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Die berufstätige Mutter als Zuverdienerin gilt als „doppeltbelastet“.

Gleichberechtigung

Mutti kümmert sich ums Kind

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Der Vater ist Haupternährer der Familie, die Mutter macht Teilzeit und hält dem Mann den Rücken frei. Das ist die Norm. Es wird Zeit, dass sich die Arbeitsteilung der Paare ändert. Der Gastbeitrag.

Die Frauen, die heute berufstätig sind, gehören zu der am besten ausgebildeten Frauengeneration, die es je gab. Ihre Berufs- und Ausbildungsabschlüsse sind oft besser als die der Männer, wenn auch in anderen Fächern. Im Arbeitsleben jedoch geht die Schere weit auseinander: Spätestens bei der Geburt des ersten Kindes wird der Schalter umgelegt: Der Vater wird meist zum Haupternährer der Familie, die Mutter nimmt eine Teilzeitstelle und ist Zuverdienerin.

Damit sind auch bei gleicher Ausbildung der Eltern die Weichen für die Berufsjahre gestellt: Männer sind auf dem Arbeitsmarkt verfügbar. Sie haben den Rücken frei, denn die teilzeiterwerbstätige Ehefrau übernimmt den größten Teil der Haus- und Familienarbeit. Mit ihrem Status als Familienernährer sind Männer sogar bevorzugt bei der Vergabe gut bezahlter Stellen mit Prestige und Weisungsbefugnis. Die berufstätige Mutter als Zuverdienerin gilt dagegen als „doppeltbelastet“, und so bleibt für sie der Rest. Frauenförderpläne, Quotierungen und Paritätsgesetze sollen das ändern. Kann Parität von Frauen und Männern im Beruf erreicht werden, wenn in den Familien Kinderbetreuung und Hausarbeit nicht geteilt wird?

Die Hausfrauenehe in den 70ern naturgegebene Norm

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Überzeugung, Frauen seien für Haushalt und Familien alleine zuständig, in Westdeutschland auch eine juristische Vorgeschichte hat: Bis in die späten 1970er Jahre galt die Hausfrauenehe in der Rechtsprechung als naturgegebene Norm. Bis 1977 war ihnen eine Berufstätigkeit nur erlaubt, soweit es mit ihren „Pflichten in Ehe und Familie“ vereinbar war (§ 1356 BGB). Salopp ausgedrückt, es war ein Scheidungsgrund, wenn dem Ehemann der berufstätigen Frau der Haushalt nicht ordentlich genug war. Frauenrechtlerinnen setzten sich jahrelang für eine Abschaffung dieses Paragrafen ein. Seit der 1977 gibt es ihn nicht mehr. Aber auch dann noch gab es viele Hindernisse, die Mütter, wenn sie berufstätig sein wollten, überwinden mussten.

Wohl in keinem anderen Industrieland wurde die Erwerbstätigkeit von Müttern derart erbittert bekämpft wie in Westdeutschland. Jahrzehntelang sahen sich Mütter einer Phalanx von Wissenschaftlern und Politikern gegenüber: Von wissenschaftlicher Seite wurden sie geradezu bombardiert mit der „Erkenntnis“, dass ihre Berufstätigkeit den Kindern unwiderruflichen Schaden zufügen würde. Mit dieser ideologischen Rückendeckung schuf die Politik im Nachkriegsdeutschland bis zum Ende der 1980er Jahre Fakten: Westdeutsche Länder und Kommunen weigerten sich, für ein ausreichendes Angebote an Kleinkindbetreuung, Ganztagsplätzen und Hortbetreuung zu sorgen. Länder und Kommunen hatten ein scheinbar unschlagbares Argument: Es war kein Geld da.

Dieser herbeigeführte Mangel an Kindertagesstätten war immer ein arbeitsmarktpolitisches Regulativ. Zusammen mit der Überzeugung, dass Familienarbeit in die Zuständigkeit der Frau gehört, führte das Fehlen institutioneller Kinderbetreuung in der alten Bundesrepublik jahrzehntelang dazu, dass Mütter nur unter größten Schwierigkeiten berufstätig sein konnten.

Ostdeutsche Frauen wehrten sich

Dass die Akzeptanz von Kitas Ende des letzten Jahrtausends stieg, ist vor allem den ostdeutschen Frauen zu verdanken: Alle Versuche, die Müttererwerbstätigkeit in den neuen Bundesländern durch Abbau der vorhandenen Kitas einzuschränken und damit die Arbeitslosenstatistik zu schönen, schlugen fehl. Die ostdeutschen Frauen wehrten sich und ließen sich die Berufstätigkeit nicht nehmen.

Inzwischen gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz und seit 2013 auf einen Krippenplatz. Viele Kindergärten nehmen auch schon Ein- oder Zweijährige auf. In vielen Orten allerdings nützt den Eltern der Rechtsanspruch gar nichts. Aufgrund der jahrzehntelangen Mangelplanung fehlt es immer noch an Plätzen.

Im Gegensatz zum Nachkriegsdeutschland ist die Berufstätigkeit von Müttern heute „normal“, auch die Väter sind aktiver an Betreuung und Erziehung ihrer Kinder beteiligt. An der Arbeitsteilung der Paare hat das aber kaum etwas geändert. Die Frau hält dem Mann den Rücken frei, das ist zwar heute nicht mehr die juristische, aber die faktische Norm.

Um auf diese Weise Beruf und Familie zu vereinbaren, wählen 74 Prozent der Mütter die Teilzeitarbeit. Somit bleiben auch die Strukturen des Arbeitsmarktes unverändert. Die volle Verfügbarkeit ist nach wie vor die Voraussetzung für beruflichen Erfolg. Da Frauen mit Kindern ihrerseits niemanden haben, der ihnen den Rücken freihält, sind sie automatisch im Nachteil – trotz Frauenförderplänen, Quotierungen und Paritätsgesetzen. Karrieren werden nach 17 Uhr gemacht, heißt es. Und dann sind Männer meistens unter sich.

Gunhild Gutschmidt ist Soziologin mit den Schwerpunkten Familienpolitik und Arbeitsmarkt.

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