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"Patriarchalische Machtverhältnisse haben wir weltweit." Eine Installation als Protest gegen Gewalt gegen Frauen im spanischen Gijon.

Sexismus

Zweierlei Maßstäbe bei Gewalt gegen Frauen

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Frauen werden zu oft Opfer von Gewalt. Noch wird nicht alles getan, um das zu verhindern. Nicht genügend im Blick dabei sind die Täter, und die Verkürzung der Debatte ist für Frauen gefährlich. Der Leitartikel.

Vor ein paar Tagen ging ein erschrockenes Raunen durch die Medienlandschaft – zu Recht. Familienministerin Franziska Giffey hatte die neueste Statistik des BKA zur Gewalt in Partnerschaften veröffentlicht. Ergebnis: Die Zahlen sinken nicht, sie steigen. Sie tun das seit Jahren. Und auch andere Formen der Gewalt sind weiterhin alltäglich. Eine EU-Studie hat 2014 ergeben, dass 35 Prozent aller Frauen in Deutschland allein seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Warum können wir dem als Gesellschaft scheinbar so wenig entgegensetzen?

An mangelnder Aufmerksamkeit liegt es nicht. Das Thema ist allgegenwärtig. Nicht nur durch Debatten wie #MeToo. Sondern vor allem, weil kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht von einer Vergewaltigung lesen oder im Fernsehkrimi eine grausam zugerichtete weibliche Leiche in irgendeinem Schuppen gefunden wird. Das brennt sich ein. Doch genau da liegt schon ein Teil des Problems.

Das kollektive Bild von Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor verzerrt. Die aktuellen Zahlen aus dem Familienministerium sind keine Überraschung. Kriminalstatistiken zeigen seit Jahrzehnten, dass der gefährlichste Ort für Frauen ihr vertrautes Umfeld ist und dass die mit Abstand größte Gefahr von (Ex-)Partnern, Vätern, Verwandten, Nachbarn, Kollegen oder „Freunden“ ausgeht.

2017 wurden in Deutschland 351 Frauen getötet. In mindestens 275 Fällen war der Täter ein Bekannter. Trotzdem ist der plötzliche Überfall auf der Straße durch fremde – insbesondere „fremdländische“ – Täter nach wie vor das alles bestimmende Schreckensbild.

Alltägliche Formen von Gewalt werden verdrängt

Diese Verkürzung der Debatte ist nicht nur oft rassistisch. Für Frauen ist sie auch gefährlich. Denn sie verleitet dazu, der Gewalt mit den falschen Strategien zu begegnen. Durch die Sozialisation als potenzielles Opfer lernen Frauen, ihren Aktionsradius immer weiter zu verkleinern: nicht nachts auf die Straße, öffentliche Verkehrsmittel meiden, keine Reisen alleine. Und sie lernen, Schutz zu suchen bei Männern aus dem eigenen Umfeld. Wenn die gewalttätig werden, haben Frauen ihnen oft nichts entgegenzusetzen – weil sie die Gewalt woanders erwartet haben.

Auch in der politischen Debatte sind die Maßstäbe verschoben. Als strukturelles – und damit veränderbares – Problem wird Gewalt wiederum vor allem dann verhandelt, wenn der Täter Flüchtling ist oder einen Migrationshintergrund hat. Dann wird in Talkshows hitzig über gesellschaftlich vermittelte Frauenbilder und kulturell geprägte Geschlechterverhältnisse debattiert und gefragt, wer politisch die Schuld an der Gewalt trägt.

Das sind sehr wichtige Fragen. Doch leider werden sie nur selten und weniger vehement gestellt, wenn es um die alltäglichen Formen von Gewalt geht. Weil es einfacher ist, das Problem zu externalisieren, „Grenzen dicht“ und Abschiebung zu fordern, als nach den Gründen für die Gewalt in der Mitte unserer Gesellschaft zu fragen.

Ende der Fahnenstange in Sachen Gleichberechtigung

Prügelnde Ehemänner, sexuelle Nötigung auf Partys oder im Büro: skandalös, schlimm. Aber irgendwie auch nicht zu ändern. Wenn Franziska Giffey sagt, das Ausmaß der Gewalt in unserem „modernen und fortschrittlichen Land“ sei erschreckend, dann schwingt da etwas mit, das viele glauben: dass hierzulande in Sachen Gleichberechtigung das Ende der Fahnenstange weitgehend erreicht sei. Mit allem, was an Gewalt jetzt noch vorhanden ist, müsse man irgendwie leben.

Ebenso resigniert fällt dann oft die politische Antwort aus. Mehr Geld für unterfinanzierte Frauenhäuser und Beratungseinrichtungen sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Es gibt zu denken, wenn der Ausbau der Hilfenetze die einzige Antwort ist, die der Politik einfällt.

Denn eines gerät oft aus dem Blick: Gewalt „passiert“ Frauen nicht einfach. Menschen üben diese Gewalt aus, und ja: Fast immer sind es Männer. Doch gerade wenn es um Beziehungsgewalt geht, spielen die Täter in der Diskussion kaum eine Rolle. Als wäre sie eine Art Naturgesetz. Wenn 35 Prozent der Frauen in Deutschland seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben, dann müssen wir davon ausgehen, dass ein großer Prozentsatz der Männer schon einmal Gewalt ausgeübt habt.

Gewalt ist Alltag in diesem Land, weil offenbar Millionen von Männern es nach wie vor als ihr natürliches Recht ansehen, über Frauen zu verfügen. Weil sie mit ihren starren Rollenbildern nicht klarkommen. Weil sie nicht gelernt haben, gleichberechtigte Beziehungen mit Frauen zu führen. Wo ist der Aufschrei der Anständigen? Wo sind die Wahlkampfreden, Leitartikel, Predigten von ebenjenen Männern, die sonst zu allem eine Meinung haben? Und warum schicken wir unsere Töchter zu Tausenden in Selbstverteidigungskurse, während die wenigen Engagierten, die Jungenarbeit machen oder versuchen, Gewalttäter zu resozialisieren, um jeden Cent kämpfen müssen?

Frauen wehren sich seit Jahrzehnten gegen die Gewalt und sie haben vieles erreicht. Aber die Verantwortung liegt nicht bei ihnen. Es ist allerhöchste Zeit, die Täter in den Blick zu nehmen – und das gesellschaftliche Klima, das ihre Gewalt begünstigt.

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