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„Menschen, die früher mal in Agia Napa waren, erkennen den Ort nicht wieder, so ruhig geht es dort jetzt zu.“ – Die Touristenhochburg im Sommer 2020.
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„Menschen, die früher mal in Agia Napa waren, erkennen den Ort nicht wieder, so ruhig geht es dort jetzt zu.“ – Die Touristenhochburg im Sommer 2020.

Zypern

„2021 wird wieder ein schwieriges Jahr“

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Der zyprische Tourismusminister Savvas Perdios im Gespräch über Einbußen durch die Pandemie, Massentourismus, Versäumnisse in der Vergangenheit und die Besonderheiten der Insel.

Herr Perdios, auch auf Zypern scheint es derzeit eine zweite Corona-Welle zu geben. Zypern war bisher eines der letzten Reiseziele in der EU, für das es praktisch keine Reisewarnungen gab. Das ist jetzt anders. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben in bestimmten Bereichen strengere Schutzmaßnahmen eingeführt. Wir haben Maskenpflicht auf belebten Straßen und in öffentlichen Innenräumen wie Restaurants, Geschäften, Banken und so weiter. Wenn die Maßnahmenprotokolle befolgt werden, wird das Infektionsrisiko drastisch reduziert. Allerdings ist die Unterstützung der Bürger von entscheidender Bedeutung.

Sie haben immerhin das Glück, dass es selbst jetzt im Herbst noch sehr warm ist und die Leute sich im Freien ohne Maske aufhalten können. Welche Einschränkungen haben Tourist:innen trotzdem zu erwarten?

Savvas Perdios berichtet von einer angespannten Lage im östlichen Mittelmeerraum.

Unser Kategoriensystem zur Einstufung von Risikogebieten ist sehr wirksam und hilft uns, die Zahl ankommender infizierter Touristen stark zu begrenzen. Außerdem testen wir jeden Tag bis zu 1500 ankommende Touristen. Neben der Maskenpflicht gilt natürlich die physische Distanzierung. Restaurants dürfen nicht überfüllt sein, am Strand gelten Abstandsregeln. Discos sind geschlossen.

Discos und Clubs sind die Hauptleidtragenden der Pandemie im Tourismusbereich?

Ja. Sie haben die ganze Saison verloren. Aber das betrifft nicht nur Diskothekenbetreiber, sondern auch alle, die Events oder Hochzeiten veranstalten. Mit ihnen die Floristen, die Friseure und weitere Branchen.

In Ihrem bekannten Ferienort Agia Napa ist Partytourismus das zentrale Produkt, so wie im Ballermann auf Mallorca.

Menschen, die früher mal in Agia Napa waren, erkennen den Ort nicht wieder, so ruhig geht es dort jetzt zu. Aber in diesem Jahr ist es nirgends mehr so wie früher. Und ganz klar: Diese Art von Produkten können und wollen wir im Moment nicht anbieten.

Wie schlimm ist die Lage der zyprischen Tourismusindustrie infolge der Pandemie insgesamt?

Sehr schlecht. Wir werden in diesem Jahr deutlich mehr als 80 Prozent unserer Ankünfte und Einnahmen aus dem Tourismus verlieren. Das entspricht dem weltweiten Einbruch, wie ihn die Welttourismusorganisation zu Beginn des Sommers geschätzt hat. Wir hatten enorm viele Stornierungen. Alles in allem werden wir mindestens zwei Milliarden Euro einbüßen.

Ist die Krise vergleichbar mit dem Tourismuseinbruch nach der türkischen Invasion Nordzyperns von 1974?

Auf jeden Fall. Auch das Jahr des Golfkriegs 2003 brachte uns einen schlechten Sommer. Aber so schlimm wie jetzt war es nur in den Jahren nach 1974.

Soll unberührt bleiben: die Akamas-Halbinsel. Etienne TORBEY/AFP

Was bedeutet die Tourismuskrise für die zyprische Wirtschaft?

Wenn wir dadurch dieses Jahr rund zwei Milliarden Euro bei einem Gesamtumfang der Wirtschaft von 23 Milliarden Euro verlieren, sind das rund 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Von allen Wirtschaftssparten ist die Tourismusbranche von der Corona-Krise am stärksten betroffen, das gilt für den gesamten Mittelmeerraum. Zum Glück hat die Europäische Union die vom Tourismus abhängigen Länder stark unterstützt.

