Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Zwei Alphatiere auf Konfrontationskurs: Erdogan und Putin.
+
Zwei Alphatiere auf Konfrontationskurs: Erdogan und Putin.

Abschuss Su-24

Zwei Putins sind einer zu viel

  • Christian Esch
    VonChristian Esch
    schließen

Nach dem Abschuss des Kampfjets Su-24 ist klar: Die autoritären Politiker Erdogan und Putin haben die schwierige Gleichung des Konflikts in Syrien nur komplizierter gemacht. Der Leitartikel.

Der jordanische König Abdullah II. war am Dienstag in Sotschi in einer undankbaren Rolle: Er musste stumm dasitzen, während sein Gastgeber Wladimir Putin gleich kübelweise seinen Zorn über die Türkei ausgoss. Man merkte dem Besucher förmlich die Anstrengung an, sein Gesicht zu kontrollieren und jedes Nicken zu vermeiden, das die russischen Fernsehkameras hätten aufzeichnen können. Was hätte der König auch machen sollen? Putin nannte die Türkei eine Komplizin des Terrors, ihre Armee eine Beschützerin des „Islamischen Staats“, ihr Vorgehen einen Dolchstoß in Russlands Rücken. Fünf Stunden zuvor hatten türkische Kampfflugzeuge einen russischen Jagdbomber vom Himmel geholt.

Nicht nur König Abdullah, wir alle haben am Dienstag einen Wladimir Putin gesehen, wie man ihn selten sieht. Russlands Präsident war nicht bloß zornig; er war bitter gekränkt, ja wie aus der Bahn geworfen. Er, der die Pose des Starken liebt, war in der Rolle des Verletzten; er drohte wenig und klagte viel.

Grund hat er. Ein Flugzeug nicht abzufangen, sondern gleich abzuschießen, weil es allenfalls Sekunden türkischen Luftraum verletzt hat, das ist – vorsichtig gesagt – eine bizarre Überreaktion. Aber mehr noch als der Abschuss hat Putin vermutlich gekränkt, was darauf folgte: Präsident Erdogan hat, anstatt den Streit von Mann zu Mann zu führen und mit einem Telefonat beizulegen, stattdessen die Nato angerufen. Das entspricht nicht Putins Vorstellung, wie man miteinander und mit Russland umgeht.

Und doch ist Putins Verblüffung ihrerseits verblüffend. Was hat sich Russlands Präsident gedacht, als er militärisch in Syrien eingriff? Russlands Luftwaffe hat ja nicht nur mehrfach türkischen Luftraum verletzt und sie hat nicht nur ein in Ankara verhasstes Regime gestützt, sie hat vor allem gleich vor der türkischen Grenze Kämpfer bombardiert, die zu Syriens türkischer Minderheit gehören und von der Türkei unterstützt werden.

Russland hat sozusagen Ankara immer und immer wieder auf die Zehen getreten und dazu ein freundlich-gleichgültiges Gesicht gemacht. Es hat getan, was es dem Westen in der Ukraine vorwarf: nämlich die regionalen Interessen einer großen Macht zu verletzen, ohne sich um deren Reaktion zu scheren. Und so wie Putin damals in der Ukraine reagierte, indem er gleich den ganzen Spieltisch umwarf, so hat auch Erdogan diesmal sich nicht an jene Regeln gehalten, deren Beachtung die Gegenseite von ihm fest voraussetzte.

Das kommt nun ausgerechnet zu jener Zeit, da Putin die Erfolge seiner riskanten Syrien-Offensive sichern wollte. Russland, das sich in der Ukraine-Krise isoliert hatte, ist mit der Wendung nach Syrien wieder zum geachteten Partner geworden, und das war auch der Sinn des Manövers. Sein krönender Abschluss sollte die Bildung einer Koalition mit westlichen Nationen sein – eben das symbolisierte der Besuch des französischen Präsidenten François Hollande in Moskau an diesem Donnerstag.

Wie sehr Putin diese Koalition wünscht und schon vorab herbeibeschwört, das zeigte das russische Fernsehen vor zehn Tagen. Da sah man den Präsidenten im neuen „War Room“ des Verteidigungsministeriums, wie er über Funk den Kommandanten eines Raketenkreuzers im Mittelmeer anwies, die nahende französische Flotte „wie Verbündete“ zu behandeln. Der ganze Fernsehauftritt war wohl für diesen einen Satz aufgezeichnet worden.

Die Einigung im Angesicht eines gefährlichen Feindes ist nun erst einmal gescheitert. Es hat sich längst herausgestellt, dass der IS für fast alle Nationen ein Feind, aber für die wenigsten der vordringlichste ist. Für die Türken etwa ist der vordringliche Feind nicht der IS, es sind die syrischen Kurden und auch das Assad-Regime an sich. Und Moskau sieht den vordringlichen Feind in jenen Rebellengruppen im Nordwesten, die erst einmal aus dem Weg geschafft werden müssen, damit Assads Regime überhaupt auf die Beine kommt. Gegensätzlicher könnten die Ziele nicht sein. Erdogan hat die Kulisse, die Putin mit aufgebaut hat, am Dienstag zerstört. Das war seine Antwort auf Moskaus Fabel, es bekämpfe den IS und handele somit im Sinne aller Seiten. Aber Häme gegenüber Russland ist nicht angebracht. Es ist ja der Westen, der in Syrien und im Nahen Osten die Zerstörung staatlicher Strukturen in Kauf genommen, ja vorangetrieben hat. Und es ist der Westen, dem eine Strategie für ein Ende des Bürgerkriegs fehlt.

Nun ist die Lösung noch ferner. Nicht nur Putin, auch Erdogan hat bewiesen, dass er zu erratischen Handlungen neigt und sich um internationale Reaktionen nicht schert. Zwei autoritäre, eigensinnige Politiker haben die komplizierte Gleichung des Syrienkonflikts noch etwas komplizierter gemacht. Vielleicht ist es gerade das, was Wladimir Putin so entsetzt hat, als er am Dienstag vom Abschuss des russischen Kampfbombers erfahren hatte: Dass da noch einer ist wie er, ein Unberechenbarer, ein Bruder im Geiste. Es war wie ein Blick in den Spiegel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare