Kolumne

Zwiespältiger Rat aus dem Bauch

  • schließen

Tief in uns allen wohnt eine Liebe zur Kreatur. Aber die Zuneigung zum hilflosen Geschöpf schlägt dennoch häufig schizophrene Wege ein.

Eigentlich ist ja dieses Unterbewusstsein eine zwiespältige Angelegenheit. Es ist uns meistens ein verlässlicher Berater in kniffligen Situationen, denn es lässt uns „aus dem Bauch heraus“ entscheiden. Darauf zu hören, ist selten falsch. Nehmen wir nur mal die Wohnungssuche. Da ist der Eindruck der ersten Zehntelsekunde immer richtig. Fühlt man sich in der möglichen neuen Bleibe nicht auf Anhieb wohl, wird man sich dort nie wohlfühlen. Denn auch eine Wohnung kann man sich bestenfalls nur für eine halbe Nacht schöntrinken.

Andererseits schickt viele ihr Innerstes immer wieder hinterhältig ins gleiche Unheil, besonders bei der Partnerwahl. Da lässt es sie Beziehungen eingehen, bei deren Anbahnung ihre Vernunft alle ihr zur Verfügung stehenden Alarmsirenen ohrenbetäubend erschallen lässt – doch stets ohne Erfolg. Wieder und wieder fallen sie aufs Maul, sagen sich „ich hätte es wissen müssen“, rappeln sich mühselig wieder hoch – um bei nächster Gelegenheit abermals mit Hurra in die gleiche Kiste des Verderbens zu torkeln und damit in die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung.

Das Unterbewusstsein schlägt also eigenartigste Kapriolen. Aber warum? Will es wirklich nur unser Bestes? Oder hat es gar irgendwann aufgehört, mit der Zeit zu gehen? Hat es den Wettlauf mit der Vernunft verloren? Fast scheint es so. Man betrachte nur einmal diese Unterschiede, die es macht. So wohnt doch tief in uns allen eine Liebe zur Kreatur. Alle Kinder mögen schließlich zuerst Kuscheltiere, dann Hamster, Häschen oder Meerschweinchen.

Selbst der kleine Adolf hatte sicherlich anfangs einen Teddy, später einen Schäferhund namens Blondi. Hitler ist ein prominentes Beispiel dafür, dass die Zuneigung zum hilflosen Geschöpf häufig schizophrene Wege einschlägt.

So streicheln Jungs daheim ihr süßes Karnickelchen, gehen dann aber raus und streuen Salz auf Nacktschnecken. Oder sie schmusen morgens mit der Hauskatze und blasen nachmittags Frösche auf. Schon sehr früh unterscheiden sie also zwischen Kreatur und Kreatur.

Später im Leben geht der Mensch differenzierter zu Werke. Wir stellen Klebefallen für Kakerlaken auf und lassen sie dort elendig vertrocknen. Werden die Schaben aber für einen Filmdreh benötigt, schreiben wir die Anwesenheit eines Tierschutzbeauftragten vor. Wir bekämpfen Ratten mit Gift, verfängt sich aber eine mit einem Beinchen in einem Gully, rückt die Feuerwehr an, befreit das Tier behutsam und entlässt es zurück in die Kanalisation – um tags drauf von der gesamten „Bild“-Leserschaft tränenreich bejubelt zu werden. Wir spenden viel Geld für geschundene Tiere in Heimen, sparen aber gleichzeitig viel ein, indem wir im Supermarkt die billigsten Schnitzel von geschundenen Schweinen kaufen. Und sitzt vor dem Markt ein Bettler, so geben wir ihm mehr, wenn er einen Hund dabei hat.

Aber damit wären wir dann bei der Schizophrenie unseres Umgangs mit anderen Menschen, die ja laut Grundgesetz alle gleich sein sollen. Aber dieses Thema wollen wir an dieser Stelle mal offenlassen.

Ein kleiner Anstoß fürs weitere Nachdenken vielleicht: Unlängst ließ eine Behörde quer über einen Frankfurter Schulhof eine Linie malen. Als Trennung zwischen Realschülern und Gymnasiasten.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare