein, Inge Werth entschied stets selbst über ihr Leben. Das galt auch für Beziehungen, Liebesverhältnisse. „Ich bin ein spontaner Mensch.“ Sie blickt auch selbstkritisch zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: „Ich bin voller Schuldgefühle einigen Leuten gegenüber.“ Sie hat Menschen vor den Kopf gestoßen, mehr aber wird sie nicht sagen.

Als junge Frau bekam sie eine Kamera geschenkt. Und sie lernte und verstand, dass man mit Bildern erzählen kann. „Die Arbeitswelt hat mich interessiert.“ Ihre erste große Reportage entstand im Auftrag der Gewerkschaft IG Metall aus der Arbeitswelt bei Krupp im Ruhrgebiet. „Die Männer dort haben für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft, das hat mich sehr beeindruckt.“ Schon 1963 besuchte sie zum ersten Mal Israel, stieß auf barsche Ablehnung bei Holocaust-Überlebenden. 1964 konnte sie den kargen Alltag in Ostberlin fotografieren. Bald zählten namhafte Magazine und Tageszeitungen zu ihren Auftraggebern: „Spiegel“, „FAZ“. Und die Frankfurter Rundschau.

Von Arbeiterprotesten im Ruhrgebiet bis zu Elendsvierteln auf Haiti: Fotografin Inge Werth reiste um die Welt

Im Garten am Tisch gießt Karin Beuslein, die Galeristin, die Inge Werths Arbeiten seit Jahrzehnten ausstellt, Sekt ein. Wir sprechen über das Fotografieren. Man müsse vor allem wissen, welche Bilder man nicht machen dürfe, sagt die Fotografin. In den Elendsvierteln von Port-au-Prince auf Haiti stieß sie auf einen Mann, „der nur Lumpen am Leib trug“. Er sah ihre Kamera und schüttelte den Kopf. Sie verzichtete auf das Foto. Auch als ein Polizist eine fast nackte Frau verprügelte, hielt sie das nicht fest. „Ich fotografiere ja keine Gegenstände, sondern Menschen.“

Heute hat der gnadenlose Wettkampf der sozialen Medien viele dieser Grenzen der Moral und Dezenz fallen lassen. Inge Werth aber war „der Respekt vor den Menschen“ stets wichtig. Sie hat eher beiläufig und unauffällig gearbeitet, ohne große Ausrüstung. Teure Apparate konnte sie sich nicht leisten: „Ich hatte immer wenig Geld.“ Und doch gelangen ihr Bilder, die Geschichte schrieben. 1966 war sie in Frankfurt am Main dabei, als der junge Regisseur Claus Peymann im Theater am Turm (TAT) den ersten Erfolg des jungen Dramatikers Peter Handke inszenierte: „Publikumsbeschimpfung“. Handke war 24 Jahre alt, Peymann 28 Jahre. Ein ikonisches Foto Werths zeigt Handke mit seinem damaligen Lieblingsgetränk: Afri-Cola.

Inge Werth fotografierte Peter Handke und Daniel Cohn-Bendit

Und dann kam 1968, das Jahr der Revolte, das zum Jahr von Inge Werth wurde. Sie lebte damals in Paris, weil sie sich in einen jungen Franzosen verliebt hatte. Dieser war mit dem Bruder von Daniel Cohn-Bendit befreundet, der zum Studierendenanführer wurde. So konnte Inge Werth Fotos aufnehmen, die niemandem sonst gelangen. Sie fanden Eingang in ein berühmtes Buch, „Paris brennt“ von Arno Münster. Als der französische Staat die Revolte niederschlug und Cohn-Bendit auswies, ging auch Inge Werth. Sie spricht ohne Sentimentalität über diese Zeit: „Es war ein Enthusiasmus gewesen, ja.“ Aber: „Ich bin ausgereist, meine Liebe war zu Ende.“ Sie lacht.

Solidaritätsdemo für die politische Aktivistin Angela Davis in Frankfurt, Juni 1972.

Das hat die Fotografin mehrfach erlebt: politische Hoffnungen, die enttäuscht wurden. So auch bei der „Nelkenrevolution“ 1974/75 in Portugal, als junge Offiziere den rechten Diktator Salazar gestürzt hatten. Es begann der Versuch, die elenden Lebensverhältnisse der Menschen gerade auf dem Land zu verbessern, und Inge Werth war dabei. Fetzen der Erinnerung. „Als ein uralter Mann in einem Dorf die Faust zum revolutionären Gruß ballte und lachte.“ 1997 kehrte Werth in die Dörfer zurück und musste feststellen: „Die Armut ist geblieben.“ Sie sagt das wieder ganz unsentimental und sachlich.

Ein politischer Konflikt, den sie ein Leben lang begleitete, ist der zwischen Israel und den Palästinenser:innen, der gerade jetzt wieder blutig eskaliert. In den 70er Jahren schon besuchte sie unter konspirativen Umständen Palästinenserführer Jassir Arafat. „Ich war damals sehr im Zwiespalt, weil ich viele israelische Freunde hatte“, erinnert sie sich. Aber Arafat zeigte ihr die elenden Lebensbedingungen der Menschen in den Palästinensergebieten. „Wir besuchten die Schule der Märtyrer, in der die Kinder der getöteten palästinensischen Kämpfer unterrichtet wurden.“ Sie weiß noch: Das Einzige, was die Jungen und Mädchen zu essen bekamen, war ein wenig Brot, in Olivenöl getunkt.

Sie hat Revolutionen und Konflikte fotografiert: Inge Werth wird 90 Jahre alt

Jetzt bricht es doch plötzlich aus Inge Werth heraus. „Dieser Konflikt trifft immer wieder nur die armen Menschen!“ Ihr drastischer Rat: „Die Politiker beider Seiten nur bei Wasser und Brot zusammen hinter Gitter bringen.“ Aber wer all das physisch und psychisch überleben will, was die Fotografin in Jahrzehnten erfahren hat, der braucht auch eine gewisse innere und äußere Distanz. Werth ist dennoch immer ein engagierter Mensch geblieben. Das brachte sie stets aufs Neue in Konflikt mit den herrschenden Verhältnissen. Als die Journalistin Ulrike Meinhof Anfang der 70er Jahre ihr Buch „Bambule Fürsorge: Sorge für wen?“ über die verheerenden Missstände in deutschen Jugendheimen schrieb, illustrierte Werth die Analyse mit ihren Fotografien. Sie musste erleben, wie dieses Buch über Jahrzehnte zum Tabu wurde, weil Meinhof bald darauf die terroristische Rote Armee Fraktion (RAF) anführte.

Wir schweigen jetzt am Tisch in dem kleinen Nordend-Garten. Inge Werth gibt zu, dass sie noch immer das einsame Haunetal im Nordosten Hessens vermisst. Dort hatte sie von 2005 bis 2019 zwischen ihren Reisen in einem uralten Bauernhaus gelebt, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. „Ich habe eine unglaubliche Sehnsucht nach der Landschaft, nach der Weite dort.“ Doch sofort verbietet sie sich wieder jede Sentimentalität, ruft sich gleichsam selbst zur Ordnung. „Mein Leben ist gut verlaufen“, sagt sie schließlich, nimmt einen Schluck aus dem Sektkelch. Nur eines möchte die bald 90-Jährige doch noch ändern. „Ich wünschte mir, mehr Besonnenheit zu haben.“ Ein kleines Lächeln begleitet diesen Satz.

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