+
Martin Schulz sorgt weiter für Begeisterung.

Martin Schulz

Zweifelt nicht am Gottkanzler

  • schließen

Nun hat ER ein etwas geringeres Wunder vollbracht, und schon wenden sich die Ersten, um ihn zu verleugnen.

Eben war er noch der Erlöser, seinem Volk erneut erschienen, es vom Übel zu heilen. Seine Kirche bezeugte die Rückkunft des Heilands, mit einem Video. Es stand auf der SPD-Homepage, jedenfalls bis etwa Sonntagabend, 18 Uhr: Unter den Mühseligen und Beladenen und Sozialdemokraten wandelte da, nein, schwebte ein schütterbärtiger Mann in Würde beziehungsweise Zeitlupe. Er verbreitete aus seinem eigenen echten Originalmund das heilige Wort „Gerechtigkeit“.

Jene, die um ihn standen, winkten und klatschten und trugen Seligkeit im Blick. Wahlkampfgeprüfte „Wollnse-noch’n-Kugelschreiber?“-Parteiarbeiter hatten feuchte Augen und Ortsgruppenleiterinnen spontane Eisprünge. Jemand hielt ihm ein Baby entgegen. Das konnte kein mediales Blendwerk sein. ER war es wirklich.

Doch nun hat der Gottkanzler ausnahmsweise nur ein etwas geringer erscheinendes Wunder getan, und die ersten wenden sich, von ihm abzufallen und ihn zu verleugnen. Ihnen sei gesagt: Das Saarland ist allenfalls so bedeutsam wie eine Staubmilbe von der Größe des Saarlandes.

Der Apostel Johannes prophezeite weiland: „Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Kronen“ (Offenbarung 19, 11-12).

Gut, gegen diese Verheißung offenbart sich Magic Martin etwas, sagen wir: anders. Er stürmt heran nicht auf schäumendem Schimmel, sondern als furioser Spesenritter. Statt heißer Blicke entströmt ihm das mortadellene Charisma des „Wurst-Peter“ vom Biesdorfer Wochenmarkt. Doch derlei soll das Frohlocken der Menschen nicht mindern – darüber, dass er aus einer anderen, besseren Welt, vulgo: Brüssel, zu ihnen herniedergestiegen ist.

Seine Verherrlichung muss weitergehen. Er wird den Armen geben ohne jemandem zu nehmen, „und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ (Offenbarung 21, 4). Das Neue Testament ist durch ein multimediales Buch Schulz zu ergänzen und zukunftsfest zu archivieren, in einem Salzstock bei Gorleben. Denn seine Großtaten beim ersten Erdenaufenthalt sind nicht so lückenlos belegt, dass alle Nachgeborenen darauf vertrauen. Das Übers-Wasser-Gehen wird nur allzu oft in Richtung überfrorener Tümpel profanisiert.

So etwas darf sich nicht wiederholen. Auch in Äonen sollte Gewissheit herrschen, dass er tatsächlich das 100-Prozent-Mirakel von Berlin-Treptow vollbrachte, die SPD zu einer Art Leben erweckte und sein Versprechen einlöste: „Blinde sehen und Lahme gehen, (…) Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus, 11, 5-6)

Darum prüfe jeder jetzt seinen Glauben. Und wer in sich ein Zaudern und Zagen spürt, der wisse: Heute, am 29. März, gibt der Messias eine neue Probe seiner Macht und löscht seinem Volk das falsche Fernsehleuchten DVB-T. Die dadurch gespeisten Apparate fallen in eine tiefe Finsternis immerdar. Er wird so manifestieren, dass seine Wiederkehr nicht – wie bisher angenommen – das Ende aller Zeiten markiert, sondern nur das der groben und unscharfen Bilder. Hallelujah!

André Mielke ist Autor.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare