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Auf der Insel, etwa 40 Kilometer westlich von Oslo, steht das Denkmal mit den Namen aller Getöteten.
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Auf der Insel, etwa 40 Kilometer westlich von Oslo, steht das Denkmal mit den Namen aller Getöteten.

Ein traumatisiertes Land

10 Jahre nach dem Anschlag von Utøya: „Viele haben das Gefühl, vergessen zu werden“

  • VonCedric Rehman
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Wie geht es den Überlebenden von Utøya? Am 22. Juli 2011 tötete der Rechtsextremist Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel 69 Jugendliche. Zwei, die mit dem Leben davonkamen, erzählen von ihrem Kampf gegen dunkle Erinnerungen und Anfeindungen im Netz

Utøya - Miriam Einangshaug ging an Leichen vorbei, bevor sie am 22. Juli 2011 Utøya verließ. Ihre Freundinnen und Freunde von der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF lagen mit weißen Tüchern bedeckt entlang eines Pfades zum Bootssteg der Insel. Sicherheitskräfte umringten Anders Behring Breivik in seiner falschen Polizeiuniform einige Meter vom Steg entfernt. Miriam Einangshaug, damals 16 Jahre alt, sah den Mörder nur dieses eine Mal auf der Insel, nachdem sie zuvor nur das Stampfen seiner Stiefel gehört hatte.

Nach den ersten Schüssen rannte sie mit anderen Jugendlichen durch den Wald zu einem Gebäude mit Schlafräumen. „Wir haben ein paar von den Betten vor die Fenster gestellt und waren dabei, unter die anderen zu kriechen, als wir seine Schritte vor der Tür hörten.“ Der Attentäter ging vor den Schlafräumen auf und ab. Er suchte nach einer Lücke, durch die er seine Kugeln feuern konnte. Dann hörte Miriam einen Knall. Er klang, als würde etwas in ihrem Kopf explodieren. „Das Geräusch war so laut, es hat sich angefühlt, als hätte er mich getroffen.“

Der 22. Juli 2011 markiert die schlimmste Gewalttat der Geschichte Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg

Breivik schoss durch die Wand. Die Kugel muss direkt über Miriams Kopf eingeschlagen sein. Ihre Erinnerung setzt erst wieder ein, als sie unter einem der Betten und nicht mehr auf dem Boden in der Schusslinie lag. Jemand muss sie von dort weggezogen haben. Sie tippte im Dunkeln auf ihrem Handy eine Textnachricht an ihre Eltern: „Ich liebe euch.“ Das nächste Bild, das vor ihrem inneren Auge erscheint, ist das von norwegischen Polizisten, die den Schlafraum stürmten. Wieder waren es Männer mit einer Waffe in der Hand. „In dem Moment war ich mir sicher, jetzt werde ich sterben.“

Miriam Einangshaug.

Auf einer Bank im Botanischen Garten von Oslo erzählt die heute 26-Jährige von ihrer Todesangst. Sie ist eine junge Frau, die lacht und gern Augenkontakt sucht. Nur wenn das Gespräch den 22. Juli 2011 nicht nur umkreist, sondern die Fragen sich um den Anschlag drehen, wendet sie den Blick ab und starrt ins Leere. Der Tag davor sei der letzte Tag ihrer Kindheit gewesen, sagt Einangshaug. Ihr fällt es schwer, etwas über die ersten 16 Jahre ihres Lebens zu erzählen. Da sei alles so normal gewesen, nichts davon habe sich so tief eingebrannt wie jener Tag auf Utøya. Nach einer Weile sagt sie: „Meine Jugend war okay, ich habe viel gelesen und mich für Politik interessiert. Deshalb bin ich der AUF beigetreten.“

Miriam musste sich entscheiden, zu wessen Beerdigung sie ging; 69 Menschen hatte Breivik getötet, viele von ihnen wurden zeitgleich bestattet. Mit dem Beginn des neuen Schuljahrs im Herbst sollte sie dann wieder einen Platz finden in einer von Hormonen, Schulnoten und Songs voller Traurigkeit ohne Grund geprägten Welt. Es funktionierte nicht.

