Kolumne

Zweitklassige Gefühlswelten

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Ausgegrenzte fühlen sich oft zurückgesetzt. Es kostet dann viel Kraft und Zeit, dies zu korrigieren.

Eigentlich war es nichts weiter als ein Parkplatzstreit, von Belang nur, weil er in der Zeit der Wende geschah, wenige Jahre nach dem Mauerfall. Ich war noch frisch in Berlin, eine Zugezogene aus Frankfurt, aber im Hochgefühl, als junge Journalistin über Ereignisse zu berichten, die das Attribut historisch verdienten: das Abenteuer der deutsch-deutschen Wiedervereinigung – und ich war dabei.

Damals lief gerade der Prozess gegen Erich Mielke, den berüchtigten Stasi-Chef. Ein Riesenandrang. Ich hatte bereits dreimal das Kammergericht umkreist, bevor sich plötzlich eine Parklücke auftat. Schnell das Auto reingesetzt und los. Da sprang ein beleibter Mann erbost aus seinem Trabi und schimpfte, das sei mal wieder „typisch Wessi“. Er habe den Platz zuerst entdeckt.

Ich wähnte mich im Recht, gab ziemlich perplex trotzdem nach, schon um sein Vorurteil zu widerlegen. Ein „Besserwessi“ mit Ellbogenmentalität? Ich doch nicht! Ein Wort des Dankes verkniff sich der Trabi-Fahrer. Vermutlich ging ihm das Gönnerhafte meines Verhaltens auf die Nerven.

Das abgrundtiefe Ausmaß der Missstimmung in „Neufünfland“, wie wir die ehemalige DDR nannten, in dem moderne Raubritter aus dem Verband der Treuhand ganze Industriezweige abwickelten, begriff ich erst nach und nach. Vielleicht auch erst so richtig im Rückblick, als mir ein ehemals „verdienter Genosse“ aus Ost-Berlin neulich die renovierten Prachtbauten aus der Stalin-Ära zeigte. Wem die heute gehören? „Na, den Gewinnern“ erwiderte er bitter. Klar, dass er selbst sich zu Verlierern der Einheit rechnete. Ein Gefühl, das unter Ostdeutschen zu überdauern scheint, selbst wenn es ihnen materiell besser geht als früher, ganz abgesehen davon, dass der Genuss von Reisefreiheit und Demokratie unbezahlbar ist.

Die letzten zwanzig Jahre habe ich diese Entwicklung nur aus der Ferne verfolgt, aus Israel, wo es ein Parallele gibt. Nein, diesmal sind nicht die Palästinenser gemeint, sondern die Misrahim, die orientalischen Juden, die sich lange Zeit als Bürger zweiter Klasse vorkamen. Weil die aschkenasische, europäische Staatsgründer-elite ihre Ankunft in den fünfziger Jahren zwar jubelnd begrüßte, jedoch mit großem Dünkel auf die „unkultivierten“ Einwanderer herabsah.

Ihre Diskriminierung machte sich an miserablen Wohnverhältnissen in staubigen Entwicklungsstädten fest, in die man die Misrahim schickte, und mehr noch an der Arroganz, mit der man ihnen, den Nicht-Weißen, die so arabisch aussahen, begegnete. Mit der Zeit ließ das nach, das Selbstbewusstsein der Misrahim wuchs mit ihren Erfolgen in Kultur, Politik und Militär. Aber die Narben blieben.

Die andere Parallele betrifft die schwer fassbare Tendenz, den eigenen verletzten Stolz mit hochdosiertem Nationalstolz zu kompensieren. So sind die Misrahim, obgleich sie die Hälfte der jüdischen Mehrheitsgesellschaft in Israel stellen, im ohnehin geschrumpften Friedenslager eine bescheidene Minderheit.

Dass im deutschen Osten wiederum die AfD besonders gut gedeiht, Flüchtlinge hingegen ein eher angefeindetes Dasein fristen, ist hinlänglich bekannt. Dabei haben viele „Ossis“, das sagt die kluge Integrationsforscherin Naika Foroutan, oft ähnliche Erfahrungen gemacht wie Migranten.

Mit der Wende kamen sie an in einem ihnen fremden Land, in dem sie sich nach kurzer Euphorie herabgesetzt, wenn nicht gar unerwünscht fühlten. Unsere Willkommenskultur hielt schon 1989 nicht lange vor.

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