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Helau, so geht Finale! Dieses Foto entstand gegen Ende der Generalprobe der traditionsreichen Mainzer Fernseh-Fassenacht.

Karneval in Mainz

Am 11.11. ist er geboren - und das auch noch in Mainz 

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Bevor sie diesen Mann heiratete, hatte unsere Autorin Nicole Schmidt mit Narren nichts am Hut. Jetzt war sie mit ihm sogar bei „Mainz bleibt Mainz“

Die Mainzer machen sich’s überall schön gemütlich, erzählen gern lustige Geschichten und vor allem feiern sie bei allen Gelegenheiten. Das ist kein Klischee, sondern Tatsache. Ich erlebe es seit 15 Jahren, seit ich in Mainz wohne. Zum Beispiel auf dem Markt. Da muss man viel Zeit mitbringen. Es geht nämlich beileibe nicht nur ums Einkaufen. Das Scherzen und Babbeln ist mindestens genauso wichtig. Oder in den Weinlokalen. Nur noch zwei Stühle an einem Tisch frei und sonst alles voll? Egal. Man setzt sich, freudig begrüßt, freiweg dazu. Macht hier jeder. Spätestens nach einer Viertelstunde plaudern vormals Fremde zusammen, bestellen ein Püffchen, das sind 0,1 Liter Wein, nach dem anderen, und essen gebackene Blutwurst mit Kartoffelpuffer, während sie immer fröhlicher werden.

Und so ist es auch bei der Fassenacht. Man muss einfach mitmachen. Es sei denn, man flieht nach Hamburg oder Mallorca.

Das geht bei mir aber nicht, weil ich mit einem waschechten Mainzer verheiratet bin, der sehr fassenachtsaffin und auch noch am 11.11. geboren ist, bekanntlich dem Beginn der Kampagne. Auch ich als gebürtige Schwäbin habe längst gelernt, dass es Fassenacht und nicht Carneval oder Fasching und schon gar nicht Fastnacht heißt. Jedes Jahr feiere ich mit meiner Freundin bis zur Unkenntlichkeit verkleidet Altweiber, lasse mich am Rosenmontagszug mit Luftschlangen und Süßkrams bewerfen. Und rufe dazu sogar richtig „Helau“ und nicht „Alaaf“. Nur das Schunkeln finde ich immer noch entsetzlich. Deshalb winkte ich auch bei den großen Narrenschauen bisher ab. An diesem Mittwochabend allerdings bin ich persönlich anwesend, meinem Mann zuliebe, bei der Generalprobe zur Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht“, wo ich ja nicht für die Kamera schunkeln muss, aber ansonsten alles bis ins Kleinste abläuft wie bei der Live-Sendung am heutigen Freitag, bei der wohl wieder rund sechs Millionen Zuschauer vor ihren Geräten sitzen. Nur die Promis sind noch nicht da.

Der beleibte Sitzungspräsident Andreas Schmitt begrüßt sie trotzdem und auch die 600 anderen gut gelaunten Narren im Saal, fast alle aus der Gegend, ausnahmslos verkleidet. Vorher, wir haben uns gerade zwischen Zebras, Piraten und Matrosen gequetscht, wird zur Einstimmung schon mal geschunkelt. Mein Mann gleich mit. Den Mainzern, wird ein auftretender Lehrer später erklären, liege das sozusagen in den Genen. Selbst in der Arena von Verona habe man schon welche schunkeln sehen, beim Lied des Gefangenenchors in der Oper Nabucco. Oh je. Am liebsten würde ich mich unter den Tisch verkriechen. Das ist aber unmöglich, weil jeder Platz besetzt ist und zwischen die Stühle kein Baltt mehr passt - im Fernsehen sieht der Saal viel größer aus. Also gucke ich streng und unbeteiligt wirkend geradeaus. Gerade nochmal gutgegangen.

Im folgenden, rund vierstündigen Programm, wird in den politisch-satirischen Beiträgen scharfzüngig nichts ausgelassen, was gerade Medien und Meinungen beherrscht: Merkel, AKK und März, Feinstaub und Klimawandel, der Brexit wird nur gestreift, die AfD und Trump bekommen gehörig ihr Fett weg. Das gefällt mir gut, ich darf dabei ja auch entspannt sitzenbleiben.

