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15 Millionen Brote im Tank

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Von: Joachim Wille

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Einen Tag vor der Aktion zu Getreideverschwendung protestierten Greenpeace noch vor dem Grünen-Bundesparteitag gegen den Abriss von Lützerath.
Einen Tag vor der Aktion zu Getreideverschwendung protestierten Greenpeace noch vor dem Grünen-Bundesparteitag gegen den Abriss von Lützerath. © imago

Greenpeace protestiert gegen die Nutzung von Getreide für Biosprit und Viehfutter.

Die „Tank oder Teller“-Debatte wird verschärft geführt – wegen des Ukraine-Krieges, der die Getreidepreise in die Höhe getrieben hat – wodurch wiederum der Hunger auf der Welt zunimmt. Kritiker:innen halten die Nutzung von Agrarflächen zur Produktion von Biosprit für falsch. Mit einer ungewöhnlichen Aktion demonstrierten Aktivistinnen und Aktivisten der Umweltorganisation Greenpeace am Samstag für Weizen als Lebensmittel – und „gegen die Verschwendung als Biosprit und Tierfutter“. Die Aktion fand parallel in 21 Städten, darunter Köln, Stuttgart und Leipzig statt. Der Clou: Greenpeace-Teams verteilten dort Brot an Passant:innen, das mit Mehl aus so genanntem Futterweizen gebacken wurde.

Der Hintergrund: Nur rund 30 Prozent des hierzulande geernteten Weizens werden nach der üblichen Klassifikation als „backfähig“ eingestuft, etwa die Hälfte wandert hingegen als „Futterweizen“ in die Viehhaltung oder wird zur Biosprit-Herstellung eingesetzt. Greenpeace verweist auf Einschätzungen aus der Fachwelt, wonach sich tatsächlich rund 80 Prozent dieses Getreides zum Backen eigneten. „Wertvolle Lebensmittel dürfen nicht länger für Biosprit und Futtermittel verschwendet werden“, sagt dazu der Greenpeace-Agrarexperte Matthias Lambrecht. Laut der Umweltorganisation wird in der EU täglich Biosprit aus 10 000 Tonnen Weizen verbraucht. Das sei genug, um daraus 15 Millionen Brote zu backen.

Angesichts der weltweiten Hungerkrise sei es „unverantwortlich, Weizen weiter in Verbrennungsmotoren zu verheizen“, mahnte Lambrecht. Die Bundesregierung müsse die Beimischung von Biosprit aus Nahrungsmitteln zu Benzin und Diesel beenden. Ein Ausstieg von Deutschland aus dem Biosprit „wäre ein Zeichen für andere Länder“.

Im Bundeskabinett haben sich Umweltministerin Steffi Lemke und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (beide Grüne) für ein Herunterfahren der Agrospritherstellung ausgesprochen, Verkehrsminister Volkmar Wissing (FDP) ist dagegen. Ein von Lemke vorgelegter Gesetzesentwurf dazu gehe in die richtige Richtung, sagt Greenpeace. Er dürfe nicht länger von Wissing blockiert werden. Lambrecht: „Statt mit Hilfe von Biosprit seine Klimaziele zu erreichen, sollte Wissing endlich wirklich wirksame Maßnahmen gegen die Erderhitzung ergreifen.“

Bei den „Brot-Demos“ könnten die Passantinnen und Passanten mit ihrer Unterschrift auf einem großen Mehlsack die Aktion unterstützen. Die Säcke sollen nun an das Özdemir-Ministerium geschickt werden.

Der Forderung, Lebensmittel nicht mehr für Tank oder Trog zu verschwenden, haben sich in einer von Greenpeace und der katholischen Hilfsorganisation Misereor gestarteten Petition unterdessen bereits mehr als 58 000 Menschen angeschlossen. Eine weitere Forderung hierbei ist, den tierschutzgerechten Umbau der Viehhaltung endlich entschieden voranzutreiben. Die Unterschriften wurden an Özdemir und Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) übergeben.

Die Bundesrepublik kann Greenpeace zufolge nur klimaneutral werden, wenn die Zahl der Tiere in der Landwirtschaft und damit die Emissionen aus der Viehhaltung in etwa halbiert werden. „Damit ließe sich auch die Verschwendung von Lebensmitteln als Tierfutter beenden“, sagt Lambrecht. Tatsächlich bedeutet die „Veredelung“ von Pflanzen in Fleisch große Verluste an Kalorien. So werden im Durchschnitt für die Herstellung von einer tierischen Kalorie sieben pflanzliche Kalorien benötigt. Eine Kalorie im Rindfleisch benötigt, je nach Produktions- und Berechnungsform sechs bis 21 Kalorien aus Getreide. Günstiger scheidet Geflügelfleisch ab, dort werden für eine Kalorie vier pflanzliche benötigt.

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