Die Anschläge von Utøya haben das ganze Land traumatisiert

Ihre Geschichte ist eine des jahrelangen Kampfes gegen Dunkelheit und Verzweiflung. Sie scheint ihn mit der Hilfe von Therapien gewonnen zu haben. Miriam Einangshaug hat Abitur und Bachelor bestanden, auch wenn sie aufgrund einer Konzentrationsschwäche für die Abschlüsse mehr Zeit benötigte. Noch heute, sagt sie, gelinge es ihr nicht, ein Buch am Stück zu lesen, ihre Gedanken schweiften nach ein paar Seiten ab. Sie engagiert sich seit einem Jahr bei „Støttegruppen 22 Juli“, der norwegischen Vereinigung zur Unterstützung der Opfer des Breivik-Attentats, die Gruppe hat 1600 Mitglieder. Das sei ihre Art, im Heilungsprozess voranzukommen, sagt Einangshaug.

Die Anschläge

Am 22. Juli ist es zehn Jahre her, dass Norwegen die schlimmste Gewalttat seiner Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg erlebte. Der Terrorist Anders Behring Breivik zündete im Osloer Regierungsviertel eine selbst gebaute Bombe und tötete damit acht Menschen. Anschließend fuhr er zur Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten (AUF) ihr jährliches Zeltlager veranstaltete. Er schoss wahllos auf die Jugendlichen. In den 92 Minuten bis zu seiner Festnahme nahm er 69 Menschen das Leben. Seine jüngsten Opfer waren 14 Jahre alt.

Breivik wurde zur norwegischen Höchststrafe verurteilt: 21 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Er sitzt isoliert in drei Zellen im Gefängnis von Skien. Bis heute hat er seine Taten, die er mit „Furcht vor der Islamisierung der westlichen Welt“ begründete, mit keinem Wort bereut. dpa

500 Jugendliche nahmen an dem AUF-Sommercamp auf Utøya teil. Jene, die keine Schüsse trafen, rannten um ihr Leben. Sie versteckten sich im Wald oder unter den über den Strand ragenden Felsen. Sie hörten, wie andere um ihr Leben flehten. Viele Jugendliche, die Jüngsten erst 14 Jahre alt, kamen wie Einangshaug aus kleinen Gemeinden, verteilt über ganz Norwegen. Bis heute gebe es Probleme mit der psychologischen Hilfe für die Opfer; nicht alle Überlebenden hätten das Glück gehabt, das richtige Therapieangebot zu finden, sagt sie. Gibt es in dem als Inbegriff eines friedlichen Landes geltenden Norwegen vielleicht einfach zu wenig Traumatherapeuten? „Ich glaube, manchmal ist einfach der Wille nicht da. Viele sind der Meinung, wir sollten endlich darüber hinwegkommen.“

Die Opfervertreterin schätzt, dass jeder Vierte der 5,3 Millionen Norwegerinnen und Norweger von den Anschlägen am 22. Juli 2011 betroffen war: Sie kannten jemanden, der auf Utøya erschossen wurde oder von dort mit einem Trauma zurückkam. Oder sie hielten sich im Stadtzentrum von Oslo auf, als Breivik im Regierungsviertel vor dem Hochhaus Høyblokken fast eine Tonne Ammoniumnitrat aus Kunstdünger zündete. Acht Menschen kamen dabei ums Leben. Und dennoch werde in Norwegen von Jahr zu Jahr weniger über die Anschläge gesprochen, sagt Einangshaug. „Viele Überlebende haben das Gefühl, dass sie vergessen werden.“

Jeder Vierte der 5,3 Millionen Norwegerinnen und Norweger war von den Utøya-Anschlägen betroffen

Dort, wo Breivik an jenem Tag seinen weißen Kleintransporter parkte zwischen dem früheren Öl- und Energieministerium und dem Büro des damaligen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg an der Straße Akersgata, zieht heute ein Kran Lasten in die Höhe. Hinter ihm verbirgt sich hinter Stoff mit einem Fassadenaufdruck verborgen der Nachfolger des bei der Explosion verwüsteten und dann abgerissenen Høyblokken-Trakts. Bauzäune umgeben das Regierungsviertel. Die Nachfolgerin des während des Anschlags regierenden Sozialdemokraten Jens Stoltenberg, Erna Solberg von der konservativen Høyre-Partei, beschloss 2014, dass alles bis 2029 neu werden soll, grüner und vor allem besser geschützt vor Attentaten. Die beschädigten Gebäude sollten dafür weichen.