Am Ende aufstehen und begeistert klatschen, so wie die anderen. Geschenkt. Die Redner, alles Amateure, haben es verdient. Auch Polizist und Lehrer, die ein wenig schwächeln. „Wolle mer’n roilasse?“, schreit der Präsident bei der Ankündigung des nächsten. „Eroi mit’m“, rufe ich mit im Chor. Nur schade, dass keine Frau dabei ist. Mit jeder Nummer wird die Stimmung lockerer. Ich auch.

Vorne in der Bütt ein saublöder Witz der Spaßmacher Martin Heininger und Chrisitan Schier. „Treffen sich zwei Pickel im Gesicht. Fragt der eine: Wo ist denn Deine Freundin. Sagt der andere: Abgekratzt“. Im Fernsehen hätte ich mich zurückgelehnt und matt gekichert. Hier lache ich mich kaputt. Und stimme in das „Uiuiuiuiuiuiui, auauauauau“ der Zuschauer ein, wenn ihnen eine Passage besonders gut gefällt. Tusch. Weiter geht’s.

Als dann noch das Gardeballett der Mainzer Prinzengarde, bestehend aus 18 gestandenen Herren, seine Beine schwingt zum Thomas-Neger-Hit „Meenz bleibt Meenz“ und der dicke Butler gegenüber ausgelassen auf seinen Stuhl steigt, besteht kein Zweifel mehr: Der Fassenachts-Gute-Laune-Virus ist voll ausgebrochen und auf mich übergesprungen. Wir baden in Konfetti, Luftballons segeln von der Decke, die Mainzer Hofsänger singen zum Finale den Evergreen „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Und alle schmettern selig mit, ganz eng beieinander. Neben mir steht ein barocker Galan mit Clownsnase und schreit mir ins Ohr: „Ich hätte gern ein wenig mehr geschunkelt – nur am Anfang, das war mir zu wenig!“

Und, was soll ich sagen? Jetzt, in diesem Augenblick, da hätte sogar ich mitgeschunkelt. Die Mainzer – kriegen einen doch irgendwie immer rum.

„Mainz bleibt Mainz“ - die Fernsehsitzung

Politische Reden, Kokolores, Tanz und Musik: Das ist „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“, die Mutter aller Fernsehsitzungen. Seit 1973 wird sie im Großen Saal des Mainzer Kurfürstlichen Schlosses live abwechselnd von ZDF und ARD im Fernsehen übertragen. Die Show ist eine Gemeinschaftssitzung vom Mainzer Carneval-Verein (MCV), dem Mainzer Carneval Club (MCC), dem Gonsenheimer Carneval-Verein (GCV) und dem Karneval-Club Kastel (KCK).

Den Vorläufer „Mainz wie es singt und lacht“ gab es im Ersten schon 1955, die Sendung ist damit fast so alt wie das deutsche Fernsehen. 1964 folgte das ZDF mit „Mainz bleibt Mainz“ – bis schließlich neun Jahre später beide Sendungen inhaltlich und namentlich zu einer verschmolzen. Legendär ist die Ausstrahlung von 1964: Zum ersten Mal sang Ernst Neger, der singende Dachdeckermeister, sein berühmtes „Humba Täterä“. Das Saalpublikum tobte, forderte immer neue Zugaben, es kam zu einer einstündigen Überziehung – und mit fast 90 Prozent Marktanteil zu den höchsten Einschaltquoten der Sendungsgeschichte.

Am heutigen Freitag, 1. März, ist die ARD – unter Federführung des SWR – wieder an der Reihe, Beginn ist um 20.15 Uhr, Ende gegen Mitternacht.

Die politisch-satirische Fassenacht, das Markenzeichen von Mainz, wird durch alte Bekannte wie den bissigen Protokoller Erhard Grom und den TV-erfahrenen Kabarettisten Lars Reichow mit seiner Nachrichtenshow repräsentiert, auch „Obermessdiener“ Andreas Schmitt nimmt kein Blatt vor den Mund. Zum ersten Mal steht Johannes Bersch in der Bütt, mit goldener Perücke als „Moguntia“, wie Mainz unter den Römern hieß, und Merkelparodist Florian Sitte tritt erstmals zusammen mit Verwandlungskünstler Helmut Schlösser auf – er sieht aus wie Annegret Kramp-Karrenbauer (die sich auch in echt als Gast angekündigt hat).

Letztgenannte Nummern wurden – und das ist neu – speziell für die Sendung konzipiert. Der SWR, auf Quotenfang, will damit eine eigene Note in die Fernsehsitzung bringen und auch die Ehrengäste mehr einbeziehen. (ole)

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