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2023 als Neustart? Vielleicht eher nicht

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Das neue Jahr birgt noch viel Unbekanntes. Genauso wie jeder andere Tag auch.
Das neue Jahr birgt noch viel Unbekanntes. Genauso wie jeder andere Tag auch. © MongognoM / Photocase

Kabarettistin Martina Brandl blickt auf das neue Jahr: Ob es besser wird? Wer kann, wer will das schon so genau wissen? Eine Vision mit kleinen Hindernissen

Jedes Jahr zu Silvester glauben wir, an einer Schwelle zu stehen. Wir bilden uns ein, Neuland zu betreten. Ein Frischegefühl mit Aprilduft wie in der Waschmittelwerbung wird herbeigesehnt. Und kurz bevor man ins neue, noch nach Verpackung riechende Jahr schlüpft, gibt man sich besinnlich, versucht dem letzten Jahr auf den letzten Drücker noch etwas Gutes abzugewinnen, pickt die positiven Erlebnisse wie Rosinen aus dem dezemberlichen Christstollen.

Nennt mich eine alte Zynikerin, aber ich glaube nicht an einen Neustart. Ich glaube, wir sind alle permanent mittendrin.

Das Beste, das wir erwarten können, ist Veränderung. Und die passiert permanent. Alleine schon dadurch, dass Zeit vergeht und wir älter werden. Vorausgesetzt, man geht von einem linearen Ablauf der Zeit aus. In einem anderen Universum und zehn Jahre später, wenn das Beamen und das Einkreuzen von Krokodil-Genen erfunden wurde, lachen wir vielleicht über dieses Silvester, essen Schokolade ohne Zähne zu putzen, sehen zu, wie uns die Schneidezähne nachwachsen und verschwinden mit einem leisen „Plopp“ nach Bora-Bora.

Wir möchten eine Pause. Eine Pause von schlechten Nachrichten. Aber Krieg, Krankheit und Kummer, diese drei unheiligen Beherrscher der Welt, scheren sich einen Dreck um Mitternacht. Sie machen einfach weiter.

Martina Brandl

Eines kann man auf jeden Fall sagen: So ein Jahr wie 2022 hatten wir, nachdem endlich Licht am Ende des Corona-Horizonts erschienen war, nicht erwartet. Bisher waren wir drinnen sicher. Nachdem wir auf so vieles verzichten mussten, sollen wir jetzt in unserem Zuhause auf Sparflamme leben. Wir alle haben genug von Angst und Beschränkung. Wir möchten eine Pause. Eine Pause von schlechten Nachrichten. Aber Krieg, Krankheit und Kummer, diese drei unheiligen Beherrscher der Welt, scheren sich einen Dreck um Mitternacht. Sie machen einfach weiter.

Und genau so werde ich es auch machen. Immer ein Tag nach dem anderen. Umgekehrt wäre es sehr unpraktisch. Dann müsste ich jetzt rückwärts in der Zeit gehen und das inzwischen verdorbene Festtagsmahl vom ersten Weihnachtsfeiertag essen. Ich weiß, das sind wirre Gedanken, aber es sind auch wirre Zeiten.

Ist Martina Brandl zu zynisch?
Ist Martina Brandl zu zynisch? © Jorinde Gersina

Es gibt wenig Sicherheit in diesen Tagen. Wenn wir ehrlich sind, gab es die noch nie. Wir leben im Dschungel, und das Leben ist zerbrechlich. Ich habe keine Ahnung, ob wir je wieder zur Normalität zurückkehren und wie die dann aussehen wird. Was ich kontrollieren kann, ist das, was ungefähr eine Armlänge von meiner Nasenspitze entfernt ist.

Und in diesem kleinen Kosmos kann ich eine Menge Unfug anstellen. Ich kann mich auf die Bühne stellen und die Menschen zwei Stunden lang ablenken, der Frau aus dem Call-Center meines Mobilfunkanbieters, die mir seit Jahren auf die Nerven geht, einen schönen Tag wünschen, anstatt einfach aufzulegen. Die alten Wachsmalstifte rauskramen und bunte Kringel auf die Zeitung krakeln oder mich hinsetzen, schweigend aus dem Fenster blicken und den Amseln dabei zusehen, wie sie unbeirrt hüpfen, sammeln, Nester bauen.

Und ich kann sagen: Jedes Jahr ist das Beste, denn es ist das, in dem wir am Leben sind. Insofern hat 2022 alles gegeben: Wir sind noch da. Sie lesen meinen Text. Wir sind miteinander verbunden. Stoßen wir an auf das Neue Jahr, am besten jeden Tag: Ein Hoch auf das einzige Leben, das wir haben! Auf Plattitüden, die das Leben leicht und die Menschen gleich machen, weil wir uns alle auf sie einigen können. Einigkeit vermisse ich. Und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, wie er am Ende seiner Show sagte: „Zusammen. Das ist das Glück.“

Zur Person

Martina Brandl ist Kabarettistin, Musikerin und Schriftstellerin, sie schreibt regelmäßig für das FR-Wochenendmagazin FR7. Sie ist bekannt aus der TV-Show „Ladies Night“ und der Radio-Sketch-Reihe „Angie – Die Queen von Berlin“, in der sie Angela Merkel parodierte. Aktuell tourt sie mit ihrem Programm „brand(l)neu“. Auf www.martina-brandl.de gibt es alle Termine.

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