Bedeutet Corona das Ende des Tourismusbooms für Zypern?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in drei oder vier Jahren wieder das Vorkrisenniveau erreichen können, aber es wird eine andere Art von Tourismus sein. Wir haben uns bis jetzt zu sehr auf die Märkte Großbritannien und Russland konzentriert und erst in den letzten Jahren versucht, neue Märkte zu erschließen. Dieses Jahr mit dem Coronavirus hat uns sehr klar gezeigt, dass Zypern mehr Märkte braucht.

Welche Märkte sollen das sein?

Ein Beispiel: Deutschland ist seit dem 20. Juni in unserer Länderkategorie A eingestuft, für die es keine Reisebeschränkungen gibt. Obwohl Deutschland, Finnland, Dänemark und Norwegen in der Kategorie A oder B sind, ist die Anzahl der Ankünfte aus diesen Ländern aber nicht sehr hoch. Der Grund ist, dass diese Länder uns noch nicht so gut kennen.

Kommen denn auch aus diesen Ländern weniger Touristen als im vergangenen Jahr?

Ja, wegen der mangelnden Nachfrage und der geringeren Anzahl von Flügen hatten wir viele Stornierungen. Es kommt hinzu, dass viele Menschen in einem Jahr wie diesem kein neues Reiseland entdecken wollen. Sie wollen in ein Land, das sie gut kennen, denn dort fühlen sie sich sicherer. Für uns rächt sich die Tatsache, dass wir in den letzten Jahrzehnten viele dieser Herkunftsländer nicht beachtet haben.

Warum nicht?

Gute Frage. Ich glaube, dass die Produkte, auf die sich Zypern und die Reiseveranstalter konzentrierten, zu stark familienorientiert waren.

Wirklich? Für viele deutsche Touristen ist Familienorientierung eigentlich ein guter Reisegrund.

Aber die Deutschen bevorzugen trotzdem Spanien, Griechenland und Italien im Sommer und im Winter, außer dem Nachbarland Österreich, Destinationen wie Ägypten, Kanarische Inseln, Tunesien. Zypern war für die Deutschen nie ein bedeutendes Reiseziel. Das versuchen wir mit der Entwicklung einer völlig neuen Strategie zu ändern. Wir konzentrieren uns jetzt darauf, Zypern zu einem ganzjährigen Reiseziel zu machen, die Qualität der touristischen Einrichtungen zu verbessern, klimafreundlicher zu werden und sicherzustellen, dass der Tourismus nicht nur am Strand, sondern auch in den Bergen und ländlichen Gebieten stattfindet. Aber all diese neuen Dinge brauchen Zeit. Wir zahlen in diesem Jahr den Preis für die Versäumnisse der Vergangenheit.

Immerhin haben sie gut verdient.

Ja, wir haben gute Geschäfte gemacht. Aber als das bisherige Geschäft in diesem Jahr implodierte, brauchten wir etwas anderes, und das haben wir nicht rechtzeitig aufzubauen geschafft.

Trotz Corona hatten Sie im Frühjahr noch erwartet, dass 200 000 Touristinnen und Touristen im wichtigsten Reisemonat August kommen würden, am Ende waren es nicht einmal 100 000.

Stimmt. Aber im letzten Jahr hatten wir im August fast 600 000 Feriengäste. Als wir im März von 200 000 sprachen, erklärten uns alle für verrückt. Die Zahl sei viel zu niedrig. Aber dann rutschten all unsere Hauptmärkte Großbritannien, Russland, Israel, Libanon und Schweden in die Kategorien B und C, wo man einen negativen Corona-Test braucht – und wir hatten ein Problem.

Wie hoch war die Hotelauslastung im Sommer?

Insgesamt haben wir in Zypern rund 800 Hotels, von denen im Sommer maximal 150 geöffnet waren, bei etwa 50 bis 60 ankommenden Flügen täglich. Obwohl die Hoteliers Rabatte von bis zu 50 Prozent gewährten, fielen die großen Reiseveranstalter fast völlig aus. Leider ist die Lage weiterhin sehr volatil. Noch immer werden Flüge storniert.

