Kolumne

Zusammengesetzte Zersetzer

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Sprachlich schaffen sie neue Begriffe, in der Ökologie dagegen Nährstoffe. Der Bogen spannt sich vom Maschinengewehr zum Sojaanbau.

Deutsch ist eine kreative Sprache. Zwar bereitet sie manchem, der nicht mit ihr aufgewachsen ist, ein paar Schwierigkeiten. Aber man kann mit ihr besondere Dinge anstellen. Zum Beispiel mehrere Hauptwörter zu neuen Begriffen aneinanderreihen. Dem, der des Ungarischen mächtig ist, bedeutet das nichts Neues, denn das können die Magyaren genauso gut. Auf Englisch, Spanisch und in den anderen Weltsprachen geht das dagegen gar nicht.

Zwar ist die Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänskajüte keine Wortschöpfung, die umgangssprachlich bedeutsam wäre. Und auch die Reiswaffelfabrikantentochter spielt im täglichen Sprachgebrauch eine eher unbedeutende Rolle, wohl wegen der Seltenheit einschlägiger Fabrikbesitzer. Dagegen kann einem ein Raumsparwaschvollautomat sprachlich durchaus immer wieder begegnen.

Man kann wunderbare Worte erschaffen, die jedoch nicht immer folgenlos bleiben. Verbürgt ist ein Soldat des Zweiten Weltkriegs, der die Frage nach einem Bestandteil seines Maschinengewehrs mit Maschinengewehrwasserkühlungskupferdichtungsring beantwortete. Sachlich war das durchaus anschaulich beschrieben, aber terminologisch nicht ganz korrekt und infolge militärischer Humorlosigkeit mit schwerer Strafe belegt. Apropos, die Kriegssonderstrafrechtsverordnung war eine üble Angelegenheit, mit der die Nazis diejenigen zerstören wollten, die sie Wehrkraftzersetzer nannten. Das Wort ist belegt mit Angst, Terror und Tod und bezeichnet aus heutiger Sicht wahre Helden.

Rein friedlicher Natur sind die Bestandesabfallzersetzer. Ökologen knüpften für diesen reichlich destruktiv klingenden Begriff drei Substantive aneinander, um damit eine ganze Heerschar von Einzellern, Pilzen, Insekten, Würmern und anderen Lebewesen zu beschreiben, welche – bei uns besonders im Herbst – anfallende Pflanzenbestandteile wie Laub und Totholz zersetzen. Die das mit dem abgefallenen Grün der Rebstöcke tun, könnte man als Weinbergsbestandesabfallzersetzer bezeichnen, was aber sprachlich doch etwas übertrieben komponiert wäre.

Abgestorbenes pflanzliches Material liegt nicht einfach auf dem Boden herum und rottet einsam vor sich hin. Es wird vielmehr von den Bestandesabfallzersetzern nach der Humusbildung mineralisiert. Anorganische Verbindungen unter anderem aus Phosphor und Stickstoff werden damit als Nährstoffe wieder für die Pflanzen verfügbar gemacht, und der Kreislauf kann von vorn beginnen.

In den Tropen laufen diese Prozesse wegen der dauerhaft hohen Temperaturen so zügig ab, dass sich im Boden praktisch kein Humus anreichert und die Nährstoffe sehr schnell wieder von den Pflanzen aufgenommen werden. Deswegen kann dort Landwirtschaft nach europäischem Vorbild eigentlich nicht funktionieren. Jeder Kleingärtner weiß, wie mager die Ernte in seiner Parzelle ohne Humus ausfiele.

Die Agrarindustrie schert sich nicht um natürliche Kreisläufe. Sie holzt die Tropenwälder ab und nutzt die Böden nur, damit Pflanzen wie die Sojabohne sich festkrallen können. Die Nährstoffe werden diesen Monokulturen durch Kunstdünger zugeführt. Den liefern in Brasilien dieselben Schiffe an, mit denen das Soja dann nach Europa exportiert wird. Lukrativ für die Firmen, aber sozial und ökologisch schädlich. Was für ein gigantisches brutalagrarindustrielles Tropenbodenzerstörungsprogramm!

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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