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Militärpolizei in der Nähe von Monrovia, Liberia.
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Militärpolizei in der Nähe von Monrovia, Liberia.

Ebola

Die zwei Gesichter Afrikas

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Seuchen und Wohlstand, Armut und Aufschwung: Die Entwicklung des Kontinents wirkt wie ein Beben an der Schnittstelle zwischen Gewinnern und Verlierern der Modernisierung. Der Leitartikel.

Zwei Ereignisse, die Afrika derzeit in Atem halten und die nur schwer in Einklang zu bringen sind: In Washington haben sich mehr als 40 Staatschefs des Kontinents eingefunden, um sich von der Supermacht umwerben zu lassen. Die USA befürchten, dass sich der erwachende Erdteil mit seinen mehr als einer Milliarde Konsumenten und den eindrucksvollen Wachstumsraten noch weiter von ihnen abwenden könnte. Gleichzeitig sind alle Augen auf die ungebremste Ausbreitung des Ebola-Virus in Westafrika gerichtet: eine Seuche, die an den alten, den verdammten, den Kontinent der Kriege, Katastrophen und Krankheiten erinnert. Was ist wahr, und auf was haben wir uns einzustellen? Einen aus der Asche steigenden Phönix oder die alte Leier vom Kummerkontinent?

In Kürze: auf beides. Für Afrika – und ausnahmsweise ist in diesem Fall die grobe Verallgemeinerung des aus 55 Ländern bestehenden Erdteils erlaubt – beginnt ohne Zweifel eine neue historische Ära. Nicht nur, dass die Welt in steigendem Ausmaß an den Schätzen des von Rohstoffen gesegneten Kontinents interessiert ist. Auch die wachsende Mittelschicht zieht verstärkt weltweit agierende Konzerne wie Nestlé, Walmart, Carrefour, Unilever und Volkswagen an. Gleichzeitig pumpt vor allem China Milliardenbeträge in Infrastrukturprojekte, baut Straßen, Eisenbahnlinien und Einkaufszentren. Das Gesicht afrikanischer Metropolen wie Addis Abeba, Lagos oder Kinshasa wird sich allmählich der Skyline Schanghais anpassen.

Doch zur selben Zeit scheint der Kontinent an anderen Ecken und Enden ins Mittelalter zurückzufallen. In der Zentralafrikanischen Republik schlachten sich Christen und Muslime gegenseitig mit Buschmessern oder Pfeil und Bogen ab, im Südsudan verhungern Kinder, weil sich zwei Big Men und ihre Volksstämme um die Macht im jüngsten Staat der Erde zanken. In der Sahelzone trachten Islamisten danach, einen Gottesstaat nach mittelalterlichem Vorbild zu errichten. Und in Sierra Leone fallen Hunderte einer Seuche zum Opfer wie einst die Europäer der Pest.

Mit derartigen Diskrepanzen ist nach Auffassung von Jakkie Cilliers, dem Direktor des Instituts für Sicherheitsstudien in Pretoria, in Zukunft eher verstärkt zu rechnen. Es seien die Geburtswehen einer neuen Ära. Beben, die an den Schnittstellen zwischen den Sphären von Gewinnern und Verlierern der neuen Ordnung auftreten.

Nirgendwo ist der tektonische Bruch deutlicher zu sehen als im bevölkerungsreichsten Staat des Kontinents, Nigeria. Dessen Norden wird von einem unbeschreiblichen Ansturm extremistischer Islamisten aufgewühlt. Sie entführen Mädchen, um sie auf Sklavenmärkten zu verkaufen, schlachten wehrlose Dorfbewohner wie Ziegen ab. Kürzlich wurde eine zehnjährige Selbstmordattentäterin mit Sprengstoffgürtel festgenommen. Unterdessen ziehen tausend Kilometer weiter südlich Bautrupps eine aus dem Meer ragende Zukunftsstadt in die Höhe, während Aliko Dangote, der reichste Mann Afrikas, immer neue lukrative Unternehmensbereiche aus der Taufe hebt und eine Filmindustrie, deren Output Hollywood in den Schatten stellt, den ganzen Kontinent mit Unterhaltung versorgt.

Man hält es kaum für möglich, dass beide Teile dieses Landes vom selben Kabinett regiert werden. Offensichtlich waren die Minister von den Erfolgen im Süden dermaßen beglückt, dass sie den Notstand im Norden nicht wahrgenommen haben. Dort schlug die Verarmung, angeheizt von der Klimaerwärmung, in mörderische Verzweiflung um. Niemand zweifelt daran, dass die terroristischen Umtriebe, die derzeit die gesamte Sahelzone erschüttern, der Armut zuzuschreiben sind: Menschen, die sich von der Zukunft ausgeschlossen fühlen, fliehen in die Vergangenheit.

Ein Bild, das den gesamten Kontinent beherrscht. Selbst in Südafrika, wo es Nelson Mandelas ANC geschafft hat, eine beachtliche schwarze Mittelschicht hervorzubringen, nehmen die Spannungen zwischen Profiteuren und Verlierern zu – eine Entwicklung, die Populisten wie der einstige Chef der ANC-Jugendliga, Julius Malema, auszunutzen wissen. Ihn vergleicht die Regierungspartei nicht zu Unrecht mit Adolf Hitler: Seine Sturmtruppen drohen die Deiche um das von einem Meer der Armut umschwappte Kap der Guten Hoffnung zu schleifen.

Die in Washington versammelten Staatschefs können etwas dafür tun, dass Afrika nicht wie Europa vor hundert Jahren von einer Katastrophe in die nächste taumelt. Gute Regierungsführung, Kampf gegen Korruption und vor allem eine bessere Verteilung des Reichtums können die Gefahr eines afrikanischen „Frühlings“ noch bannen, der – wie sein arabisches Vorbild – in den eisigen Winter zurückführen würde. Afrika steht an der Wegscheide zwischen einem von Diskrepanzen und Aufruhr beherrschten Mittelalter und einer Epoche der Hoffnung. Es liegt an den in Washington versammelten Männern – die einzige Staatschefin des Kontinents ist wegen der Ebola-Seuche zu Hause geblieben –, den Weg in die Zukunft einzuschlagen.

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