Wie stark war der Druck der britischen Reiseveranstalter auf die zyprische Regierung, das wichtigste Herkunftsland Großbritannien in die Kategorie A aufzunehmen?

Sehr stark. Die britischen Reiseveranstalter haben viel Druck ausgeübt, dass Briten ohne Corona-Test einreisen könnten, aber das taten sie auch gegenüber Griechenland und Spanien. Der Unterschied ist, dass Griechenland und Spanien dazu Ja gesagt haben, während wir Nein sagten. Und das war die richtige Entscheidung.

Warum?

Weil uns von Anfang an die Gesundheit und Sicherheit unserer Bevölkerung und aller Menschen, die auf dieser Insel leben, sehr wichtig war. Mit dieser Einstellung schaffen wir zugleich auch eine sichere Umgebung für Feriengäste. Das war unsere Hauptpriorität.

Einige EU-Regierungen haben jetzt Reisewarnungen für Zypern ausgesprochen. Wie sicher ist das Reiseziel Zypern im Moment?

Zypern ist immer noch ein sicheres Reiseziel. Wir haben eine der niedrigsten Corona-Raten in Europa. Angesichts des Winters wird das Gesundheitsministerium einige Schutzmaßnahmen neu bewerten. Und wir haben uns entschieden, die Vorkehrungen mit einem neuen Image des Landes zu kombinieren: Wir haben keine Umweltverschmutzung. Es gibt viel Natur, saubere Luft und großartige Wasserqualität. Wir begreifen Corona auch als eine Chance, um die natürlichen Vorteile Zyperns gegenüber anderen Reisezielen herauszustellen.

Haben Sie genug Intensivbetten für den Fall der Fälle?

Zypern hat ein sehr zuverlässiges Gesundheitssystem und eine der höchsten Quoten von Intensivbetten in der EU, rund 20 pro 100 000 Einwohner, während es im Durchschnitt von Griechenland fünf sind. Außerdem haben wir 500 Zimmer in Quarantänehotels bereitgestellt für Kontaktpersonen von Menschen, die positiv getestet werden. Wir bezahlen den Krankenhausaufenthalt, die Unterkunft im Quarantäne-Hotel, die Medikamente, die Verpflegung.

Was würde passieren, wenn ich in einem Hotel einchecke und zwei oder drei Personen dort positiv getestet werden?

Wir bringen diese Patienten ins Krankenhaus und kümmern uns kostenlos um sie. Wir identifizieren ihre Kontaktpersonen und bringen diese nötigenfalls in ein Quarantänehotel. Wir desinfizieren alle Räume. Der Rest des Hotels arbeitet normal weiter. Wir haben das System so gestaltet, dass niemand, der gesund ist, Angst haben muss, dass sein Urlaub ruiniert wird, weil nebenan jemand krank geworden ist.

Wie hat die Regierung auf die Krise der Tourismusbranche reagiert?

Wir haben die Unternehmen finanziell unterstützt. Wir haben einen großen Teil der Mitarbeitergehälter in der Branche abgedeckt, rund 50 Prozent, um Entlassungen zu verhindern. Damit wurden etwa 90 Prozent aller Beschäftigten erreicht, selbst in der Hochsaison im August und September noch 70 Prozent. Das Programm soll jetzt verlängert werden.

Ähnlich wie das Kurzarbeitergeld in Deutschland.

Unsere Basislinie ähnelt tatsächlich dem deutschen Programm. Natürlich verlieren die Unternehmen viel Geld, aber wir hoffen, dass viele mit den Unterstützungsprogrammen der Regierung und der Banken, die kurzfristige Kredite ausreichen, überleben. Es ist nicht wie 2013 in der Finanz- und Bankenkrise. Damals hatten die Banken kein Geld, um strauchelnden Unternehmen Kredite anzubieten.

Zum Teil wurden die Ausfälle durch den lokalen Tourismus der Zyprioten ausgeglichen. Sie strömten an die Strände.

Ja, viele Einheimische sind dieses Jahr nicht ins Ausland gereist, sondern haben Wochenendausflüge an die Strände oder ins Troodos-Gebirge unternommen. Das hat uns gefreut, weil es eine Chance ist, die Einheimischen wieder für Urlaub im eigenen Land zu begeistern.

Wie steht es um die finanziellen Reserven der Unternehmen?

