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Zweierlei Begehren

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Was eigentlich haben Onlinehandel, Paketzustellung und gesprengte Geldautomaten miteinander zu tun? Die Kolumne.

Zum Jahreswechsel wurde wieder fleißig ausgezählt und Bilanz gezogen. Zeit für Statistiken und Hochrechnungen. 2018 war das Jahr der zerfetzten Geldautomaten, noch nie wurden so viele gesprengt und geplündert. An fast jedem Tag wird irgendwo in Deutschland ein Automat in die Luft gejagt. Über 350 sollen es 2018 gewesen sein, im Jahr davor waren es 270.

Oder nehmen wir das Paketzustellwesen. Jede achte über einen Onlinehändler georderte Bestellung ist 2018 rückabgewickelt worden, mehr als jemals zuvor. Der moderne Versandhandel dient also nicht nur der Einlösung von Konsumwünschen, die Leistungen des Zustellers werden gleich noch einmal in Anspruch genommen, wenn diese, aus welchem Grund auch immer, zerplatzt sind.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass den mutigen Besteller der Wirklichkeitssinn erst nach Öffnen des Päckchens ereilt. Dann muss das unpassende Stück halt zurück. Die praktische Form des Äquivalententauschs, Ware gegen Geld, ist zu einer komplexen Alltagshandlung geworden. Wir haben es inzwischen mit einer Ökonomie des permanenten Aufschubs zu tun. Die schönen Dinge müssen neu verpackt und zur Paketannahme befördert werden. Beschriften, warten, die Mühen des mit prekär beschäftigten Boten am Laufen gehaltenen Lieferdienstes sind oft vergeblich.

Ich habe die beiden Zahlen dem Nachrichtenportal eines TV-Senders entnommen und frage mich seither, ob irgendein Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Immerhin verraten beide einen jeweiligen Trend.

Die gesprengten Bankautomaten sprechen für eine Brutalisierung der Kriminalität. Etwas, das man unbedingt haben will, muss auf dem schnellsten Weg aus seinem widerspenstigen Behältnis geholt werden. Trick und Raffinesse waren gestern, jetzt muss es krachen. Wer Geldautomaten sprengt, setzt dabei nicht zuletzt seine Kompromisslosigkeit unüberhörbar und unübersehbar in Szene. Das derart aufgeführte kriminelle Werk ist auch das Ergebnis einer inszenierten Wut. Die Banden suchen den direkten Weg, sie gefallen sich vermutlich sehr in ihrer Demonstration der Ungeduld.

Zu den zufällig nebeneinander stehenden statistischen Trends fallen die unterschiedlichen Formen des Begehrens auf. Hieß es früher einmal: Die Gentlemen bitten zur Kasse, so setzen die kriminellen Banden nun auf unmittelbaren Vollzug. Haben. Jetzt.

In der Welt des digitalen Handels manifestiert sich das Begehren auf subtilere Art. Bei Onlinebestellungen geht es nun einmal nicht ohne Triebaufschub. Zwischen der glücklichen Wahl und dem schnöden Empfang vergeht einige Zeit. Erscheint das Reich der Möglichkeiten vor der Tastatur nahezu unbegrenzt, setzt die Desillusionierung im Augenblick der Zustellung ein.

Nach der erfolgten Lieferung ist man keineswegs quitt. War es wirklich das, was ich wollte? Sollte man es sich nicht noch einmal ganz neu überlegen? Der Augenblick des Entschlusses, der dem Konsumenten im Laden stets auch einen Kick versetzt, kann in der ernüchternden Szene des Auspackens daheim mühelos noch einmal verworfen werden. Erklärungen und Ausflüchte sind nicht nötig, man ist so frei.

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