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Die Restauration der Kirche schreitet seit zwei Jahren langsam voran. Sadak Souicix/Le Pictorium/Imago Images
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Die Restauration der Kirche schreitet seit zwei Jahren langsam voran.

2 Jahre nach dem Feuer

2000 Eichen für den Wiederaufbau von Notre Dame in Paris

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Zwei Jahre nach dem Brand in der berühmten Pariser Kathedrale steht fest: Der Dachstuhl soll so originalgetreu wie möglich erneuert werden – wie im Mittelalter

Auch Bäumen ist kein ewiges Leben beschieden. Pfarrer Amaury de la Motte Rouge segnet die hohe Eiche mit einem Kreuz, dann machen sich die Holzfäller ans Werk. In wenigen Minuten fällt der Stamm, der hundert Jahre lang gewachsen war, mit einem gewaltigen Rauschen und Krachen zu Boden. Als er aufschlägt, erzittert der ganze Wald von Vibraye, unweit der französischen Stadt Le Mans.

Der Eichenstamm ist einer von 2000 Artgenossen, die in gut drei Jahren das neue Dachgebälk der berühmtesten Kathedrale der Welt bilden sollen. Vertreter des Branchenverbandes „France Bois Forêt“ bestimmen und nummerieren derzeit Bäume im ganzen Land. Von Korsika bis an den Ärmelkanal, vom Elsass bis in die Bretagne soll jede französische Region, jeder passende Großwald vertreten sein.

Das Bild des verheerenden Brandes im Dachstuhl der Kathedrale ging im April 2019 um die Welt.

Im Wald von Vibraye herrscht das Hochgefühl, zu einer Mission von mindestens nationaler Bedeutung beigesteuert zu haben. Die gefällte Eiche sei eine der schönsten des ganzen Bestandes – schnurgerade und genau zentriert, freute sich der Baumverwalter Bernard D’Harcourt in der Lokalzeitung „L’Echo sarthois“. Die Baumfällung, fügte er an, sei paradoxerweise ein Zeichen, dass „das Leben trotz des Dramas weitergeht und Notre-Dame wieder auferstehen wird“.

Tausende fordern anderes Baumaterial für Notre Dame um Eichenwälder zu schützen

Nicht alle sind so euphorisch. Eine nationale Petition hält sich darüber auf, dass so viele, teils jahrhundertealte Bäume dem Wiederaufbau eines noch so speziellen Gebäudes geopfert werden. „Im Zeitalter der nachhaltigen Entwicklung stellt das einen Ökozid und eine Absurdität dar“, schreiben 42 000 Unterzeichner:innen in der Eingabe. „Ein hundert Jahre alter Baum ist Teil unseres Kulturerbes; er stellt ein Ökosystem für sich allein dar. Unser Planet ist in Gefahr, unser Wälder leiden unter dem Klimawandel, weshalb dieser Entscheid unverständlich ist.“ Das gelte umso mehr, als der Dachstuhl der Kathedrale per Definition verdeckt und nur für einige Privilegierte sichtbar sei.

Vom botanischen Garten bis zum Schwimmbad: Es gab viele Ideen für den Wiederaufbau. Letzendlich soll es traditionell bleiben.

Die Worte sind stark, der Erfolg der Petition hält sich allerdings in Grenzen. Der Wiederaufbau der Kathedrale geht in Frankreich vor. Und die gefällten Bäume bilden laut dem Nationalen Forstamt nur 0,1 Prozent der jährlichen „Eichenernte“ zu Gewerbezwecken. Überhaupt nehme die Waldfläche in Frankreich wie in ganz Europa heute zu, sagen Forstfachleute. Die Petition tun sie deshalb als „Idefix-Reflex“ ab – benannt nach dem Comic-Hund, der jedes Mal in Tränen ausbricht, wenn Obelix einen Baum umlegt.

Doch kein Schwimmbad auf dem Dach von Notre Dame in Paris: Kathedrale soll originalgetreu aufgebaut werden

Die Petition verlangt den Einsatz von „verantwortungsvolleren, weniger schädlichen Ingenieurtechniken“ als eine Holzkonstruktion. Konkreter wird sie nicht – denn Alternativen gibt es kaum. Die Kathedralen von Reims und Nantes sind mit viel Beton restauriert worden; im Fall von Notre-Dame bestand aber rasch ein Konsens, dass der Wiederaufbau „à l’identique“, das heißt wie vor dem Brand, zu erfolgen habe. Diese Vorgabe hat Emmanuel Macron im vergangenen Sommer offiziell bestätigt. Nachdem der Präsident anfangs einem „zeitgenössischen“ Neuprojekt den Vorzug gegeben hatte, schließt er sich nun der Meinung der Expert:innen und der breiten Öffentlichkeit an. Das bedeutet zugleich das Aus für gewagte Restaurierungsideen wie ein Biotop oder ein Schwimmbad auf dem Kathedralendach.