Zum einen liefen die letzten drei, vier Jahre sehr gut, die meisten konnten Rücklagen bilden. Viele Betreiber von Hotels sind auch deren Eigentümer. Sie müssen also keine Miete zahlen. Die meisten Mieter wiederum haben es geschafft, die Miete zu reduzieren oder aufzuschieben. Hinzu kamen die EU-Hilfen.

Wie hat die Tourismusbranche davon profitiert?

Insgesamt hat Zypern seit April 5,5 Milliarden von der EU erhalten, davon fließen 2,7 Milliarden Euro in die Tourismusbranche. Es entspricht dem, was andere Länder ebenfalls erhalten haben. Das Geld wurde gebraucht.

Erwarten Sie ab 2021 einen neuen Aufschwung?

Nein. Selbst wenn der Impfstoff bald kommt, wird es noch einige Monate dauern, bis alle ihn bekommen können. Zugleich werden die Leute überlegen, wie viel Geld sie überhaupt noch haben, um in den Urlaub zu fahren. Die finanziellen Auswirkungen der weltweiten Rezession werden gewaltig sein.

Nicht zu vergessen der Brexit.

Natürlich. Ebenso die Tatsache, dass die meisten Fluggesellschaften ihre Bestellungen für neue Flugzeuge storniert und die Anzahl der Routen reduziert haben. 2021 wird wieder ein schwieriges Jahr.

Das Virus in Zypern

Erleben wir möglicherweise das Ende des Massentourismus?

In Zypern haben wir vor allem Massentourismus aufgebaut. Er wird nicht verschwinden, weil Familien sowohl den Strand wie auch Pauschalreisen mögen. Es ist aber sehr wichtig für uns zu wissen, dass es einen großen Teil des Marktes gibt, der nicht nach Strandurlauben und Massen sucht.

Zypern hat dieselben Fehler wie andere Mittelmeeranrainer gemacht und viele Küsten zubetoniert.

Das stimmt, aber wir haben diese Bautätigkeit weitgehend gestoppt. Bisher drehte sich alles um Wachstum. Im neuen Jahrzehnt besteht unsere Strategie in Diversifizierung des Produkts, massiver Förderung der Berge und der ländlichen Gebiete, die bisher nicht vom Tourismus profitiert haben, beispielsweise durch Agrotourismus.

Die gute Absicht stößt auf entschiedenen Widerstand der Tourismusbranche, die zum Beispiel mit der Akamas-Halbinsel im Westen das letzte unberührte Stück Natur Zyperns touristisch entwickeln will.

Sie haben Recht. Aber für uns ist klar: Akamas wird nicht angetastet, auch wenn sich das manche Leute in der Region wünschen.

Reagieren Tourist:innen auf die angespannte politische Lage im östlichen Mittelmeerraum aufgrund türkischer Drohgebärden? Bleiben sie auch deshalb fern?

Ich glaube nicht. Selbst in Israel, Ägypten und Jordanien hat der Tourismus in den letzten Jahren stark zugenommen. Aus touristischer Sicht ist eine politische oder diplomatische Gefahr keine Gefahr. Brisant wird es, wenn die Leute auf dem Bildschirm sehen, dass Bomben explodieren oder Flüchtlingswellen aufkommen. Selbst nach Terroranschlägen erholt sich der Tourismus sehr schnell wieder.

Die Türkei kann jederzeit eine Krise im besetzten Nordzypern anzetteln. Was dann?

Die Besetzung des Nordens durch die Türkei hat den Tourismus ohnehin stark beeinflusst. Zum Beispiel entgeht uns dadurch ein potenziell riesiger Herkunftsmarkt – die Türkei. Aber die Türkei will den Tourismus im besetzten Gebiet ebenfalls entwickeln und wird sich nicht selbst schaden.

Wo haben Sie dieses Jahr Ferien gemacht?

Ich habe meinen Urlaub auf Zypern verbracht, in meiner Lieblingsregion Polis nahe Akamas. Dort ist es wunderschön, es gibt viel Natur und frische Luft, eine fantastische und einzigartige Kombination des Meeres mit den Bergen. Man fährt dorthin, und entspannt sich ganz automatisch.

Interview: Frank Nordhausen

Savvas Perdios ist 39 Jahre alt und seit Januar 2019 Tourismusminister von Zypern.

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