Am 22. Juli 2011 fegte eine Druckwelle durch die umliegenden Straßen mit ihren teuren Geschäften und schicken Cafés. Sie drückte Fensterscheiben ein und blies Menschen um. Es regnete Glassplitter und die aus den Büros der Ministerien gesogenen Papiere vom Himmel. Das Innenstadtviertel um die Akersgata erscheint knapp zehn Jahre später wie eine Blaupause für das künftige Zentrum der norwegischen Regierung: modern, blank gewienert und bis auf ein Kunstwerk aus eisernen Rosen vor der Kathedrale von Oslo ohne sichtbare Spuren der Anschläge.

Nicht alle waren glücklich damit, dass Solberg die beschädigten, aber im Kern intakten Regierungsgebäude nicht erhalten wollte. Schnell war von „Geschichtspolitik mit der Abrissbirne“ die Rede und von einer Regierung, die unter Beteiligung der rechtsgerichteten Fremskrittspartiet von 2013 bis 2020 kein besonderes Interesse an einer architektonischen Mahnung an die Tat zeigte.

10 Jahre nach den Anschlägen von Utøya

Einer, der vielleicht eines Tages in einem der neuen Regierungsgebäude in Oslo sitzen könnte, schwamm am 22. Juli 2011 um sein Leben. Gaute Børstad Skjervø sprang ins Wasser, als Breivik auf der Insel das Feuer eröffnete. „Vielleicht 500 oder 600 Meter von der Insel entfernt haben mich Touristen mit einem Boot aus dem Wasser gezogen“, sagt er. Er war mit sechs Klassenkameraden zu dem Sommercamp auf Utøya aus der Kleinstadt Levanger in Zentralnorwegen aufgebrochen. Børstad Skjervø kam als einziger zurück.

Der heute 26-Jährige erzählt in seiner Wohnung in der Stadt Frogner, rund 30 Kilometer nördlich von Oslo, davon, wie er Breivik entkam. Er behält dabei die Uhr im Auge. Der Vize-Präsident der sozialdemokratischen Arbeiter-Jugendliga AUF hat kurz vor dem Jahrestag viel zu erledigen. Da ist das offizielle Gedenken der Überlebenden in Anwesenheit der norwegischen Ministerpräsidentin Erna Solberg am 22. Juli 2021. Die AUF wird im August ein Sommercamp auf Utøya veranstalten. Und bei der Parlamentswahl, voraussichtlich am 13. September, will Børstad Skjervø als Kandidat Nummer vier der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet für den Wahlkreis Nord-Trøndelag in den nächsten Storting einziehen. Seine Heimatstadt Levanger gehört zu seinem Wahlkreis.

Woher nimmt er für all das die Kraft? Børstad Skjervø spricht von einer Trotzhaltung, die ihn vor einem dunklen Loch bewahrt habe. Breivik habe die AUF „enthaupten“ wollen, als er ihr Sommerlager auf Utøya angriff, sagt er. Jemand habe an die Stelle der ermordeten Führungskräfte treten müssen, und warum sollten dies nicht die Überlebenden des Anschlags sein? Zur Selbstachtung seiner Organisation gehörte es auch, von 2015 an, wie in den vergangenen Jahrzehnten, auf Utøya ein Sommercamp zu veranstalten – nun allerdings unter dem Schutz bewaffneter Sicherheitskräfte. Børstad Skjervø war zum ersten Mal 2017 wieder auf der Insel, auf der er seine Klassenkameraden verlor. „Das war schwierig“, sagt er nur.

Die Arbeiter-Jugendliga AUF will ein neues Sommercamp auf Utøya veranstalten

Skjervø gehört zu einer Gruppe von Utøya-Überlebenden, denen im Fall eines Wahlsiegs der Sozialdemokraten auch ein Ministeramt in der künftigen Regierung zugetraut wird. Der Preis für den Erfolg scheint hoch. Denn die Zeit der Rosen, die sich nach dem 22. Juli 2011 rund um die Kathedrale von Oslo türmten, ist vorbei. Wer das Attentat überlebt habe und die Stimme in der Öffentlichkeit erhebe, werde heute in den sozialen Netzwerken beschimpft, beleidigt und manchmal mit dem Tod bedroht, sagt Skjervø.

Gaute Børstad Skjervø.