Um das beschädigte Gerüst wurden Netze zum Schutz vor fallenden Bruchstücken gespannt.

Ende März hat die französische Architektur-Kommission CNPA beschlossen, das Dachgebälk aus dem 13. Jahrhundert originalgetreu wiederaufzubauen. Zwei „halbindustrielle“ oder „betonunterstützte“ Gegenvorschläge wurden in einer internen Abstimmung fallengelassen. CNPA-Vorsteher Alberic de Montgolfier freut sich über die Wahl der Option Holz. Das mittelalterliche Gebälk sei zudem bestens dokumentiert, sagte er. „Man kann es exakt nachbauen.“

Noch genauere Pläne bestehen vom Vierungsturm, den der Architekt Eugène Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert auf dem Dachfirst platziert hatte – und der bei dem Brand vor zwei Jahren vor laufenden Kameras spektakulär in das Kirchenschiff gestürzt war.

Notre Dame soll nach der Vorlage der Kathedralenbauer vor 800 Jahren restauriert werden

Dieser hohe, fein ziselierte Dachreiter ist viel dünner als die beiden wuchtigen Glockentürme aus Stein an der Kirchenfront, aber er sitzt auf einer sehr exponierten Stelle des steilen Dachs. Allein tausend Eichenstämme sind nötig, um ihn in das Dachgebälk einzubauen und eine Höhe von 93 Metern über der Seine zu erreichen.

Weitere tausend Eichen dienen dem Wiederaufbau des eigentlichen Dachstuhls, der in Frankreich zutreffend „forêt“ (Wald) genannt wird. Da das Gebälk von Grund auf neu errichtet werden muss, wird es genau wie im 13. Jahrhundert aussehen; später erfolgte Reparaturen über dem Kirchenschiff und dem Chor können weggelassen werden. Die Zimmerleute werden die Holzarbeiten teils wie im Mittelalter ausführen. Die Baumstämme werden zwar mechanisch zersägt – im Giebel aber mit Äxten und Handsägen eingepasst, wie es die Kathedralenbauer vor 800 Jahren überlieferten.

Verkohlte Dachbalken, zerstörte Bänke: Ein Tag nach dem Feuer wird die Zerstörung auch im Inneren von Notre Dame sichtbar.

Präsident Emmanuel Macron: Notre soll zu Olympischen Sommerspielen 2024 wieder eröffnet werden

Während sie sich beim Bau ihrer himmelsstrebenden Gotteshäuser noch Zeit gelassen hatten, eilt es nun: Präsident Macron will die einst viel besuchte Basilika zu Beginn der Olympischen Sommerspiele im April 2024 wieder öffnen. Die Eichenstämme können deshalb nur zwölf bis 18 Monate trocknen. „Wie früher, als auch ‚grünes‘ Holz eingesetzt wurde, können sich die Balken und Sparren noch leicht verformen“, erklärt Emmanuel Maurin vom Forschungslabor der historischen Monumente (LRMH) im Gespräch mit der FR. „Es ist wichtig, die besten Bäume auszuwählen und sie richtig zu bearbeiten“, sagt der Wissenschaftler, der nach dem Brand wochenlang als einziger Holzexperte Zugang zur Brandruine der Notre-Dame hatte. „Die Bäume müssen deshalb absolut gerade sein, und der Mittelpunkt der Balken muss dem Mittelpunkt des Stammes entsprechen.“

Das genüge allerdings noch nicht, führt Maurin weiter aus: Die Holzfachleute müssten parallel dazu die Verformung der trocknenden Balken antizipieren. Das sei schwierig, aber genauso möglich wie im Mittelalter, als die Schreiner keine Software mit zukunftsorientierten Algorithmen zur Verfügung hatten. „Das Holz trocknet als Faustregel jährlich einen Zentimeter in die Tiefe. Es ‚arbeitet‘ also noch sehr lange, bis ein neues Gleichgewicht entsteht. Es vorauszusehen, erfordert Erfahrung und ein Gefühl für das Material“, sagt Maurin.

Ob die Kathedralenbauer von heute so gut waren wie ihre Vorgänger vor 800 Jahren, wird sich also erst in vielen Jahren zeigen. Aber Notre-Dame hat Zeit: Sie wird für die Ewigkeit gebaut.

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