Leitartikel

Zuversicht ist Pflicht

  • vonMatthias Koch
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Die Politik tut in der Corona-Krise viel für die Wirtschaft. Sie senkt sogar die Mehrwertsteuer. Aber was, wenn diese und andere Hilfen nicht wirken? Dann hilft nur Psychologie. Der Leitartikel.

Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie. Hinter diesem alten Lehrsatz des Zigarrenrauchers Ludwig Erhard, Bundeswirtschaftsminister von 1949 bis 1963, versammelt sich die deutsche Politik in diesen Tagen noch einmal neu.

Der psychologische Teil der Herausforderung in der Corona-Krise war wichtig. Ihn hat die schwarz-rote Koalition gut gemeistert. Insofern verdient sie schon mal ein 50-Prozent-Lob – ganz unabhängig von allen ökonomischen Tatsächlichkeiten, die erst noch in einigen Monaten zu bewerten sein werden. Die Deutschen erleben einen ermutigenden Staat, der allen zu helfen versucht. Der Soloselbstständige, der sein kleines Theatercafé schließen musste, wird ebenso über Wasser gehalten wie der milliardenschwere Luftfahrtkonzern, der plötzlich am Boden ist. Von dem 300-Euro-Bonus für jedes Kind wird armen Familien nichts abgestrichen, Besserverdienende gehen hier leer aus. Dies alles fördert Zusammenhalt, Solidarität und Zuversicht.

Wirtschaft besteht allerdings, da liegt der Haken, nicht nur aus Psychologie. Die Uhr tickt, auch jetzt. Früher oder später entscheidet über Wohl oder Wehe jedes Unternehmens die mitleidslose Mathematik von Soll und Haben. Dieser Aspekt wird von den Deutschen kollektiv verdrängt – mit dem Effekt, dass die Stimmung am Standort Deutschland derzeit etwas besser ist als die wahre Lage.

In den Branchen Auto, Reise, Luftfahrt, Hotels und Gastronomie befinden sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Kurzarbeit. So verhindere man Arbeitslosigkeit, sagt die Bundesregierung stolz, und das stimmt ja auch, bisher jedenfalls. Doch die Vorstellung, man könne bald im Sinne einer V-Kurve zum vorherigen Zustand zurückkehren, wird sich in vielen Fällen als Illusion entpuppen.

Mit Friktionen, Umbau und Neuaufstellungen kann ein moderner Industriestaat umgehen – solange denn die industriellen Kerne noch vorhanden sind. Im Auge behalten muss die Politik jetzt vor allem die Autobauer. Als Politiker kann man es bedauern, aber man darf nicht daran vorbeisehen, dass die Automobil-Beschäftigten, Stand Juni 2020, noch immer zu 80 Prozent mit Verbrennungsmotoren hantieren.

Größte Vorsicht und Umsicht bleiben geboten. Jedes unangenehme Geräusch, jede Meldung über Entlassungen könnte in den nun folgenden Monaten extrem stören. Denn ein zentraler Teil des Konjunkturpakets ist ja gerade keine klar definierte, konkrete Ankurbelung, sondern nur eine generelle Versuchsanordnung: Deutschland senkt befristet bis zum Jahresende die Mehrwertsteuer um drei Punkte und wartet ab, was passiert. Was aber, wenn die Leute einfach nur sparen – oder sich allenfalls einen neuen Flachbildschirm aus Südkorea kommen lassen oder die Playstation 5? Niemand kann, was die Wirkung auf Beschäftigung in Deutschland angeht, ein weitgehendes Verpuffen der Mehrwertsteuersenkung ausschließen.

Fatal wäre es, wenn im Herbst negative und positive psychologische Faktoren kollidieren würden: Was nützt eine sinkende Mehrwertsteuer bei wachsender Angst vor Arbeitslosigkeit? Erneut geriete Ludwig Erhards Leitmotiv in den Blick; es bliebe unwiderlegt, diesmal in der abwärts weisenden Variante. Alle Hoffnungen der heute so stolzen Steuersenker, die Deutschen würden sich bis Jahresende selbst auf wundersame Weise aus der Krise herauskonsumieren, mit fröhlich gesteigerten Privatausgaben, könnten sich dann in Luft auflösen.

Zum Glück gibt es noch andere Faktoren, die bald wirksam werden. Das 750-Milliarden-Paket der EU ist an erster Stelle zu nennen. Hinzu kommen die mutigen Richtungsentscheidungen für E-Mobilität und für den Beginn einer grünen Wasserstoffwirtschaft. Die Aktienmärkte scheinen, bei aller Nervosität, weiterhin auf das Kommende zu bauen.

Offen bleibt allerdings die Frage, wann und mit welcher Wirkung auch die Realwirtschaft wieder anspringt. Es muss geschehen, bevor dem stabilisierenden Staat seinerseits die Puste ausgeht.

Zuversicht zu verbreiten, wird in dieser spannenden Lage zur Staatsräson, und vielleicht gar ein Stück weit auch zur Bürgerpflicht.

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