Der Nachwuchspolitiker beschreibt eine Polarisierung. Die Frage, was am 22. Juli 2011 geschah, habe die politischen Lager immer weiter voneinander entfernt. Für die einen sei es ein Anschlag auf die Werte des Landes gewesen, die von der über Jahrzehnte regierenden Sozialdemokratie maßgebend geprägt wurden. Zu ihnen zählte auch eine für Migration offene Gesellschaft. Mit keinem Namen ist der liberale Kurs mehr verbunden als mit dem der langjährigen Ministerpräsidentin und Landesmutter Gro Harlem Brundtland von der Arbeiderpartiet. Breivik sagte vor Gericht aus, er habe Brundtland wegen ihrer Haltung in der Einwanderungspolitik vor laufender Kamera auf Utøya enthaupten wollen. Dazu kam es nicht, weil die ehemalige Regierungschefin ihren öffentlich angekündigten Besuch bei der Parteijugend früher als geplant beendet hatte.

Anderen, sagt Børstad Skjervø, erscheine der Anschlag eher wie eine Art Unglück, ausgelöst von Breiviks krankhaftem Wahn. Für sie verbiete sich jede politische Betrachtung. „Viele mögen es nicht, wenn Überlebende Fragen stellen. Zum Beispiel, inwiefern die Art, wie manche Politiker oder die Medien über Migranten oder Muslime in Norwegen diskutiert haben, Breivik ermutigt hat. Und unserer Partei wird jetzt vorgeworfen, sie ziehe mit der Kandidatur von Überlebenden die Utøya-Karte, um wieder an die Macht zu kommen.“

Überlebende des Anschlags von Utøya erhalten Drohungen und Schmähungen

Die Schriftstellerin Erika Fatland hat wenige Wochen vor dem Jahrestag auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen zu tun. Sie war vor zehn Jahren eine renommierte Expertin für Terrorismus und bekannt durch die in einem Buch veröffentlichten Protokolle der Opfer des Geiseldramas 2004 im südrussischen Beslan; tschetschenische Terroristen hatten damals Hunderte Schulkinder ermordet. Fatland gelang es, kurz nach Breiviks Anschlag Zeugnisse von Überlebenden und Hinterbliebenen zu sammeln und eine mehr als 500 Seiten lange Reportage darüber zu schreiben. Ihr Buch „Die Tage danach“ wühlte 2012 eine Nation auf, die während des Gerichtsprozesses von April bis August 2012 jeden Tag das mal reglose, mal feixende Gesicht des Mörders in den Nachrichten ertragen musste. Auch einige von Fatlands ehemaligen Interviewten erhalten inzwischen Drohungen und Schmähungen in den sozialen Netzwerken. „Sie lesen dann so was wie: Schade, dass Breivik dich vergessen hat“, sagt Fatland.

Die Verrohung der Sprache erschreckt sie, die verhärteten Fronten in der Diskussion um die Anschläge vom 22. Juli 2011 erstaunen sie aber nicht. Nach einem Ereignis, das alle betreffe, rückten die Menschen zunächst zusammen und legten Blumen nieder. „Dann kommen die Wut und die Suche nach Sündenböcken“, sagt Fatland. Für viele scheinen das ausgerechnet diejenigen zu sein, die durch ihr Überleben immer an den Anschlag und das zerstörte Bild eines heilen Norwegen erinnern werden.

Vielleicht überfordert die Dimension des Erlebten auch ein kleines Land, in dem das Vertrauen zueinander lange vor dem Rohstoffboom und dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg die Basis für das Zusammenleben bildete. Der Täter war ein unscheinbarer Mann. Die auf die islamistische Gefahr konzentrierten Sicherheitsbehörden überprüften ihn nicht, als sie vor dem Anschlag erfuhren, dass Breivik fast eine Tonne explosiven Kunstdünger gekauft hatte – er lebte ja auf einem Bauernhof. Die Behörden und die Regierung Stoltenberg hätten zumindest ihre Arglosigkeit und ihre Fehler eingeräumt, sagt Fatland. Sicherer sei das Land nur bedingt geworden. Die Menschen hielten fest an ihrer Vorstellung einer offenen Gesellschaft, und Taschenkontrollen beim Betreten öffentlicher Gebäude vertrügen sich mit dieser Idee nicht. Fatland kann die Haltung nachvollziehen. Denn Norwegen war und ist trotz aller digitaler Hassorgien kein Land mit einer gewaltbereiten rechten Szene von Bedeutung. Und doch sind die Anschläge hier geschehen. Es brauchte nur einen Täter, den keine Sicherheitsbehörde auf dem Schirm hatte. „Es ist auch ziemlich schwierig, sich vor jemandem wie Breivik zu schützen. So etwas kann überall passieren“, sagt Fatland. Sie hat nie wieder eine Zeile über Terrorismus geschrieben. Heute veröffentlicht sie Reisebücher. (Cedric Rehman)

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